Bizarre Bäume im Stress: Halterner Hexenbuchen kämpfen ums Überleben

hzMit Video und Fotostrecke

Die ältesten Hexenbuchen in der Hohen Mark werden auf 150 Jahre geschätzt. Ihr eigenwilliger Wuchs hat seit jeher die Menschen fasziniert. Hermann Bergjürgen kennt ihre Geschichte.

Lavesum

, 19.09.2020, 12:00 Uhr

1943 - zwischen grünen Algen und Flechten ist diese verwitterte Jahreszahl auf einem Stamm der Hexenbuchen in der Granat auszumachen. War es ein Liebespaar, das sich hier verewigt hat? Oder jemand, den Ängste und Sorgen mitten im Krieg an diesen stillen Ort geführt hatten?

Vieles könnten uns die ältesten Hexenbuchen in der ehemaligen Lünzumer Holzmark erzählen. Sie kamen vermutlich in etwa auf die Welt, als Haltern gerade einen Eisenbahnschluss erhielt (1870) und noch ein Kaiser (König Wilhelm I.) regierte.

Die Methusalems unter den Bäumen seien um die 150 Jahre alt, schätzt Hermann Bergjürgen, der die zum Naturdenkmal erklärte Baumgruppe seit 2013 gemeinsam mit seinem Bruder Manfred pflegt.

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Zu Besuch bei Hermann Bergjürgen und den Hexenbuchen

Die Hexenbuchen mit ihrem bizarren Wuchs unterscheiden sich durch eine Genveränderung von normalen Rotbuchen. Sie wachsen nicht unbedingt in den Himmel, so wie es für einen „ordentlichen“ Baum vorgesehen ist, sondern machen sich klein und sind beim Gedeihen auf Umwegen unterwegs.

Die Bäume wachsen in der Regel nicht in den Himmel

Ihre Äste verfolgen plötzlich eine neue Richtung, kehren wieder um, bilden sogar kunstvolle Kreise, durch deren Mitte das Licht fällt. Manchmal senken sich ihre Äste sogar ins Erdreich ab und tauchen an anderer Stelle wieder auf, um als neuer, aber gentechnisch identischer Baum wieder dem Tageslicht zu folgen. Man nennt das „Wurzelbrut“.

Die Bäume bringen eigensinnige Wuchsformen hervor

Die Bäume bringen eigensinnige Wuchsformen hervor. © Silvia Wiethoff

Die Wuchsformen der Bäume machen wohl ihre Faszination aus. Sie erinnern an ein langes Leben voller Höhen und Tiefen und manchmal eben auch mit Umwegen.

„Hier waren bestimmt die Ents (Anmerk d. Red.: die Baumhirten) aus dem Herrn der Ringe unterwegs und haben sich die Bäume angeschaut“, schmunzelt Hermann Bergjürgen (57), den die eigensinnigen Pflanzen seit seiner Kindheit verzaubert haben.

Das Gelände wirkt wie eine Märchenkulisse

Das Gelände wirkt wie eine Märchenkulisse. © Silvia Wiethoff

Um 1900 soll es am Standort in der Nähe der heutigen Granatstraße in Haltern noch einen ganzen Busch davon gegeben haben. Das ist unter anderem durch Hermann Bergjürgens Großvater Heinrich überliefert. Weil das Holz der krummwüchsigen Buchen wertlos war, habe die Stadt Haltern die meisten Bäume roden lassen und stattdessen Kiefern für den Bergbau angepflanzt, erinnert sich Hermann Bergjürgen an Erzählungen.

Erste Touristen besuchten die Hexenbuchen

Die erhaltenen Bäume übten allerdings trotzdem eine große Anziehungskraft auf Ausflügler und Naturfreunde aus. So waren die Hexenbuchen in Haltern schon in den 1920er-Jahren der Auslöser von verhaltenem Tourismus.

Die Hexenbuchen waren früher oft das Ziel von Ausflüglern.

