Wie findet eine Fahrradstadt wie Haltern Lösungen nicht nur für mutige Radler, wie stellt sie den Frust bei der Suche nach Parkplätzen ab, was wird aus dem Galen-Park? Die Stadt ist am Zug.

Haltern

, 25.05.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept - kurz Isek - ist geschrieben, die ein Jahr währende Arbeit ist am Donnerstagabend mit einer Bürgerversammlung im Alten Rathaus zu Ende gegangen. Die Planungsbüros „Stadtraum Architektengruppe“ um Martin Rogge und „Junker + Kruse Stadtforschung Planung“ haben ihre Aufgaben erledigt.

17 Schwachstellen haben sie in Haltern entdeckt. Aber insgesamt, so sagte Andreas Mayer später im Gespräch mit der Halterner Zeitung, könnten die Bürger gut zufrieden sein: „Anderen Städten geht es nicht so gut wie Haltern. Diese Stadt steht viel besser da als vergleichbar große Kommunen in Nordrhein-Westfalen.“ Vor diesem Hintergrund blicke er gern auf die Arbeit für Haltern zurück: „Es macht einfach Spaß, dort zu arbeiten, wo vieles funktioniert.“

Kein Geld für ein Parkhaus

Zufrieden sind die Bürger dennoch nicht. In einer Diskussion im Anschluss an die Präsentation des fertigen Konzeptes kritisierte Jochen Heckmann einmal mehr den Mangel an Parkplätzen vor allem im Bereich Schüttenwall und Krankenhaus. Seine Lösung: ein Parkhaus. Für das aber ist laut Bürgermeister Bodo Klimpel kein Geld im Stadtsäckel, ohne privaten Investor sei ein solches Vorhaben nicht zu verwirklichen.

Klimpel bezweifelte auch, dass ein Parkhaus ausreichen werde, um das Mehr an Autos in Haltern aufzunehmen. In den letzten zehn Jahren seien so viele Autos zusätzlich angeschafft worden, dass sie eine 17 Kilometer lange Schlange bilden könnten. „Für das Parkplatz-Problem eine Lösung zu finden bei endlich zur Verfügung stehender Fläche, ist schwer“, beteuerte er.

Umfrage bei Halterner Bürgern

Für die Planer steht fest, dass Haltern als erstes ein neues Verkehrskonzept benötigt. „Dabei müssen wir ganzheitlich denken und alle Verkehrsteilnehmer in den Blick nehmen“, sagte Rogge. „Es müssen Lösungen nicht nur für mutige Radfahrer gefunden werden“, bemerkte Andreas Mayer ironisch. Baudezernentin Dr. Andrea Rüdiger warf informierend ein, dass die Stadt in den letzten Wochen eine Mobilitätsumfrage bei ausgewählten Bürgern gemacht habe, um zu sehen, wer womit und wohin unterwegs ist.

Handlungsrahmen für die nächsten zehn Jahre

„Innenstadt größer denken“

Mit Isek erarbeiteten die Stadtplaner in den vergangenen zwölf Monaten unter Beteiligung der Bürger einen Handlungsrahmen für die nächsten zehn Jahre. Erste Schritte werden die Erstellung von Konzepten, Machbarkeitsstudien und Rahmenplanungen sein. 17 Projekte schlagen die Büros vor, hier einige Beispiele:
  • Nachverdichtung der Innenstadt und Erweiterung des Kerns in Richtung Süden und Westen („Innenstadt größer denken“)
  • Anbindung der grünen Stadtmitte (Galen-Park) an das Bahnhofsumfeld
  • Verbesserung des Übergangs von der Altstadt zum neuen Rathaus
  • Barrierefreie Innenstadt mit Spielstationen
  • Einbeziehung der Lippstraße in die Wegeführung „Der See schlägt Wellen“
  • Stärkung des Einzelhandels durch ein neues Einzelhandelskonzeptes
  • Quartierskonzept für die Innenstadt mit Aufwertung der Baukultur
  • Umgestaltung des Kärntner Platzes und Aufwertung von Schmedding- und Rochfordstraße
  • Neugestaltung der Unterführung Recklinghäuser Straße
  • Gestaltung eines multifunktionalen Schulhofes im Zuge des Umbaus der Holtwicker Straße als Promenade
  • Aufwertung der Fahrradstadt Haltern unter anderem durch Mobilitätsstation am Bahnhof

Weitere große Projekte sollen, da sind sich Planer und Politiker einig, die Gestaltung der Holtwicker Straße vom Bahnhof bis zur Koeppstraße als Promenade und daran anschließend die Aufwertung des Galen-Parkes sein. Hardy Kleinefeld sorgte sich um einen möglichen Wegfall der Parkplätze, andere fürchteten um den alten Baumbestand. Den Planern stellt sich eher die Frage, ob künftig dort noch Veranstaltungen durchgeführt werden sollten.

