Im Essener Landgericht: Der Angeklagte neben seiner Verteidigerin Anja Bleck-Kentgens. © Jörn Hartwich
Landgericht Essen

Halterner attackiert Nachbarn mit Jagdmesser: „Mich bedroht keiner“

Ein 22-jähriger Mann aus Haltern sticht in seiner ehemaligen Marler Wohnung mit einem Messer auf einen Nachbarn ein. Vor Gericht sagt er, dass er sich nur verteidigen wollte.

Es ging alles ganz schnell: Vor rund sieben Monaten hat ein 22-jähriger Mann aus Haltern in seiner damaligen Marler Wohnung auf einen Nachbarn eingestochen. Vorausgegangen war ein Streit um zu laute Musik mit offenbar gegenseitigen Drohungen. Die Tatwaffe war ein Jagdmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge. Seit Freitag beschäftigt der Fall das Essener Landgericht.

„Wollte das nicht auf mir sitzen lassen“

Es war der Morgen des 29. Februar 2020. Der Nachbar hatte den Angeklagten zur Rede gestellt, weil es ihm in der Nacht zuvor viel zu laut gewesen ist. Eigentlich war die Sache danach auch erledigt. Doch der Angeklagte kam noch einmal zurück: „Ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen.“ Diesmal hatte er allerdings ein Jagdmesser dabei. „Sicherheitshalber. Ich wusste ja nicht, was passieren wird.“

Laut Anklage hat der 22-Jährige fünf Mal zugestochen – vor allem ins Bein. Dabei soll er noch gerufen haben: „Mich bedroht keiner.“

Not-OP und schwere Folgen

Der Nachbar hatte Glück. Sein Leben konnte durch eine Not-Operation gerettet werden. Der 40-Jährige hatte große Mengen Blut verloren. Die Folgen sind bis heute spürbar. „Ich kann keine langen Strecken mehr laufen“, sagte er den Richtern bei seiner Zeugenvernehmung. „Außerdem habe ich Albträume und manchmal auch Angst vor Menschen.“ Nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus habe er anfangs nur noch bei Licht schlafen können.

„Ich war am Heulen“

Der Angeklagte wollte die Tat vor Gericht auch gar nicht bestreiten. Er behauptet jedoch, dass er sich nur verteidigt habe. „Er wollte mich schubsen und schlagen“, sagte er den Richtern. Da habe er zum Messer gegriffen.

Am Ende war er aber offenbar erschrocken über sich selbst. Als sein Nachbar zusammensackte, lief er zurück in seine Wohnung und rief selbst die Polizei. „Ich war am Heulen“, sagte er den Richtern. „Ich wusste ja nicht, was passiert war. Ich wollte ihn retten.“

Samuraischwerter in der Wohnung

Worte der Entschuldigung fand der 22-Jährige im Prozess allerdings nicht. Dass er ein Jagdmesser in der Wohnung hatte, war aus seiner Sicht offenbar nicht ungewöhnlich. Bei der späteren Durchsuchung waren auch noch Samuraischwerter, eine Luftpistole, ein Säbel, eine Machete und eine Armbrust gefunden worden.

Sein damaliger Nachbar war erst einen Tag vor der Tat eingezogen. Der nagelneue Laminatboden hatte danach wieder komplett herausgerissen und erneuert werden müssen. Weil alles voller Blut war.

Der Angeklagte befindet sich auf freiem Fuß. Marl hat er allerdings den Rücken gekehrt. Er wohnt jetzt wieder in Haltern, wo er auch aufgewachsen ist. Sein Vater hat ihn wieder aufgenommen. Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung. Der Prozess wird fortgesetzt.

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Gerichtsreporter

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