Auf der Intensivstation des St. Sixtus Hospitals in Haltern und der anderen drei Betriebsstätten des KKRN-Klinikverbundes in Dorsten, Marl und Herten-Westerholt gibt es derzeit nur vereinzelt Corona-Patienten. © Günter Schmidt
Coronavirus

Halterner Oberarzt: „Vierte Pandemie-Welle hat bereits begonnen“

Die Delta-Variante dominiert das Infektionsgeschehen. Doch wie geht es weiter? Zu diesen und anderen Fragen bezieht Dr. Stefan Matzko vom St. Sixtus-Hospital nun Stellung.

Seit Monaten begleitet die Corona-Pandemie auch den Arbeitsalltag von Dr. Stefan Matzko. Er ist Leitender Oberarzt sowie Leiter der internistischen Intensivmedizin der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord am Standort St. Sixtus-Hospital Haltern. Über die aktuelle Situation auf den Intensivstationen, Impfungen für Kinder und Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung sprach er nun mit uns im Interview.

Dr. Stefan Matzko ist Leitender Oberarzt sowie Leiter der internistischen Intensivmedizin der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord am Standort St. Sixtus-Hospital Haltern am See.
Dr. Stefan Matzko ist Leitender Oberarzt sowie Leiter der internistischen Intensivmedizin der Lungenklinik Ruhrgebiet Nord am Standort St. Sixtus-Hospital Haltern am See. © Günter Schmidt © Günter Schmidt

Herr Dr. Matzko, die Corona-Pandemie bestimmt seit vielen Monaten unseren Alltag. Laut RKI-Chef Lothar Wieler hat die vierte Welle bereits begonnen. Wie bewerten Sie persönlich die aktuelle Lage?

Ich kann Herrn Wieler nur zustimmen, dass die sogenannte vierte Pandemie-Welle bereits begonnen hat. Dies ist durch die deutlich erhöhte Reise-Aktivität der Bevölkerung bei gleichzeitiger Rücknahme einiger Regeln der Coronaschutzverordnung zu erklären. Nach der langen Zeit des Lockdowns hat die Bevölkerung ein großes Bedürfnis nach Normalität.

Die derzeitige Situation auf den Intensivstationen in Haltern und der Region ist aber vergleichsweise entspannt, oder?

Ja, aktuell gibt es nur vereinzelt im St. Sixtus-Hospital in Haltern am See oder auf den Intensivstationen der anderen drei Betriebsstätten des KKRN-Klinikverbundes in Dorsten, Marl und Herten-Westerholt Patienten, die aufgrund einer akuten Corona-Infektion auf der Intensivstation behandelt werden müssen.


Mit welcher Entwicklung rechnen Sie in den kommenden Wochen?

Es bleibt zu befürchten, dass mit Ende der Sommerferien und gleichzeitigem Einsetzen der kühleren Jahreszeit die Corona-Infektionszahlen auch in unserer Region wieder ansteigen werden. Die uns aktuell vorliegenden Informationen, insbesondere über die sogenannte Delta-Variante beziehungsweise weitere Mutationen des Coronavirus, lassen jedoch keine zuverlässige Aussage darüber zu, ob lediglich die Infektiosität dieser Variante erhöht ist oder ob es auch erneut zu einer hohen Anzahl von stationär, insbesondere intensivmedizinisch zu behandelnden Infizierten kommen wird. Hier muss zunächst die Entwicklung möglicherweise auch weiterer Virus-Mutationen abgewartet werden.

Sollte bei der Beurteilung der Lage die 7-Tage-Inzidenz aus Ihrer Sicht weiterhin als Hauptrichtwert herangezogen werden?

Eine alleinige Beurteilung anhand der aktuellen Inzidenzwerte halte ich für wenig zielführend, insbesondere die Anzahl der stationär behandlungspflichtigen und – hier nochmals hervorgehoben – den Anteil der intensivmedizinisch zu versorgenden Patienten, sollte man in die Bewertung der aktuellen Situation aufnehmen und anhand dieser Daten eine Anpassung der aktuellen Coronaschutzverordnung vornehmen.


Die Impfung galt und gilt in vielen Augen als Ausweg aus der Corona-Pandemie. Doch das Impf-Tempo lässt immer mehr nach, obwohl genügend Impfstoffe vorhanden sind. Wie denken Sie darüber?

