Die Halterner wählen am 13. September einen neuen Stadtrat und Bürgermeister. Wir blicken zurück bis 1945 und erinnern auch daran, wie ein Kandidat mit Erdbeer-Kondomen die Jugend umgarnte.

Haltern

, 07.08.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Halterner entscheiden am 13. September über die Zusammensetzung des nächsten Stadtrates und über den neuen Bürgermeister. Wir blicken zurück in die Geschichte bis zum Wiederaufbau der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg und erinnern auch daran, wie ein Bürgermeister-Kandidat mit Erdbeer-Kondomen die Jugend für sich gewinnen wollte.

Erste freie Kommunalwahlen im September 1946

Am 15. September 1946 fanden die ersten freien Kommunalwahlen seit Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 statt. Die CDU errang die Mehrheit und stellte mit Clemens Sebbel den Bürgermeister. Damals gab es noch Stadt und Amt Haltern, der Zusammenschluss mit den umliegenden zum Teil selbstständigen Gemeinden wie Lippramsdorf oder Sythen beispielsweise erfolgte erst 1975 mit der kommunalen Neuordnung. Die Gemeinden hatten bis dahin eigene, ehrenamtlich tätige Bürgermeister.

Josef Paris (2.v.r.) war von 1964 bis 1980 Bürgermeister Halterns.

Josef Paris (2.v.l.) war von 1964 bis 1980 Bürgermeister Halterns. © Archiv

Erster Bürgermeister nach der Verschmelzung von Stadt und Gemeinden zu einer großen Stadt war Josef Paris (CDU). Er war bereits seit 1964 Bürgermeister von Haltern. Bei den Wahlen am 4. Mai 1975 errang die CDU mit 21 Sitzen die absolute Mehrheit. Die SPD war mit 14, das Zentrum und die Wählergemeinschaft mit je zwei Sitzen vertreten. Die absolute Mehrheit verteidigte die CDU auch bei den Wahlen 1979.

Als Josef Paris 1980 starb, folgte auf ihn Hermann Wessel (CDU). Bei der Kommunalwahl am 30. September 1984 büßte die CDU ihre absolute Mehrheit ein, zum ersten Mal zogen fünf Politiker der Grünen ins Stadtparlament ein. Die neue Fraktion kam mit Sonnenblumen, bunt und leger gekleidet zur ersten Ratssitzung, während die anderen Ratsmitglieder schwarz trugen. Hermann Wessel repräsentierte weiterhin als Bürgermeister die Stadt.

Hermann Wessel (l.) war Richter und nebenbei ehrenamtlicher Bürgermeister Halterns. Das Foto zeigt ihn 1986 mit Gottfried Lemloh, Paul Jansen, Heinrich Windelen (Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen) und Gerd Itjeshorst.

Hermann Wessel (l.) war Richter und nebenbei ehrenamtlicher Bürgermeister Halterns. Das Foto zeigt ihn 1986 mit Gottfried Lemloh, Paul Jansen, Heinrich Windelen (Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen) und Gerd Itjeshorst. © Archiv

Bei der Kommunalwahl 1989 blieben der CDU nur noch 20 Sitze, die SPD holte 13, die WGH 8 und die Grünen 4 Mandate. Hermann Wessel, der bei allen Parteien wegen seiner Fairness und Bürgernähe geschätzt war, blieb im höchsten Ehrenamt der Stadt.

1994 ging das Bürgermeisteramt an Erwin Kirschenbaum (SPD), Lehrer am Halterner Gymnasium. Die Wahlen am 16. Oktober 1994 hatten ihn und seine Partei gestärkt. Die Verteilung sah so aus: CDU 21 Sitze, SPD 16, WGH 3, Grüne 5.

Erwin Kirschenbaum war zunächst ehrenamtlicher und dann hauptamtlicher Bürgermeister Halterns. Das Foto vor dem Alten Rathaus zeigt ihn mit drei Generationen Lebensteins und dem Gesangsduo „Die Bücker-Sisters“.

Erwin Kirschenbaum war zunächst ehrenamtlicher und dann hauptamtlicher Bürgermeister Halterns. Das Foto vor dem Alten Rathaus zeigt ihn mit drei Generationen Lebensteins und dem Gesangsduo „Die Bücker-Sisters“. © Holger Steffe

Erwin Kirschenbaum war zunächst ehrenamtlicher und ab dem 31. Mai 1996 hauptamtlicher Bürgermeister. Das hatte der Rat mit 23:22 Stimmen entschieden. Kirschenbaum führte fortan die bisherigen Ämter des Bürgermeisters und Stadtdirektors in Personalunion.

1999 wählten die Bürger und nicht der Rat den Bürgermeister

Bei der Kommunalwahl am 12. September 1999 gewann die CDU mit 24 Sitzen gegenüber 14 der SPD ihre absolute Mehrheit zurück. Erstmals wurde auch der Bürgermeister direkt von den Bürgern gewählt. Josef Schmergal, bis dahin Erster Beigeordneter der Stadt, gewann diese Wahl mit 55,47 Prozent der Stimmen. Gegenkandidat und am Ende fairer Verlierer war Erwin Kirschenbaum.

