Pfarrer Karl Henschel begrüßt mit Rolf Lönnecke und Christoph Etterich zwei neue Kirchenglieder in der evangelischen Gemeinde. © Schrief
Evangelische Kirchengemeinde

Kircheneintritt und -übertritt: Zwei Halterner über ihre Lust auf Kirche

Der Kirche laufen die Mitglieder weg - aber sie laufen ihnen auch zu. Rolf Lönnecke und Christoph Etterich sind Beispiele dafür. Der eine trat wieder ein, der andere wechselte die Konfession.

In der evangelischen Kirchengemeinde Haltern schrieb Pfarrer Karl Henschel eine Statistik, die in diesen kirchenfernen Zeiten hoffen lässt. Zwischen den Jahren 2006 und 2020 traten 203 Halterner in die evangelische Gemeinde ein, 102 entschlossen sich zu einem Wiedereintritt, 101 „sprangen“ von der katholischen in die evangelische Gemeinde über. Hinzu kommen 142 Erwachsenen-Taufen, die ebenfalls als Eintritt gewertet werden können.

„Karl Henschel hat mich nicht gefragt, ob ich die Zehn Gebote kenne“, schmunzelt Christoph Etterich (38). Er kommt aus einem katholischen Elternhaus, aber irgendwann als Erwachsener fühlte er sich in seiner Kirche nicht mehr aufgehoben. Er verabschiedete sich 2016 aus der katholischen Gemeinschaft, sechs Jahre später konvertierte er.

Lieber zum Schwimmen als zur Beichte

Rolf Lönnecke (69) ist evangelisch getauft. Er trat 1995 aus, weil er sich mit einem katholischen Bischof gestritten hatte – und trat 2019 wieder ein.

„Die christliche Gesinnung hat mich geprägt“, erzählt Rolf Lönnecke, der im Genossenchaftshaus LiNa wohnt und als Grünen-Ratsherr sein Interesse an der Kommunalpolitik entdeckt hat. Er hat ökumenisch geheiratet und bereitete später als Katechet seine katholischen Kinder auf die Erstkommunion vor. Damals wohnte er noch in Soest. Der katholische Pfarrer hatte damit kein Problem, der Bischof sehr wohl. Als Rolf Lönnecke mit den Kindern lieber zum Schwimmen statt zur Beichte ging und er dann als evangelischer Christ katholische Kinder zur Erstkommunion führte, eskalierte ein Streit.

„Das gemeinsame Erlebnis des Glaubens, das Dasein für den Anderen – das war und ist mir wichtig“, sagt der 69-Jährige. Ein Übertritt kam für ihn damals nicht infrage, aber er entfernte sich von der Kirche und trat letztlich aus. Als Geschäftsführer eines großen Konzerns hatte er ohnehin keine Zeit mehr, Gemeindeleben mitzugestalten.

„Wer austritt, darf nicht mehr meckern“

2019 – in seiner neuen Heimat Haltern – lernte Rolf Lönnecke Pfarrer Henschel kennen und schätzen. Wohl überlegt und nach intensiven Gesprächen mit Sohn und Tochter kehrte er zurück in die evangelische Gemeinschaft. Hier fühle er sich zu Hause und wolle sich deshalb auch ehrenamtlich engagieren. Er hofft, dass Corona seine Pläne nicht mehr allzu lange ausbremst. „Wer austritt, darf nicht mehr meckern“, findet der Halterner. Er will meckern, aber nur konstruktiv, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln.

Der Taufstein in der Erlöserkirche: Wer vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertiert, wird nicht noch einmal getauft. © Foto Evangelische Kirchengemeinde © Foto Evangelische Kirchengemeinde

Pfarrer Karl Henschel freut sich. Es sei schön, wenn man Talente in der Gemeinde habe, die sich bewusst einmischen wollten. Das hat auch Christoph Etterich vor. Sein Entschluss, die katholische Kirche zu verlassen, reifte nach dem Skandal um den Bischof von Limburg. Verständnislos habe er verfolgt, wie ein Bischof, der Werte predige und sie selbst nicht vorlebe, sanktionslos weitermachen dürfe. Auch der Missbrauch in der katholischen Kirche und die Weigerung, Frauen als Priesterinnen zuzulassen, waren Beweggründe für den 38-Jährigen, die Seiten zu wechseln.

Wieder mehr Lust, in die Kirche zu gehen

Seine Ehefrau sei evangelisch, seine Kinder ebenfalls, erzählt Christoph Etterich, der beruflich im Pflegemanagement tätig ist. Nach gemeinsamen Gottesdienst-Besuchen in der Erlöserkirche habe er gefühlt: Hier geht es lebhafter zu, sind die Strukturen weniger starr, wird Seelsorge näher an der Realität geleistet. „Ich bin einfach mit mehr Lust in die Kirche gegangen.“

Pfarrer Henschel wird beide durch ein öffentliches Versprechen innerhalb eines Gottesdienstes offiziell aufnehmen. Christoph Etterich wird aber nicht mehr getauft, denn es ist egal, in welcher christlichen Kirche man getauft ist, es ist eine gemeinsame Taufe.

Die Statistik und ihre Altersstrukturen

Pfarrer Karl Henschel kann aus seiner statistischen Arbeit auch etwas zu den Altersstrukturen sagen. Bei den Eintritten, Wiedereintritten und Übertritten dominierte in den vergangenen 14 Jahren die Altersgruppe zwischen 50 und 65 (53), gefolgt von den über 40-Jährigen (46), den über 30-Jährigen (45), den über 65-Jährigen (30) und schließlich den unter 30-Jährigen (29). Bei den Erwachsenentaufen fiel besonders die Gruppe der 14-Jährigen auf (63) und die Gruppe der unter 30-Jährigen (27).

Pfarrer Karl Henschel ist wichtig, das gute Verhältnis zwischen katholischer und evangelischer Kirche zu betonen. In Haltern herrsche viel ökumenischer Aufbruch und ganz gewiss kein Konkurrenzdenken. „Es sind oft Entwicklungen im Glaubensleben, die jemanden bewegen, seine bisherige Konfession zu verlassen“, sagt er, der immer für Offenheit und Toleranz steht.

Konfessionswechsel ohne Glaubensprüfung

Es ist nicht möglich, aus einer kirchlichen Kirche in eine andere nahtlos „überzutreten“. Wer konvertieren will, muss erst beim Amtsgericht seinen Austritt seiner Kirche erklären und kann dann anschließend in die katholische oder evangelische Kirche eintreten. Das kann digital oder im Gemeindebüro geschehen, aber empfehlenswerter ist – wie bei Rolf Lönnecke und Christoph Etterich geschehen – sich zu einem Gespräch mit dem Pfarrer zu treffen. Dabei erwartet den Konvertierten keine Glaubensbefragung: Eine „Eignungsprüfung“ gibt es nicht. Die Aufnahme geschieht als formaler Akt, sie kann aber auch durch ein öffentliches Versprechen genauso gut einen besonderen Charakter während eines Gottesdienstes erhalten.

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Elisabeth Schrief
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