Melisa Gholam-Zalam hat auf Facebook dazu aufgerufen, direkt über die eigene Restaurant-Webseite zu bestellen und nicht mehr über Lieferando. © Janis Czymoch
Ausgeliefert

Halterner Gastronomen leiden unter Marktmacht von Google und Lieferando

Lieferando.de und Google unterstützen Gastronomen beim Verkauf übers Internet. Doch laut einem Experten benutzen sie dafür eine „Verschleierungstaktik“, unter der Halterner Betriebe leiden.

Kontaktlos über das Internet mit zwei, drei Klicks Essen bestellen und auf Wunsch auch direkt online bezahlen liegt im Trend. Eine Übersicht über viele Restaurants in der Nähe bietet der Marktführer in der Online-Gastronomie „Lieferando“, der die Bestellungen an die Gastronomen weiterleitet. Nun versucht das Halterner Restaurant „San Marco“ sich vom Liefer-Giganten mit einer eigenen Homepage unabhängig zu machen. Doch das ist gar nicht so einfach.

„Lediglich Lieferando und Co. erleben seit Corona einen Boom“, schreibt Melisa Gholam-Zalam in einem Facebook-Post. Den Eltern der Marketing-Studentin gehört das „San Marco“ an der Rochfordstraße und die 24-Jährige kümmert sich nebenbei um den Internetauftritt des Restaurants. In einem emotionalen Facebook-Beitrag ruft sie die Kunden dazu auf, nicht mehr über Lieferando zu bestellen.

Lieferando erstellt „Schattenwebseiten“

Auf den ersten Blick profitieren die hungrigen Kunden vom einfachen Bestellen über Lieferando – und die Restaurants von der Reichweite, die der Online-Anbieter für die Gastronomen erzeugt. „Mehr als 26.000 Restaurants in Deutschland lassen sich durch Lieferando.de rund 13 Millionen Bestellungen pro Monat vermitteln“, teilt der niederländische Mutter-Konzern von Lieferando, Just Eat Takeaway, auf Anfrage mit.

Tatsächlich entsteht die Reichweite von Just Eat Takeaway aber nicht einfach nur durch ihre Domain Lieferando.de. Denn Lieferando erstellt für das „San Marco“ eine Webseite, deren Adresse (URL) der eigenen Pizzeria-Homepage zum Verwechseln ähnlich sieht.

„Wenn jemand die Pizzeria oder das Eiscafé meiner Eltern über Google sucht, sind die ersten Treffer bezahlte Anzeigen von Lieferando. Unsere eigene Webseite folgt erst deutlich später“, sagt die 24-Jährige.

Seit ein paar Wochen hat das San Marco einen eigenen Webauftritt.
Seit ein paar Wochen hat das San Marco einen eigenen Webauftritt. © Janis Czymoch © Janis Czymoch

Professor für Kartellrecht spricht von Verschleierungstaktik

Diese sogenannten „Schattenwebseiten“ sorgen bei Rupprecht Podszun, Experte für Kartellrecht und Professor für Bürgerliches Recht von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, für Unverständnis.

„Hier wird verschleiert, wer die Seite betreibt. Das Ziel dieser Verschleierungstaktik ist es, Bestellungen über Lieferando zu leiten, obwohl diese genauso gut über die restauranteigene Website gelaufen wären. Im Ergebnis macht das für die Gastronomen aber einen großen Unterschied: Wenn Lieferando sich reindrängt, wird eine Provision fällig“, erklärt Professor Podszun.

Die Provision, die Lieferando von den Restaurants pro Bestellung kassiert, beträgt 13 Prozent. „Dazu kommen geschlagene 0,59 Euro pro Online-Zahlung“, schreibt Melisa Gholam-Zalam in ihrem Facebook-Post.

Just Eat Takeaway verweist an dieser Stelle auf „über 100.000 Euro vermittelter Jahresumsatz pro Restaurant durchschnittlich, teils sogar siebenstellig“ und spricht von einer „transparenten Preisstruktur“.

Google arbeitet mit Just Eat Takeaway zusammen

Ein anderer Halterner Gastronom steht in der Provisions-Diskussion eher aufseiten Lieferandos. „Die 13 Prozent sind ja von vorneherein klar und stehen auch so in den Verträgen. Deswegen kann ich die Leute nicht so ganz nachvollziehen, die sich im Nachhinein darüber beschweren“, sagt Rastam Haj Hossein, Besitzer des „Biano“ an der Merschstraße. Aber: „Die Schattenseiten sind nicht in Ordnung und auch was die auf Google machen, war vorher so nicht vereinbart“, sagt der 40-Jährige.

Rastam Haj Hossein hält die von Lieferando erhobene Provision für weniger problematisch als das erstellten von „Schattenwebseiten“.
Rastam Haj Hossein hält die von Lieferando erhobene Provision für weniger problematisch als das erstellen von „Schattenwebseiten“. © Janis Czymoch © Janis Czymoch

Seit vergangenem Jahr arbeitet Just Eat Takeaway eng mit dem Google-Konzern, Marktführer im Bereich Online-Suche, zusammen. Wer Essen ordern möchte, kann direkt auf Google-Seiten Essen bestellen und abgewickelt werden die Bestellungen dann über Lieferando.

„Die Zusammenarbeit zwischen Lieferando und Google ist für die Restaurants sehr kritisch. Gegen diese geballte Macht im Netz kommt man kaum noch durch. Wenn ich mein Lieblingsrestaurant im Internet suche und dort bestellen will, erwarte ich eigentlich, dass das auf Platz 1 der Suchliste steht und ich direkt bei meinem Restaurant bestelle. Dieser Weg wird immer stärker abgeschnitten, wenn sich erst Lieferando reindrängt und dann auch noch Google“, sagt Professor Podszun.

Auch Dehoga kritisiert Lieferando

Auch Lars Martin, stellvertretender Geschäftsführer für den Bereich Westfalen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), sieht Lieferandos Entwicklung kritisch. „Den Gastronomen wird die Möglichkeit genommen, eigene Werbung zu schalten, indem Just Eat Takeaway faktisch das große Werbefeld abgreift“, sagt Martin.

Der Dehoga-Geschäftsführer hält zudem fest: „Jeder muss selber beurteilen, was gerecht ist, aber ohne Not – zumindest in den Fällen, wo der Gastronom keine eigene Webseite hat – so zu tun, als wäre man der Gastronom, halte ich für sehr problematisch.“

Die Tendenz zur Monopolisierung im Internet sorgt also auch in der Gastronomie für reichlich Gesprächsstoff. „Das ist sehr bedenklich, und es ist gut, dass die Gesetzgeber in Deutschland und in der EU an schärferen Regeln arbeiten, um Wettbewerb und Fairness zu schützen“, sagt Rupprecht Podszun.

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Ist passionierter und aktiver Sportler aus dem schönen Bergischen Land und seit 2011, ursprünglich wegen des Studiums, im Ruhrgebiet unterwegs. Liebt die Kommunikation mit Menschen im Allgemeinen und das Aufschreiben ihrer Geschichten im Speziellen.
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