Holocaust-Gedenken in Haltern: „Wenn man vergisst, dann kann es nochmal passieren“

hzMit Video und Fotostrecke

Verfolgt, deportiert, ermordet: Im Holocaust starben mehr als sechs Millionen Juden - auch Bürger aus Haltern. Schüler der Halterner Realschule erinnerten an deren Schicksal. Und mahnten.

Haltern

, 27.01.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, und was sie dort sahen, war das nackte Grauen. „Menschliche Skelette“ seien ihnen entgegengekommen, schilderte Kommandeur Anatolij Shapiro. „Sie konnten nicht sprechen, nicht einmal die Köpfe wenden.“ Das Ende der Menschlichkeit - in Auschwitz fand es statt, wie es ein US-Soldat im Angesicht der ausgemergelten Opfer einmal sagte. Für die Halterner Familie Daniel - Vater Heinrich, Mutter Ella und Tochter Hanna - kam die Befreiung zu spät, sie wurden 1942 in das Vernichtungslager deportiert, ihr genaues Todesdatum ist unbekannt.

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Gedenkmarsch der Realschule zum Holocaust-Gedenktag

Seit 2005 ist der 27. Januar der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Auch in der Halterner Geschichte ist dieser Tag ein Schicksalstag. Am 27. Januar 1942 wurden fünf Halterner Juden in das Ghetto nach Riga transportiert. Unter ihnen war der 14-jährige Alexander Lebenstein mit seinen Eltern, der die Shoah als einziger Halterner Jude überleben sollte.

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An ihn und an die anderen jüdischen Familien aus Haltern, die der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer fielen, gedachten die Schülerinnen und Schüler der Alexander-Lebenstein-Realschule am Montag. Nach einem ökumenischen Gottesdienst in der Erlöserkirche gingen die zehnten Klassen gemeinsam zum Schulhof, wo die offizielle Gedenkfeier vor dem Waggon-Mahnmal stattfand. Sie trugen große Schilder mit der Aufschrift Frieden, Respekt, Verständnis, Toleranz, die im Rahmen der Projekttage zu „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ Mitte Januar angefertigt worden waren.

Mehr Anmeldungen als Plätze

Unter dem Motto „Erinnern, wozu?“ hatten die Mitglieder der freiwilligen Waggon-AG das Tages-Programm gestaltet. Sie lasen aus Zeitzeugen-Berichten und hatten für jede jüdische Familie aus Haltern eine Erinnerungsstation in der Innenstadt aufgebaut. Der Chor „Sneak out“ sang „Wind of Change“ von den Scorpions und „Irgendwas bleibt“ von Silbermond.

Die Waggon-AG sei sehr beliebt bei den Schülern, sagt Leiter und Lehrer Robert Seidel. „Wir haben jedes Jahr mehr Anmeldungen als Plätze“, so Seidel. Er könne nur 28 aufnehmen, letztes Jahr hätten sich aber 65 Schüler angemeldet, so dass er losen musste. „Die Schüler sind sensibler geworden, rassistische Hetze nehmen sie eher wahr“, berichtet Seidel aus 13 Jahren Erfahrung.

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Realschule begeht Holocaust-Gedenktag

