Lavesumer Gasthof Eggebrecht: Bald wird die letzte Runde eingeläutet

hzEggebrecht schließt

Dass Hotti und Petra, die Dresdener, sich als Gastwirte von Haus Eggebrecht so gut in Lavesum einleben würden, hatte ihnen 1992 niemand zugetraut. Jetzt, zum Abschied, werden viele wehmütig.

Lavesum

, 08.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Horst Peger, von allen „Hotti“ genannt, kam vor 28 Jahren mit seiner Frau Petra und den beiden Söhnen von Dresden ins kleine Lavesum. Durch Zufall. Denn nach der Wende suchten die Eheleute, die zu DDR-Zeiten ein Restaurant in Grillenburg mitten im Tharandter Wald geführt hatten, ein neues Lokal. „Den Gasthof nahe Dresden hätten wir kaufen können, konnten wir uns aber nicht leisten“, erzählt Horst Peger. Investoren aus dem Westen trieben nach der Wende die Preise hoch. Freunde aus Wulfen-Barkenberg machten die Eheleute auf die Traditionsgaststätte Eggebrecht aufmerksam. Dort wurde ein neuer Pächter gesucht.

Die Gaststätte Eggebrecht in Lavesum schließt am 28. Februar.

Die Gaststätte Eggebrecht schließt, das Haus steht zum Verkauf. Möglicherweise wird es abgerissen. © Eva-Maria Spiller

650 Kilometer von der Heimat und der Familie entfernt, das wollte gut überlegt sein. „Wir haben es schweren Herzens versucht und es ist geglückt.“ Mit den anfangs argwöhnischen Lavesumern traf Horst Peger eine Absprache: „Wir reden an der Theke nicht über die Kirche und ihr lernt sächsisch.“ Die Lavesumer können immerhin in diesem Dialekt bis drei zählen. „Fier de innerdeidsche Endwigglung“, wie der Sachse sagt, waren Horst, der bald nur noch Hotti hieß, und Petra ein Glücksfall. Es wuchs in Lavesum zusammen, was zusammen gehört.

Ein Dresdener fasst Fuß im kleinen Lavesum

Hotti kennt sie inzwischen alle - die Lavesumer Familien und ihre Geschichten. Er kann die Lavesumer mittlerweile sogar in die richtigen verwandtschaftlichen Beziehungen zueinander setzen. Am Anfang habe er, so sagt er, einfach nur gut zugehört, wenn die Gäste an der Theke das Leben vor Ort zur Sprache brachten. Bald konnte er mitreden. Aber erst dann, wenn er das Licht in der Küche ausgemacht hatte.

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Die Ära Haus Eggebrecht endet

Horst und Petra Seger geben nach 28 Jahren das Lavesumer Restaurant Eggebrecht auf. Die Zukunft des Hauses ist ungewiss, es soll verkauft werden. Wir zeigen eine Innen- und Außenansicht.
07.02.2020
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Viele Vereine hatten hier ihr Stammlokal, auch der Männergesangverein Lavesum. Die Inneneinrichtung ist seit eh und je rustikal, aber gemütlich.
"Seid nett zueinander" heißt im Lokal. Unterschiedlich große Wimpel klären die Rangfolge: Erst Lavesum, dann die Stadt Haltern am See.
Gemütlichkeit im Charme der Siebziger. Die Gäste lieben dieses nostalgische Flair.
In der Gaststätte hängen drei Uhren, die unterschiedliche Zeiten anzeigen. Das ist der Lavesumer Zeitanzeiger.
Ein Aquarell von Haus Eggebrecht mit angegliederten Schmiede (l. im Bild).
Der Tanz-Club Lavesum traf sich bislang einmal im Monat bei Eggebrecht. Das Foto hängt im Saal und erinnert an die Verleihung der Goldenen Tanznadel im Jahr 2000.
Horst und Petra Peger eröffneten am 4. Juli 1992 als neue Pächter den Gasthof Eggebrecht. Anfangs boten sie noch Mittagstisch, Kaffee und Kuchen sowie warme und kalte Speisen am Abend an. Jetzt setzt sich das Ehepaar zur Ruhe.
Ein Blick in den Saal des Gasthauses Eggebrecht. Hier wurde viel gefeiert, aber auch manches Mal heiß diskutiert.
Auf dem Klavier spielt der Chorleiter des Männergesangvereins. Am Fensterplatz in der Nische nahmen in früheren Jahren traditionell die Jäger Platz.
Horst Peger hegt eine Leidenschaft für Uhren. Diese zeigt die Uhrzeit in Tokio an- auch in Lavesum gibt man sich gern weltmännisch.
Die New Yorker Zeit eilt der Lavesumer hinterher.

