Holocaust-Gedenken: „Wir bekennen unser Schweigen, wo auf unser Schreien gewartet wird“

hzGemeinsames Erinnern

Pfarrer Karl Henschel hielt die Rede zum Holocaust-Gedenktag am Jüdischen Friedhof. Er betonte die Bedeutung der Erinnerung an die Shoah für unsere Gegenwart.

Haltern

, 27.01.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am Morgen erinnerten die Realschüler an die Grauen des Holocaust, am Abend gedachten die Erwachsenen der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Arbeit der Schüler lobte Bürgermeisterin Hiltrud Schlierkamp besonders bei der Gedenkfeier auf dem Jüdischen Friedhof.

„Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang.“ Diese Bibelstelle aus dem 5. Buch Mose zitierte Hauptredner Pfarrer Karl Henschel bei der Gedenkfeier. In seiner Rede fragte er nach der Bedeutung der Erinnerung heute.

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Mit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 sei das Leid der Menschen noch nicht zu Ende gewesen, so Henschel. Aber es stehe symbolisch für die Befreiung vom Faschismus.

„Erinnern darf nicht ver-zweckt werden“

„Darum geht es heute: Die Vergangenheit zu erinnern und die Zukunft zu gestalten“, so Henschel. Das Erinnern habe seinen eigenen Zweck, betonte der evangelische Pfarrer, es dürfe nicht „ver-zweckt“ werden, um heutiges politisches Handeln zu begründen,

„Die Shoah ist Teil unserer Gegenwart, weil es noch 180.000 lebende Überlebende gibt, für die die Erfahrungen der Shoah Teil ihres Lebens sind. Außerdem sorge die Organisation „Zweitzeugen“, die unlängst auch in Haltern eine Ausstellung organisiert hatte, dafür, dass die Erinnerungen nicht in Vergessenheit geraten.

Das Verständnis von Vergangenheit trage dazu bei zu erkennen, dass gerade die Shoah als kollektives Verbrechen Teil eines Prozesse sei, der nicht erst 1933 begann und nach 1945 noch lange nicht endete.

Verantwortung der Kirchen, der Politiker und der Intellektuellen

Anhand der Ermordung von fast 50.000 Juden im griechischen Thessaloniki - einem Verbrechen, das bis heute kaum aufgearbeitet worden ist - fragte Henschel nach der Verantwortung von Kirchen, mutigen Politikern und aufrechten Intellektuellen: „Was wäre passiert, wenn sie 1938 in Deutschland gegen die Verfolgung der Juden protestiert hätten?“

Das kollektive Versagen skizzierte Henschel mit einem Gedicht der katholischen Theologin Jaqueline Keune. Darin heißt es unter anderem:

„Wir bekennen unsere Ausflüchte, wo mit uns gerechnet wurde / Wir bekennen, dass wir Haltung bewahrt haben, wo wir aus der Haut fahren müssen / Wir bekennen unser Schweigen, wo auf unser Schreien gewartet wird.“

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