Die Hexenbuchen waren früher oft das Ziel von Ausflüglern. © Aus der Broschüre „Naturdenkmal Hexenbuchen“

In der Broschüre „Naturdenkmal Hexenbuche“, die von Herbert Ring sowie Hermann und Manfred Bergjürgen bearbeitet und vom Verein für Altertumskunde und Heimatpflege in Haltern herausgegeben wurde, erfährt man mehr darüber.

Der Standort der Hexenbuchen in Haltern

Der Standort der Hexenbuchen in Haltern © Google Maps

Mit dem Ausbau der Holtwicker Straße „kamen nicht nur Fußgänger, sondern auch Radfahrer und sogar Automobile bis bei „Uhlen“ (der Gaststätte Uhlemanns) auf den Hof gefahren.

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Hexenbuchen in Haltern

Sagenhafter Ort: Um die Hexenbuchen in Haltern ranken sich viele Geschichten Seit über 100 Jahren faszinieren sie mit ihrem eigensinnigen Wuchs die Besucher des Waldes.
19.09.2020
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Dieser Baum ist aktuell abgebrochen. Auf dem Bild wird er noch gestützt.© Hermann Bergjürgen
Mit langen Stangen werden die Bäume im Winter von Schneelasten befreit. 2005 kam es zu massivem Schneebruch, bei dem mehrere Bäume vernichtet wurden.© Hermann Bergjürgen
So sah es vor einigen Jahren am Standort der Hexenbuchen aus.© Hermann Bergjürgen
Hermann Bergjürgen dokumentiert alle Pflegemaßnahmen für die Untere Naturschutzbehörde beim Kreis Recklinghausen.© Silvia Wiethoff
So sieht eine Märchenkulisse aus.© Silvia Wiethoff
Verwunschener Ort© Silvia Wiethoff
Die Hexenbuchen bilden zwei Triebe aus, einer stirbt ab, dann wächst der Baum in die neue Richtung weiter.© Silvia Wiethoff
Das Gelände ist eingezäunt, damit Besucher nicht auf den Bäumen herum klettern.© Silvia Wiethoff
So sahen Absicherungen in früheren Jahren aus. Man benutzte Eisen.© Silvia Wiethoff
Mit letzter Kraft bildet der Baum Bucheckern aus.© Silvia Wiethoff
Vernarbung an der Rinde, in Grenzen können sich die Bäume bei Schäden selber helfen.© Silvia Wiethoff
Hermann Bergjürgen hat einen Blühstreifen angelegt, der Insekten anlockt.© Silvia Wiethoff
Die Blütenwiese ist ein Paradies für Insekten.© Hermann Bergjürgen
Der Blühstreifen auf dem Areal der Hexenbuchen lockt viele Insekten an.© Hermann Bergjürgen
Raupen unterwegs© Hermann Bergjürgen
Ein sterbender Baum hat noch einmal einen jungen Trieb hervorgebracht. © Silvia Wiethoff
Blätter eines vitalen Baumes© Silvia Wiethoff
Blätter eines sterbenden Baumes© Silvia Wiethoff
Wieder ein Mastjahr: Die Bäume haben besonders viele Bucheckern ausgebildet, um ihre Art zu erhalten. © Silvia Wiethoff

Am Uhlenhof wuchs auch der Vater von Hermann Bergjürgen auf, der ebenfalls Hermann hieß. Er gab die Verbundenheit zu den seltsamen Bäumen am Fuße des Waldbeerenbergs weiter. Die Familientradition wirkt jedenfalls so weit nach, dass sich Hermann und Manfred Bergjürgen seit sieben Jahren ehrenamtlich um die Hexenbuchen kümmern. „Weil es zur Familiengeschichte gehört. Und weil das einfach so ist“, erklärt der ehemalige Bergmann Hermann Bergjürgen.

Ein Zaun schützt die Hexenbuchen vor ungebetenen Gästen

Mit seinem Bruder hat er unter anderem den Zaun um das Areal ertüchtigt, um ungebetene Gäste fern zu halten. Es gibt nicht einmal ein Tor, um den Zugang für die pflegenden Buchenfreunde zu erleichtern. Nicht nur menschliche Besucher, die auf den Bäumen herumklettern und die dünne Rinde beschädigen, setzen dem Naturdenkmal zu. Auch Rehe und Hasen sorgen durch Verbiss für Schäden.