Denn Hotti und Petra Peger teilten sich die Arbeit im Gasthof wohlüberlegt auf: Der gelernte Koch ging in die Küche, sie, die Germanistik und Romanistik in Halle studiert hat, an die Theke. 28 Jahre lang hielten sie es so und es war immer alles bestens, wie die Gäste sagen. Manchmal halfen die Söhne (heute 45 und 40 Jahre alt) mit.

Gemütlichkeit im Charme der Fünfziger. Die Gäste lieben dieses nostalgische Flair, das es sonst nirgendwo mehr in Haltern gibt.

Gemütlichkeit im Charme der Fünfziger. Die Gäste lieben dieses nostalgische Flair, das es sonst nirgendwo mehr in Haltern gibt. © Elisabeth Schrief

Was Petra Peger aus der Küche trug, machte das Gasthaus Eggebrecht bald zum Geheimtipp. Stammgäste sind bis heute überzeugt: Nirgendwo kann man bessere Schnitzel essen. Schnitzel Willi. Das ist zartes Fleisch aus dem Schweinerücken, garniert mit frischen Champignons oder Paprika, mit Salat und Bratkartoffeln. „Taufpate“ war Stammgast und Kumpel Willi Gerdes (inzwischen verstorben), der es sich bei Hotti immer schmecken ließ.

Seit 1970 steht Horst Peger am Herd. „Nie habe ich die Lust verloren.“ Geweckt wurde die Begeisterung im damaligen Café Prag in Dresden. „Wer die harte Arbeit dort durchgestanden hat, der kann überall arbeiten. Das war eine Schule fürs Leben.“ Ehefrau Petra lernte er in Halle kennen und lieben, sie zog mit ihm und blieb privat wie beruflich an seiner Seite.

Sächsische Kultur bringt Lavesum zum Leuchten

Sie freut sich, dass sie in Lavesum ein Stückchen sächsische Kultur etablieren konnte. Zur Weihnachtszeit illuminierte sie mit Schwippbögen aus dem Erzgebirge die Fenster ihrer Wohnung im Obergeschoss des Gasthofes. Heute nichts Besonderes mehr, damals schon. „Berthold Hiltrop war der Erste, der Bestellungen aufgab“, erinnern sich die Pegers. „Fünf Jahre später war das halbe Dorf beleuchtet.“

Die Inneneinrichtung ist über die 50er-Jahre nicht hinaus gekommen, aber Horst Peger, der Uhrenliebhaber, hat dafür gesorgt, dass das rustikale Restaurant und die Lavesumer nicht aus der Zeit fielen. Drei Uhren drehen sich: Die Gäste wissen immer, wie spät es in Lavesum und zugleich auch in Tokio und New York ist. Lavesum ist weltweit vernetzt, sozusagen.

„Hotti“ sorgt für Nachschub. Horst Peger feierte alljährlich mit den Lavesumern das Patronatsfest „Schwienetöns“.

„Hotti“ sorgt für Nachschub. Horst Peger feierte alljährlich mit den Lavesumern das Patronatsfest „Schwienetöns“. © Holger Steffe (Archiv)

Das ganze Dorf war in den vergangenen 28 Jahren bei Eggebrecht zu Gast, dem gesellschaftlichen Zentrum Lavesums. Der Begegnungsstätte für Schützen, Sportler, Tänzer, Kartenspieler, Knobelfreunde und Feste Feiernde. „Viele von ihnen waren nicht nur Gäste, sie sind unsere Freunde geworden“, sagt Hotti. Er ist sehr zuversichtlich, dass diese Freundschaften ihn und seine Frau auch über das Ende von Eggebrecht hinaus tragen werden. Denn das Ehepaar Peger, 66 und 67 Jahre alt, dreht den Herd ab und den Zapfhahn zu.

Das Ziel heißt: Einfach mal zur Ruhe kommen

Ruhestand ist endlich angesagt, freie Zeit genießen, Rad fahren, einfach mal zur Ruhe kommen. Am Faschingsdienstag bereitet Horst Peger die letzten Schnitzel zu, danach gibt es nur noch Getränke und mit der Jahreshauptversammlung des Schützenvereins am 28. Februar ist endgültig Schluss. Letzte Runde in der unverfälschten Atmosphäre einer Lavesumer Instanz. „Schade, schade!“, trauert ein Stammgast schon jetzt den guten Zeiten hinterher.

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