Schülerinnen und Schüler der Alexander-Lebenstein-Realschule in Haltern gestalteten in diesem Jahr am 27. Januar das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.
27.01.2020
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Von der Erlöserkirche, wo sie einen ökumenischen Gottesdienst feierten, zogen die Schülerinnen und Schüler der Alexander-Lebenstein-Realschule zum Schulhof, wo die Gedenkfeier anlässlich des Holocaust-Gedenktages stattfand.© Ilka Bärwald
Von der Erlöserkirche, wo sie einen ökumenischen Gottesdienst feierten, zogen die Schülerinnen und Schüler der Alexander-Lebenstein-Realschule zum Schulhof, wo die Gedenkfeier anlässlich des Holocaust-Gedenktages stattfand.© Ilka Bärwald
Bei der Gedenkfeier anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar in Haltern am See, auf dem Schulhof der Alexander-Lebenstein-Realschule, versammelten sich die 10. Klassen.© Ilka Bärwald
Gedenkfeier anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar in Haltern am See, veranstaltet von Schülern der Alexander-Lebenstein-Realschule.© Ilka Bärwald
Für die Gedenkfeier anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar hatten die Schülerinnen und Schüler der Alexander-Lebenstein-Realschule Plakate gestaltet mit Aufrufen zu Frieden, Toleranz und Respekt.© Ilka Bärwald
Der Chor "Sneak out" unter Leitung von Astrid Strege sang "Wind of Change" von den Scorpions und "Irgendwas bleibt" von Silbermond.© Ilka Bärwald
Der Chor "Sneak out" unter Leitung von Astrid Strege sang "Wind of Change" von den Scorpions und "Irgendwas bleibt" von Silbermond.© Ilka Bärwald
Teilnehmer der Waggon-AG der Alexander-Lebenstein-Realschule lasen aus Zeitzeugen-Berichten, darunter Alexander Lebenstein und Viktor Klemperer.© Ilka Bärwald
Teilnehmer der Waggon-AG der Alexander-Lebenstein-Realschule lasen aus Zeitzeugen-Berichten, darunter Alexander Lebenstein und Viktor Klemperer.© Ilka Bärwald
Realschul-Leiter Frank Cremer erinnerte an den Schul-Namensgeber Alexander Lebenstein, der am 28. Januar 2010 gestorben ist. "Sein Anliegen ist unser Anliegen", so Cremer, und warb für Toleranz und Respekt.© Ilka Bärwald
Auf der Rekumer Straße 18, wo heute die Apotheke ist, lebten früher Dora und Cäcilia Meyer, bevor sie deportiert und ermordet wurden. Die Schülerinnen und Schüler erinnerten an die Familie.© Ilka Bärwald
Am Disselhof 36 lebte die Familie von Alexander Lebenstein. Nurselin Aksu erinnerte dort mit zwei Mitschülern an deren Schicksal.© Ilka Bärwald
Am Disselhof 36 lebte die Familie von Alexander Lebenstein. Nurselin Aksu erinnerte dort mit zwei Mitschülern an deren Schicksal.© Ilka Bärwald

Schulleiter Frank Cremer erinnerte in seiner Rede an Alexander Lebenstein, der Haltern lange Jahre den Rücken kehrte, bevor er sich mit seiner Heimatstadt und der Vergangenheit versöhnte. „In der Begegnung mit Schülern fand er die Größe, Wut und Hass zu überwinden“, so Cremer. Für die Realschule sei der Name Alexander Lebensteins „Verpflichtung, sein Anliegen zu unserem Anliegen zu machen“, damit nicht ein zweites Mal das „Ende der Menschlichkeit“ komme.

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In der Innenstadt hatten sich die Waggon-AG-Mitglieder vor den Häusern versammelt, in denen früher jüdische Familien wohnten. Sie erzählten ihren Klassenkameraden von den Schicksalen der Familien Weyl, Lebenstein, Kleeberg, Cohn, Daniel, Meyer und Herzfeld. Vor dem ehemaligen Wohnhaus Alexander Lebensteins im Disselhof 36 stand Nurselin Aksu und erzählte mitreißend und in ihren eigenen Worten, was damals mit den Halterner Juden geschah. „Mit ihnen konnte man damals machen, was man wollte, ohne Konsequenzen“, sagt die 15-Jährige. Es sei wichtig, dass die Menschen nicht vergessen, was geschehen ist, findet sie, „Denn dann kann sowas noch mal passieren.“

Die selbstbewusste Schülerin, die in Haltern geboren und aufgewachsen ist, kennt Alltags-Rassismus - nicht aus ihrer Schule, wie sie sagt. Neulich sei sie mit ihrer Mutter, die ein Kopftuch trägt, durch Haltern gegangen, als eine Frau ihre Mutter angerempelt habe mit den Worten: „Ihr könnt doch eh kein Deutsch.“ Sie sei der Frau hinterhergegangen und habe sie zur Rede gestellt, sagt Nurselin Aksu. „Da war sie ganz kleinlaut und hat sich entschuldigt.“

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