Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr aus Haltern müssen bei ihren Rettungsaktionen teilweise schreckliche Erlebnisse verkraften. © Janis Czymoch
Interview

Halterner Feuerwehrchef: „Es ist wie im Film – der Druck steigt“

Der Leiter der Halterner Feuerwehr spricht im Interview über den steigenden Druck in gefluteten Kellern, magentafarbene Gewitterfronten und nur schwer zu verkraftende Einsatzerlebnisse.

In der Seestadt gibt es insgesamt 18 Sirenenstandorte. „Auf dem Dach der Grundschule in Lavesum ist eine angebracht und auch auf einem der Häuser in der Siedlung am Markenkamp“, erklärt Georg Rohlf (58), Leiter der Feuerwehr in Haltern. Sie werden im Katastrophenfall eingesetzt, um die Halterner zu warnen. Der 58-Jährige spricht im Interview mit unserer Redaktion unter anderem über Strategien im Katastrophenfall und eine maximale psychische Überlastung von Helfern.

Als die Einsatzkräfte der Halterner Feuerwehr 2019 einen Brand auf der Münsterstraße endlich bekämpft hatten, boten sich den Helfern schreckliche Bilder. Ein vermisster Mann wurde nur wenige Meter hinter seiner Wohnungstür tot aufgefunden. Wie gehen selbst erfahrene Feuerwehrleute wie Sie mit einer solchen Situation um?

Da macht man sich auch heute manchmal noch einen Kopf. Wegen der hohen Temperaturen hatten die Feuerwehrleute das schwerbeschädigte Haus nur von außen löschen können. Und auch nach den Löscharbeiten konnte die Suche nach einer vermissten Person nicht sofort beginnen.

Erst musste ein Baufachberater schauen, ob es aus statischen Gründen überhaupt zu verantworten war, in das einsturzgefährdete Haus zu gehen. Es ist schrecklich, wenn ein Risiko so unberechenbar ist.

Doch genau solche unberechenbaren Situation erleben Sie als Retter bei ihren Einsätzen regelmäßig. Insbesondere im Katastrophen- oder Gefahrenfall – wie es im Fachjargon der Feuerwehr üblicherweise heißt. Können Einsatzkräfte in Haltern auf so eine Situation ebenso wie beim Jahrhundert-Hochwasser im Juli überhaupt vorbereitet sein?

„Für mich persönlich beschreibt der Begriff „Katastrophenfall“ die Situation im Juli schon ganz gut. Sie müssen sich vorstellen, es herrschte ja eine vollkommene Überlastung der Infrastruktur. Auf so etwas ist niemand perfekt vorbereitet. Der Begriff beschreibt es schon ganz gut, dass man der Lage erst mal hinterher läuft.

Georg Rohlf: „Es ist schrecklich, wenn ein Risiko so unberechenbar ist“.
Georg Rohlf: „Es ist schrecklich, wenn ein Risiko so unberechenbar ist“. © Bludau © Bludau

Und wir wissen doch alleine schon, wie oft sich im Sommer bei Gewittern die Warnstufen in Haltern verändern. Die Gewitterwolken kommen plötzlich und manchmal ziehen sie auch einfach über das Land hinweg. Während in Lavesum dann die Welt untergeht, ist in Sythen vielleicht gar nichts los.

Bei „Kyrill“ zum Beispiel galt für ganz Deutschland die rote Warnstufe 4. Die Gewitterfront wurde Magenta, als sie in Richtung Haltern gezogen ist, hat sich dann aber geteilt. Wir haben nicht viel abbekommen. Da guckt man dann schon sorgenvoll in die anderen Städte“.

In diesem Jahr gab es viel Lob für die Einsatzkräfte der Feuerwehren während der Flutkatastrophe. Aber genauso Berichte aus den Hochwasser-Gebieten, der Katastrophenschutz würde nicht gut helfen. Fehlen den Betroffenen oft Informationen, wie der Katastrophenschutz überhaupt arbeitet?

„Ja, denn tatsächlich gibt es sogar Strategien, die betroffenen Keller zunächst nicht leer zu pumpen. Kellerräume können zum Beispiel nicht leergepumpt werden, wenn man noch nicht weiß, ob die Stromversorgung betroffen ist. Dann fängt es innen drin an wie im Film ‚Das Boot‘ (Kinofilm von Wolfgang Petersen, 1981 – Anm.d.Red) und der Druck steigt. Man darf Einsatzkräfte dieser Gefahr nicht aussetzen.

Grundsätzlich war es während der Hochwasserkatastrophe aber so, wie ich bereits sagte, dass ein riesiges Chaos vorherrschte. Die eigene Infrastruktur war kaputt. Viele Szenarien sind auf die Einsatzkräfte eingebrochen und Schwerpunkte haben sich ständig verlagert.

Dann war das Telefonnetz zusammengebrochen. Wenn Bereitschaften irgendwohin geschickt wurden, war die Kommunikation teilweise nicht mehr möglich. Man kann viel vorbereiten, aber bei Katastrophen geht das eben nicht.

Für einen Außenstehenden und selbst für eigene Kräfte ist das sehr schwer zu akzeptieren. Aber Einsätze müssen immer Sinn und Verstand haben.

Die einzelnen Bereitschaften sind dennoch einer großen Gefahr ausgesetzt gewesen. Unter den Todesopfern waren auch einige Feuerwehrleute. Was macht das mit der Psyche der Einheiten?

„Es gab ja zusätzlich auch noch die Einsatzkräfte, die privat von dem Unglück betroffen waren. Wenn da jemand während eines Einsatzes feststellt, dass etwas mit der eigenen Familie los ist und dann auch noch Kollegen tödlich verunglücken. Dann ist die Belastung in so einer Situation maximal.

Die ganzen Konzepte, die es dann vorher gab, können in so einer Katastrophe nicht immer greifen. Es sind kriegsähnliche Zustände gewesen mit dem Unterschied das wir mit den Helfern nicht tausend Feinde, sondern tausend Freunde hatten und noch lange brauchen werden.

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Ist passionierter und aktiver Sportler aus dem schönen Bergischen Land und seit 2011, ursprünglich wegen des Studiums, im Ruhrgebiet unterwegs. Liebt die Kommunikation mit Menschen im Allgemeinen und das Aufschreiben ihrer Geschichten im Speziellen.
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