Kein Geld für Medikamente, Brillen oder Zahnbehandlungen: Viele Halterner überschuldet

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Schuldner in Haltern sehen sich mehr als 20.000 Einzelforderungen ausgesetzt. Für viele ist die Schuldnerberatung die einzige Chance, aus der Schuldenfalle zu kommen.

Haltern

, 11.02.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

470 Familien werden zurzeit von der Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes in Haltern betreut. Und längst nicht alle, denen es finanziell dramatisch schlecht geht, nehmen das Beratungsgebot wahr.

Zwar steht Haltern in der Statistik der Überschuldung im Ruhrgebiet seit Jahren im Vergleich immer gut da, trotzdem gibt es spezifische Umstände, die die Situation in der Seestadt für Betroffene oft dramatisch machen.

„Es gibt in Haltern ein wesentlich größeres Dunkelfeld als in anderen Städten“, weiß Christian Overmann, Schuldnerberater des Diakonischen Werkes in Haltern. Er spricht von einem „insolvenzgefährdeten Mittelstand, der das Eingeständnis der Insolvenz bis zuletzt hinauszögert“.

Schulden werden aus Scham zu lange bezahlt

„80 Prozent aller Neuzugänge in der Schuldnerberatung, besonders in Haltern am See, zahlen an verschiedene Gläubiger bis zum Beginn der Beratung nicht unerhebliche Beträge aus den unpfändbaren Einkommensanteilen heraus“, so Christian Overmann. „Viele wollen nicht, dass durchsickert, dass sie ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können.“ Gerade in Haltern sei dieser psychische Druck besonders hoch.

Es gebe Fälle, in denen Schuldner nach Bekanntwerden ihrer Probleme aus Haltern hätten wegziehen müssen. „Vielfach suchen Menschen die Ursachen bei sich selbst“, so Chrtistian Overmann. Meistens sind aber Arbeitslosigkeit, Krankheit, oder Scheidung Auslöser für den Weg in die Schuldenfalle. Overmannn geht davon aus, das rund 12 Prozent der Halterner Bevölkerung überschuldet sind, also ihre finanziellen Verpflichtungen monatlich die Einnahmen übersteigen.

Kein Geld für Medikamente, Brillen oder Zahnbehandlungen: Viele Halterner überschuldet

Christian Overmann kennt Wege aus der Schuldenfalle. © Jürgen Wolter

„Konsumsüchtige Schmarotzer“

Häufig sähen sich Betroffene mit Vorurteilen konfrontiert, würden als konsumsüchtig, unfähig oder Schmarotzer bezeichnet. „Genau dieses Vorurteilsstakkato begünstigt in bedenklicher Form durch die Generationen hindurch Ausgrenzungstendenzen und verschämte Nichtinanspruchnahme von Hilfen oder Transferleistungen“, so der Schuldnerberater.

Es gebe in Haltern allerdings eine ausgeprägte Hilfskultur. „Viele Menschen kümmern sich ehrenamtlich um Hilfen für sozial schlechter Gestellte, etwa die Bürgerstiftung.“ Overmann begrüßt, dass in Haltern die Schuldnerberatung der Diakonie in die Frühen Hilfen eingebunden ist, ein Netzwerk das eingreift, um Auswirkungen sozialer Probleme auf das Kindeswohl zu verringern oder zu verhindern. „Auch da hat Haltern Vorbildfunktion“, so der Schuldnerberater.

„Beratungsangebote müssen kostenfrei und niederschwellig bereit gehalten werden“

Im Kreis Recklinghausen bestehe ein Zusammenhang zwischen der hohen Zahl an geringfügigen Beschäftigungen und Überschuldung. Christian Overmann sieht erhebliche Gesundheitsrisiken bei Menschen, die von Überschuldung betroffen sind. 60 Prozent seien von chronischen Krankheiten betroffen und befänden sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand. Gleichzeitig seien sie nicht in der Lage, Rezepte einzulösen oder selbst Medikamente zu kaufen, Verhütungsmittel, Brillen, Hörgeräte oder Zahnbehandlungen zu bezahlen. Soziale Vereinsamung und eingeschränkte Mobilität sind häufig die Folge.

„Prekäre Lebenslagen müssen ohne Schuldzuweisungen besser aufgearbeitet werden“, fordert Christian Overmann. „Dazu ist eine ordentliche Ausstattung des Beratungsangebotes Schuldnerberatung mit niedrigschwelligen Zugangsmöglichkeiten oberstes Gebot. Beratungsangebote müssen schnell und kostenlos, ohne Wartezeiten und ohne einstellungsbedingte Zugangsbarrieren erreichbar sein.“

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