So sieht die Internetplattform Scoperty aus. An 35 Millionen Immobilien Deutschlands, davon 7,8 Millionen in NRW, kleben Preisetiketten. © Jürgen Wolter
Wohnen

Internet-Start-Up Scoperty zeigt, wie teuer das Haus des Nachbarn ist

Was kostet wohl das Haus des Bürgermeisters in Haltern oder das des Landrates in Sythen? Das neue Start-Up Scoperty glaubt es zu wissen und hat den Häusern ein Preisschild „umgehängt“.

Die Internetplattform „Scoperty“ – ein Start-Up-Unternehmen aus München – bewertet Häuser in Haltern und vielen Städten Deutschlands und tut so, als stünden sie zum Verkauf. Knapp acht Millionen Immobilien sind mit Preisschildern ausgezeichnet. Dabei stehen sie in den allermeisten Fällen gar nicht zum Verkauf. Auch die Häuser von Bürgermeister und Landrat nicht. Darum gehe es auch gar nicht, sagt Scoperty-CEO Michael Kasch, sondern darum, den Immobilienmarkt ein bisschen transparenter zu gestalten.

Dr. Michael Kasch gründet das Start-Up-Unternehmen in München. © Quirin Leppert © Quirin Leppert

Auch unser Haus steht auf dem Marktplatz von Scoperty. Was weiß die Internetplattform über unsere Immobilie in Lippramsdorf? Baujahr 1965, 198 Quadratmeter Wohnfläche, Objekt für Eigentümer, Schätzwert 317.000 bis 475.000 Euro. Diese Daten hat Scoperty mithilfe eines Algorithmus berechnet. Wenige Input-Parameter standen dafür zur Verfügung: Haustyp, Wohnfläche, Grundstücksgröße und Baujahr. Ein stolzer Preis, den Immobilienmakler Ludwig Deitermann so nicht unterschreiben würde.

Wohnraum in Haltern ist knapp und heiß begehrt

„Solche Schätzwerte sind nicht seriös“, sagt Ludwig Deitermann. Man müsse sich neben der Größe auch den Zustand des Hauses ansehen. Er rät jedem ab, sich auf pauschale Daten eines Unternehmers aus München zu verlassen. „Diese Plattform bildet jedenfalls keine Basis für meine Arbeit, ich werde mich dafür nicht interessieren“, sagt Deitermann ganz deutlich.

Bauen in Haltern ist teuer, denn Grundstücke sind rar. Selbst Bestandsimmobilien sind kaum zu bekommen.
Bauen in Haltern ist teuer, denn Grundstücke sind rar. Selbst Bestandsimmobilien sind kaum zu bekommen. Die Internetplattform Scoperty hat ihnen Preisschilder aufgedrückt. © picture alliance / Jens Büttner © picture alliance / Jens Büttner

Scoperty gaukelt Fülle vor, wo Leere herrscht. Das Start-Up hat keine Ahnung, dass Wohnraum in Haltern so knapp und wegen der guten Lage auf der Schnittstelle zwischen Münsterland und Ruhrgebiet so heiß begehrt ist wie beispielsweise in Münster oder München. „Der Markt ist abgegrast“, formuliert Ludwig Deitermann die Lage auf dem Halterner Immobilienmarkt. Für seine Tochter beispielsweise hat er vier Jahre nach einem Haus gesucht. Umgekehrt geht es schneller: Ein Haus in der Vogelbergsiedlung hat er jüngst innerhalb einer Woche inklusive Notartermin verkauft.

Der Regionalplan setzt Haltern enge Grenzen

Die meisten Häuser kämen erst gar nicht mehr auf den Markt. Wer sucht und etwas hört, schlägt meistens direkt zu. Für junge Familien bedeute das Stress, aber es werde alles genommen, was greifbar sei. Und warum? Weil es kaum noch Baugrundstücke in Haltern gibt. Der Regionalplan hat der Entwicklung Halterns als Naturschutzgebiet und Wasserschutzzone ganz enge Grenzen gesetzt. „Deshalb sind Bestandsimmobilien sehr gefragt“, sagt Ludwig Deitermann.

Genauso knapp sind Eigentumswohnungen. Bezahlt werde fast jeder Preis und zwar von Bürgern, die aus Angst vor den Negativzinsen der Banken ihr Gespartes in eine Wohnung investierten.

Ludwig Deitermann geht nicht davon aus, dass Kaufen und Bauen in Haltern künftig günstiger wird. „Die Bodenrichtwerte explodieren, sie verdoppeln sich alle zehn Jahre.“

Scoperty sagt: Schätzwerte sind keine Marktwerte

Das alles weiß der pfiffige Algorithmus nicht. Und deshalb passen die Werte selten, auch wenn sie manchmal vielleicht schmeicheln mögen. Doch Scoperty sagt auch ganz deutlich: Die dargestellten Werte stellen keine rechtsverbindlichen Marktwerte dar. Der Schätzwert ist kein Gutachten, lediglich eine Vermutung über den möglicherweise erzielbaren Marktwert. Wenn Interessent und Verkäufer sich tatsächlich wie bei der Partnerschaftsplattform Parship näher und dann ins Geschäft kommen wollen, vermittelt Scoperty gern und gegen Gebühr die Fachleute.

Baudezernent Siegfried Schweigmann sagt klar: „Die Verwaltung wird Scoperty nicht als Datengrundlage für eigene Grundstücksverkäufe oder -käufe anwenden; das wäre sogar unseriös.“ © Stadt Haltern © Stadt Haltern

Wie Ludwig Deitermann ist auch die Stadt sehr skeptisch. Baudezernent Siegfried Schweigmann sagt auf Nachfrage: „Aus unserer Sicht ist Scoperty allenfalls geeignet, dass sich ein Verkäufer oder Kaufinteressent einen allerersten Schätzwert über die Immobilie verschaffen kann. Die Schätzung basiert auf einer analytischen Berechnung, der keine Tatsachenbasis zugrunde liegt.“ Maßgeblich für die Stadt bleibe als Grundlage zunächst der Bodenrichtwert, der vom Gutachterausschuss des Kreises berechnet werde. Darüber hinaus sei man immer auch gut beraten, ein Wertgutachten über eine Immobilie erstellen zu lassen.

Baudezernent: „Start-Up treibt die Preise nicht weiter hoch“

Das alles, so Siegfried Schweigmann, könne Scoperty nicht ersetzen, sodass die Internet-Plattform aus Sicht der Stadtverwaltung keinen echten Mehrwert darstelle. Andererseits sieht der Baudezernent aber auch keine Gefahr, dass sich die Immobilienpreise allein wegen der Existenz von Scoperty in Haltern weiter nach oben entwickeln.

Wer sich über seine Daten im Netz ärgert, kann seine Immobilie wieder von der Plattform entfernen lassen. Das geht aber nur unter Angabe von Daten und Mailadresse.

Übrigens: Bevor irgendjemand auf die Idee einer Anbahnung kommt – unser Haus steht nicht zum Verkauf!

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief
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