Bei der Wahl am 26. September 2004 verzichtete der Lippramsdorfer Josef Schmergal auf eine erneute Kandidatur. Nach der Gemeindeordnung werden Bürgermeister mit 68 Jahren in den Ruhestand geschickt. In diesem Fall - Schmergal war 64 - hätte Haltern ein Jahr vor der nächsten Kommunalwahl einen neuen Bürgermeister wählen müssen. Die CDU stellte Stadtkämmerer Bodo Klimpel auf.

Bodo Klimpel (l.) trat die Nachfolge von Josef Schmergal (M.) an. Drei Wahlperioden liegen hinter ihm, jetzt möchte er Landrat werden.

Bodo Klimpel (l.) trat die Nachfolge von Josef Schmergal (M.) an. Drei Wahlperioden liegen hinter ihm, jetzt möchte er Landrat werden. © Silvia Wiethoff

Der eindeutige Sieger der Wahl war dann die WGH, ihr gelang ein Erdrutsch. Sie hatte mit ihrer Aussage, die absolute Mehrheit der CDU brechen zu wollen, Erfolg. Acht Mandate konnte sie erringen. Die CDU brachte alle Direktkandidaten durch, verlor aber tatsächlich die absolute Mehrheit. Die SPD erhielt 11 Sitze, die Grünen 6 und die FDP einen Sitz. Die weitere Sitzverteilung: CDU 22, SPD 11, Grüne 6, FDP ein Sitz. Die Grünen hatten bei dieser Wahl ihre Ergebnis verdoppelt. Die CDU stellte mit Bodo Klimpel den Bürgermeister. Er hatte 50,7 Prozent der Stimmen auf sich vereint, Ute Petermann (SPD) verbuchte 25,7 Prozent und der unabhängige Kandidat Gerd Becker 23,7 Prozent.

Stadtverbandsvorsitzender Erwin Kirschenbaum (l.) gratulierte Harry Meyer, als der SPD-Parteitag ihn einstimmig zum Bürgermeister-Kandidaten nominierte. Doch die Wahl gegen Bodo Klimpel verlor er.

Stadtverbandsvorsitzender Erwin Kirschenbaum (l.) gratulierte Harry Meyer, als der SPD-Parteitag ihn einstimmig zum Bürgermeister-Kandidaten nominierte. Doch die Wahl gegen Bodo Klimpel verlor er. © Silvia Wiethoff

Bei der Wahl am 30. August 2009 rang Klimpel mit Harry Meyer (SPD) und Georg Stefula (Die Linke) um das erste Amt der Stadt. Meyer sorgte im Wahlkampf für Schlagzeilen, weil er Kondome mit Erdbeergeschmack auf einer abendlichen Tour durch Halterns Kneipen an Jugendliche verteilte. Zu allem Spott war das Verfallsdatum auf den kleinen roten Tütchen um vier Monate überschritten. Klimpel profitierte: Er fuhr satte und nie wieder erreichte 74 Prozent ein. Von diesem Erdrutschsieg konnte seine Partei, die CDU, allerdings nicht profitieren. Sie verfehlte die absolute Mehrheit, erreichte dennoch mit 23 von 50 Ratsmandaten ein komfortables Ergebnis. Die WGH verlor ihren Status als drittstärkste Partei an die Grünen, die acht Sitze errang.

Die Wähler haben die Zukunft Halterns in der Hand

Bei der SPD positionierte sich am 25. Mai 2014 nach Ute Petermann wieder eine Frau, um Halterns erste Bürgermeisterin zu werden: Beate Pliete. Zum ersten Mal trat die Unabhängige Bürgerpartei (UBP) zur Kommunalwahl in Haltern an. Aufmerksamkeit beim Wähler erhoffte sich die 2006 in Herten gegründete Partei auch durch einen eigenen Bürgermeisterkandidaten: Versicherungskaufmann Carsten Rehr.

Podiumsdiskussion der KAB 2014 mit Bürgermeister Bodo Klimpel (CDU) und seinen Herausforderern Beate Pliete (SPD) und Carsten Rehr (UBP).

Podiumsdiskussion der KAB 2014 mit Bürgermeister Bodo Klimpel (CDU) und seinen Herausforderern Beate Pliete (SPD) und Carsten Rehr (UBP). © Winkelkotte

Klimpel siegte, aber die SPD durfte trotzdem triumphieren. Sie holte sich zwei, vorher von der CDU dominierte Wahlkreise in Sythen und Flaesheim direkt. Zum letzten Mal seit 1994 hatte die SPD Wahlkreise direkt gewonnen. Und Beate Pliete war nur knapp geschlagen. Beate Pliete kommentierte das so: „Wir haben Bodo Klimpel ins Schwitzen gebracht.“ Die Sitzverteilung: CDU 17, SPD 13, Grüne 7, WGH 4, FDP 2, UBP 1.

Nun werden die Karten neu gemischt. Die Halterner Wähler haben die Zukunft in der Hand.

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