Josef Ernst lebt glücklich in Haltern. Früher besuchte er regelmäßig Heimatfest und Gänsemarkt. © ASB
Seniorenzentrum Kahrstege

Josef Ernst zieht in Halterner Seniorenheim – „hier will ich 100 werden“

Ein Umzug in ein Altenheim kam für Josef Ernst, den gelernten Schmied, nie infrage. Aber jetzt sitzt er hier im Innenhof des ASB-Seniorenzentrums Kahrstege und wundert sich über sich selbst.

Josef Ernst hat 44 Jahre als Schmied auf der Marler Zeche Auguste Victoria 1/2 gearbeitet, er wohnte mit seiner Frau und Tochter in einer Wohnung fast direkt gegenüber, war Züchter und Preisrichter im Schäferhundeverein, kümmerte sich um die Tauben seines Bruders, lieferte für das Marler Zeitungshaus Abo-Prämien aus und verreiste viel, 25 Mal allein in die Türkei. Vor neun Jahren starb seine Frau nach 61 Ehejahren. Josef Ernst lebte fortan allein auf 56 Quadratmetern, bis ein Sturz in der Küche sein Leben auf den Kopf stellte.

Inzwischen wohnt Josef Ernst in Haltern, hier ist er jetzt auch gemeldet. An seinem 90. Geburtstag treffen wir ihn an seinem neuen Lebensmittelpunkt – dem Seniorenzentrum Kahrstege. Gleich werden seine beiden Enkel mit den drei Urenkeln kommen. Darauf freut er sich.

Corona verängstigte Bewohner, jetzt ist vieles wieder normal

„Ich wollte niemals ins Heim, ich hatte richtig Angst davor“, erzählt er. Obschon die letzten Jahre durchaus mühsam waren. Sein jüngster Bruder Dieter half ihm viel, den Alltag zu organisieren.

Peter Florin (Einrichtungsleiter) freut sich, dass sich, Josef Ernst in der Kahrstege so wohl fühlt. Dieter Ernst steht seinem Bruder als Betreuer zur Seite. © Schrief © Schrief

Dann stürzte der Senior aus ihm unerfindlichen Gründen in der Küche und brach sich dabei beide Hüften. Erst lag Josef Ernst in einem Marler Krankenhaus, dann im St. Sixtus-Hospital Haltern. Schließlich organisierte Dieter Ernst, der in Haltern seine Heimat hat, einen Kurzzeitpflegeplatz im Seniorenzentrum des Arbeiter-Samariter-Bundes. Fünf Kurzzeitpflegeplätze gibt es hier. „Während des Corona-Lockdowns hatten wir kaum Anfragen. Die Menschen hatten einfach Angst, auch vor den Schlagzeilen über eine Infektion im Altenheim“, sagt Einrichtungsleiter Peter Florin.

Josef Ernst fürchtete sich vor dem Alleinsein

Glück für Josef Ernst. Er kam – und will nicht wieder fort. „Hier ist es einmalig“, schwärmt er von seinem neuen Zuhause. Natürlich hört Peter Florin das gern. Er sei so gut aufgenommen worden: „Hier zu sein, ist für mich das Größte.“ So viel Begeisterung nimmt seinem Bruder eine Last. Der 80-Jährige hat als Betreuer seines ältesten Bruders den Weg in das neue Leben geebnet, die alte Wohnung aufgelöst und kümmert sich nun um alle persönlichen Angelegenheiten. „Manchmal diskutieren wir, aber grundsätzlich ist alles Ordnung“, beruhigt hat Josef Ernst alles aus der Hand gegeben. Drei Brüder hatte er, zwei sind schon gestorben.

Das neue Zuhause von Josef Ernst: Das ASB-Seniorenzentrum Kahrstege. 2002 wurde es an der Sundernstraße eröffnet. © HZ-Archiv © HZ-Archiv

Im Seniorenzentrum habe er eine ganz andere, nämlich meistens gute Laune. Zuhause in Marl habe er Angst vor dem Alleinsein gehabt, sei oft mit dem Alltäglichen überfordert gewesen. „Hier habe ich Unterhaltung und eine Tagesstruktur.“ Josef Ernst zieht sich allerdings auch gern zurück. Er schaut dann Fernsehen oder raucht im Atrium in Ruhe eine Zigarette. Er sei sehr anspruchslos.

Besuche sind wieder uneingeschränkt möglich

Auf Besuch freut er sich. „Vor 14 Tagen ging das noch nicht, das zeigt doch sehr schön, dass sich die Lage normalisiert“, freut sich Peter Florin mit Josef Ernst. „Denn Besuch ist jetzt wieder uneingeschränkt möglich“, erklärt Peter Florin. Voraussetzung ist die Erfüllung der drei G‘s: genesen, geimpft oder getestet. Im Haus seien alle 74 Bewohner geimpft, das habe für eine große Beruhigung gesorgt. „Die Senioren hatten immens Angst vor Corona und waren zeitweise froh, dass niemand ins Haus durfte“, erzählt er. Auf der anderen Seite hätten sich auch viele Heimplatzsuchende nicht getraut, zu kommen, um sich das Haus anzuschauen. Das sei aber jederzeit unkompliziert möglich, betont der Einrichtungsleiter.

Josef Ernst bewohnt ein 17 Quadratmeter großes Zimmer. Viel hat er aus seiner alten Wohnung nicht mitgenommen. Das Wichtigste waren die gewonnenen Pokale aus der Zeit des Hundesports und der bequeme Fernsehsessel. „Es ist mir nicht schwer gefallen, den Rest zurückzulassen“, sagt er.

Seine Tage im Seniorenzentrum genießt er. Josef Ernst schätzt die Mitarbeiter des Hauses, die Mitbewohner („ich komme mit jedem aus“) und die Atmosphäre. In der Innenstadt war er noch nicht, dafür einmal zum Hundeplatz im Sundern, wo er früher als Preisrichter oft viele Stunden verbracht hat.

Setzt er sich Ziele? „Einen guten Eindruck machen und 100 werden, das wär‘s!“

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Elisabeth Schrief

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