Ich persönlich sehe die Impfung neben der konsequenten Einhaltung von Hygienemaßnahmen wie Masken tragen oder Abstand halten als derzeit einzige Möglichkeit, die Pandemie zurückzudrängen und langfristig zu beenden. Aus meiner Sicht erklärt sich der Rückgang des Impf-Tempos jedoch durch die Verunsicherung der Bevölkerung aufgrund von Nebenwirkungen, die bei allen zur Verfügung stehenden Impfstoffen aufgetreten sind. Dieser Umstand führt zu einer Bestätigung der Kritiker, die damit argumentieren, dass die Impfstoffe in kürzester Zeit ohne ausreichende Testung hergestellt worden sind.

Wie denken Sie über Corona-Impfungen für Kinder?

Generell halte ich Impfungen, wie sie von der ständigen Impfkommission für Kinder empfohlen werden, für sinnvoll. Bezogen auf die Corona-Impfung würde ich für Kinder keine generelle Impf-Empfehlung aussprechen wollen. Ich würde betroffenen Eltern ein ausgiebiges Beratungsgespräch mit dem behandelnden Kinderarzt, der die Kinder am längsten kennt, empfehlen. Gemeinsam mit ihm können die Eltern dann entscheiden, was für ihre Kinder der beste Weg ist.

Viele Menschen müssen gegen das Virus immun sein, damit eine Herdenimmunität eintritt und sich der Erreger nicht mehr exponentiell weiterverbreiten kann, so heißt es. Wie realistisch ist es aus ihrer Sicht, dass wir dieses Ziel erreichen können?

Die Experten sprechen von einer Herdenimmunität bei einer Impfquote von mindestens 80 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ich fühle mich nicht in der Lage abzuschätzen, ob dieses Ziel wirklich erreichbar ist. Aus meiner Sicht hat die Entwicklung neuer Virus-Mutationen ebenfalls einen erheblichen Einfluss auf die Möglichkeit eines Erreichens einer Herdenimmunität. Zudem muss eindeutig geklärt werden, ob die aktuell zur Verfügung stehenden Impfstoffe auch zu einem ausreichenden Schutz gegenüber den Virus-Mutationen führen.

Erkrankte haben teilweise auch mit Langzeitfolgen ihrer Covid-Erkrankung zu kämpfen. Sind Long-Covid-Fälle auch in den hiesigen Krankenhäusern ein Thema?

Insbesondere bei den Patienten, die einen schweren Krankheitsverlauf der Corona-Infektion erlitten haben, sehen wir langwierige Verläufe. In diesem Zusammenhang muss insbesondere die Patienten-Gruppe erwähnt werden, die einer längerfristigen invasiven Beatmungstherapie bedurfte. In unserem zertifizierten Weaning-Zentrum haben wir zahlreiche dieser Patienten betreut und tun dies bis zum aktuellen Zeitpunkt. Hier sehen wir oft mehrwöchige Verläufe mit allgemeiner Muskelschwäche, kardialen Begleitsymptomen im Sinne einer schweren Herzinsuffizienz und nur extrem langwieriger Entwöhnung vom Beatmungsgerät.

Viele Menschen haben in der Vergangenheit Ihre digitale Corona-Sprechstunde genutzt. Wird dieses Angebot noch angenommen?

Wir haben die digitale Corona-Sprechstunde ebenso wie die telefonische Sprechstunde in der Phase des zweiten Lockdowns etabliert. Insbesondere die telefonische Sprechstunde wurde in der Anfangsphase sehr gut frequentiert. Die digitale Sprechstunde war eher sporadisch frequentiert. Aktuell wird das Angebot seit drei bis vier Wochen nahezu gar nicht mehr wahrgenommen, was sich meiner Meinung nach durch die deutlich niedrigeren Inzidenz-Zahlen sowie die Urlaubszeit erklärt. Dennoch stehen wir Interessierten weiterhin mit unserem Beratungsangebot zur Seite und hoffen, dass wir somit zu einer weiteren Aufklärung beitragen können.

Über den Autor
Redaktion Haltern
1982 in Haltern geboren. Nach Stationen beim NRW-Lokalfunk, beim Regionalfernsehen und bei der BILD-Zeitung Westfalen 2010 das Studium im Bereich Journalismus & PR an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen erfolgreich beendet. Sportlich eher schwarz-gelb als blau-weiß orientiert. Waschechter Lokalpatriot und leidenschaftlicher Angler. Motto: Eine demokratische Öffentlichkeit braucht guten Journalismus.
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Daniel Winkelkotte

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