Süntel-Buche

Wie die Hexenbuchen in Haltern zu ihrem Namen kamen

  • Weil die seltenen Bäume, die der Gattung der Rotbuchen angehören, auf einem Bergzug im Wesebergland, der Süntel, häufiger vorkommen, werden diese in der Literatur als Süntel-Buchen bezeichnet. Drehwuchs, Krüppelwuchs, Schlaufenbildung und die sogenannten Hexenbesen gaben den Süntel-Buchen nicht nur ihr ungewöhnliches, für viele Menschen auch unheimliches Erscheinungsbild.
  • Auch aus Haltern sind schaurige Geschichten aus der Hohen Mark bekannt, die vom „Höllenhund“ oder „grauen Mönch“ handeln. Der Standort der Süntel-Buchen unterhalb des Waldbeerenbergs wurde mit dem Tanzplatz der Hexen in Verbindung gebracht, weil die Buchen dort nicht gerade wachsen, sondern eigenartig krumm oder schlangengleich über den Boden kriechen.
  • Im Buch „Süntel-Buchen“ von Gerhard Dönig ist ein Kapitel den Hexenbuchen in Haltern gewidmet.

Regelmäßig schaut Hermann Bergjürgen bei den Hexenbuchen nach dem Rechten, mäht unter anderem das Grün am Boden. Im trockenen Sommer hat er den vitalen Bäumen Wasser gebracht. „Ob es was gebracht hat, wenn ich sie mit meinem 10-Liter-Kanister versorgt habe?“ Das könne man fragen, sagt er. Zumindest geschadet habe es nicht.

Die Jahreszahl 1943 ist noch in der Rinde zu erkennen.

Die Jahreszahl 1943 ist noch in der Rinde zu erkennen. © Silvia Wiethoff

Seit einiger Zeit beobachtet er Veränderungen an den Hexenbuchen, die ihm Sorgen bereiten. Da sind beispielsweise Schäden an der Rinde, die wohl auf extreme Trockenheit in Verbindung mit intensiver Sonneneinstrahlung zurückzuführen sind. Gerade bei jungen Bäumen, die erst 2007 angekauft und in Haltern gesetzt wurden, um zur Arterhaltung der Hexenbuche beizutragen, hat er das Phänomen entdeckt.

Die Mastjahre folgen in kürzeren Abständen

Viel früher als üblich trägt dieser Nachwuchs schon Bucheckern, während ältere Bäume in erheblich kürzeren Abständen ein sogenanntes Mastjahr zeigen und sehr viele Früchte hervorbringen.

„So versuchen die Bäume für eine hohe Reproduktionsrate zu sorgen“, sagt Hermann Bergjürgen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die äußeren Bedingungen für ihr Gedeihen nicht optimal sind. Die Bäume leiden. Vor wenigen Tagen ist wieder der Teil eines Baumes abgebrochen.

Pilze machen sich auf einem abgebrochenen Baum breit und zerstören ihn von innen.

Pilze machen sich auf einem abgebrochenen Baum breit und zerstören ihn von innen. © Silvia Wiethoff

Der Stamm, der die Jahreszahl 1943 trägt, ist nicht mehr zu retten. Pilze, die sich auf der Rinde zeigen, zerstören ihn von innen. Einem letzten Atemzug gleich hat der sterbende Baum noch einen jungen Trieb gebildet. Bald wird der Wind nicht mehr durch seine Krone rauschen, deren Blätter weniger dicht und kleiner angelegt sind als die von vitalen Artgenossen.

„Diese Hexenbuche ist abgängig“, heißt es in der Fachsprache emotionslos. Noch ist der Baum Nahrungsquelle, Lebensraum und Brutstätte zugleich. In einigen Jahren wird er mitsamt der eingeritzten Jahreszahl zersetzt sein - ewiger Kreislauf der Natur.

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