Guten Eindruck gewonnen

Insgesamt blieb die Diskussion im Alten Rathaus sehr sachlich. Mit mehr oder weniger Zufriedenheit, manchmal unterbrochen durch versteckte Bemerkungen hörten sich die gut 50 Bürger die Ergebnisse der Bestandsaufnahme an.

Ab Herbst können Fördermittel für den Umbau des öffentlichen Raumes beantragt werden, Anfang 2020 wäre mit Bewilligungsbescheiden zu rechnen, dann könnten erste Maßnahmen in die Wege geleitet werden. Martin Rogge betonte: „Isek präsentiert keine Lösungen, sondern entwickelt ein Leitbild.“ Er riet dazu, nicht an allen Ecken anzufangen: „Die Projekte sollten aufeinander aufbauen und sich ergänzen.“

Sowohl Andreas Mayer als auch Martin Rogge bedankten sich für das engagierte Mitwirken der Bürger. Sie sprachen von konstruktiven Beiträgen: „Wir nehmen einen guten Eindruck aus Haltern mit.“

FDP: Isek für die Ortsteile

Die FDP hat noch vor der Präsentation im Rathaus in einem Antrag an Bürgermeister Bodo Klimpel ihre Forderung formuliert, jetzt ein Isek für die Ortsteile auf den Weg zu bringen. Zwar ist das politischer Konsens im Rat, doch die FDP will Druck machen. Fraktionsvorsitzender Kai Surholt schreibt: „Die FDP- Fraktion stand und steht voll und ganz hinter dem Isek, möchte aber auch den Blick auf unsere Dörfer richten, denn die meisten Bürger der Stadt Haltern am See leben nicht im Stadtzentrum, sondern in den ländlich geprägten Außenbereichen.“ Es sei in jedem Fall zu verhindern, dass die sich heute schon in einigen Bereichen abzeichnenden Veränderungen im Dorfleben, weiter negative Auswirkungen nach sich zögen: Beispielsweise könne man im Moment beobachten, dass alteingesessene Restaurants und Kneipen schließen oder Sparkasse und Volksbank ihre Filialen in die Innenstadt verlegen. Die Ortsteile Halterns hätten, so die FDP, ein großes Potenzial. Kai Surholt: „Wir müssen sie stark für die Zukunft machen.“

Kommentar

Nichts ist für die Ewigkeit

Es ist geschafft. Das Isek mit einer Vielzahl von langfristigen und teilweise erfrischenden Ideen, wie Haltern sich künftigen Herausforderungen in einer sich ständig verändernden Lebenswelt stellen kann, ist fertig. Ein Jahr lang haben Planer von außen einen Blick auf den Kern der Stadt geworfen, Stärken und Schwächen gesucht und gefunden und die Bürger als lokale Akteure fortlaufend an den Diskussionen beteiligt. Isek bietet keine universell gültigen Patentrezepte, wohl aber einen Handlungsrahmen für eine sinnvolle interstädtische Entwicklung Halterns. Andreas Mayer erklärte treffend, was integriert in diesem Zusammenhang meint: Isek betrachtet soziale, städtebauliche, kulturelle, ökonomische und ökologische Handlungsfelder gleichermaßen. Manches klingt im neuen Leitbild abwegig, manches pauschal, entsprechend verhalten waren die Wortmeldungen im Alten Rathaus. Lebendig werden die Diskussionen sicherlich dann, wenn die Stadt konkret in ein Projekt einsteigt (Isek ist dann Voraussetzung für die Beantragung von Mitteln aus der Städtebauförderung). Haltern ist wahrlich schön, aber nichts bleibt für die Ewigkeit. Die Zukunft der Stadt muss immer wieder neu gedacht werden. Oder, wie sagte Gustav Mahler „Tradition bewahren heißt, das Feuer weitertragen und nicht die Asche anbeten.“
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