Personalausstattung an Schulen: „Quoten sind immer nur Momentaufnahmen“

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Im Landes- und Kreisvergleich ist Haltern mit Lehrern gut besetzt. Viele wollen in die Seestadt. Unterbesetzungen gibt es jedoch auch hier. Der Grund dafür ist oftmals wenig planbar.

Haltern

, 29.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zu Beginn des Schuljahres 2018/19 waren von 12 allgemeinbildenden Schulen in Haltern vier unterbesetzt.

Das geht aus einem Datensatz des NRW-Schulministeriums hervor, den das gemeinnützige Recherchekollektiv Correctiv aufbereitet hat. Es zeigt mit Stand vom Beginn des Schuljahres 2018/19 für alle Halterner Schulen den Bedarf und die Zuteilung von Lehrern durch die Schulaufsicht.

KOOPERATION MIT CORRECTIV

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation der Halterner Zeitung mit Correctiv.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. Correctiv.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org

Die Stadt Haltern am See ist Schulträger von neun Grundschulen (davon drei Schulverbunde mit je zwei Grundschulen) an acht Standorten sowie drei weiterführenden Schulen: eine Gemeinschaftshauptschule (Joseph-Hennewig), eine Realschule (Alexander Lebenstein) und das Joseph-König-Gymnasium mit insgesamt derzeit 3726 Schülerinnen und Schülern.

Lehrerin in Mutterschutz wird voll gezählt

Unterbesetzt heißt: ein Versorgungsgrad von unter 100 Prozent. Wieviele Lehrer an einer Schule im Einsatz sind, hängt von der Anzahl der Schüler und der festgelegten Schüler/Lehrer-Relation ab.

Die Alexander-Lebenstein-Realschule hatte laut den Zahlen des Ministeriums im entsprechenden Schuljahr eine Personalausstattungsquote von 112,5 Prozent - das heißt, sie war personaltechnisch der Spitzenreiter unter den Halterner Schulen.

Schulleiter Frank Cremer: „Diese Quoten sind immer nur Momentaufnahmen.“ Zum Beispiel werde eine Lehrerin im Mutterschutz noch voll gezählt, auch wenn sie nicht da sei. 2017 habe die Quote in einem Schuljahr zwischen 106 und 98 Prozent geschwankt. Aktuell sei die Schule bei 98 Prozent. „Das ändert sich zum 1. Mai, da kommt eine neue Lehrkraft.“ Personell sei man gerade gut aufgestellt. In den Stufen 5 und 6 fielen grundsätzlich keine Stunden aus, ab der Klasse 7 könne schon mal eine Randstunde ausfallen. Man habe an der Realschule mit etwa 3 Prozent eine relativ niedrige Ausfallquote, so Cremer.

Alle ausgeschriebenen Stellen werden besetzt

Das Joseph-König-Gymnasium lag mit einer Personalquote von 101,4 Prozent in dem entsprechenden Schuljahr im grünen Bereich. Im ersten Halbjahr 2019/20 lag die Quote sogar kurzfristig bei 105 Prozent, sagt Schulleiter Ulrich Wessel. „Kurz darauf hatten wir drei Pensionierungen“, sagt Wessel. Eine Neueinstellung sei dazu gekommen. Aktuell läge die Auslastung bei 101 bis 102 Prozent. „Wir sind hier in Haltern in der glücklichen Situation, dass wir alle Stellen besetzt bekommen, die wir ausschreiben“, so der Schulleiter weiter.

Joseph König Gymnasium

Joseph König Gymnasium © Jürgen Wolter

Mangelnde Kontinuität gebe es nur durch Kollegen, die in Mutterschutz beziehungsweise Elternzeit gingen. Aktuell seien acht Vertretungslehrkräfte am Gymnasium im Einsatz. In den kommenden Jahren sei, durch den Übergang zu G9, die Lehrer-Schüler-Relation geringfügig erhöht worden, erklärt Ulrich Wessel, so dass statistisch gesehen weniger Lehrer benötigt würden. Zurzeit seien am Gymnasium noch 8 G8-Jahrgänge. In einigen Jahren würde der Bedarf wieder steigen.

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An der Joseph-Hennewig-Hauptschule lehrten 2018/2019 29 Lehrer. Bei einem Lehrer-Versorgungsgrad von 29 (91,6 Prozent) fehlten laut Daten 2,6 Lehrkräfte, um den Unterricht planmäßig durchzuführen. Schulleiterin Dagmar Perret: „91 ist doch eine gute Zahl. Das ist die Situation an anderen Schulen viel dramatischer.“ Man habe doch nur eine kleine Unterbesetzung, wurde ihr von der Bezirksregierung auf Nachfrage damals bescheinigt.

Damals hätte die Hauptschule reagiert, in dem größere Lerngruppen gebildet worden seien, der Förderunterricht habe nicht so stattfinden können wie geplant. Momentan sei die Auslastung aber gut, für die 350 Schüler seien cirka 35 Lehrkräfte an der Hauptschule. „Darunter sind aber auch Sonderpädagogen, Schulsozialarbeiter und halbe Stellen.“

Mutterschutz und Elternzeit sind wenig planbar

An den Halterner Grundschulen sei die Personal-Situation zurzeit gut, sagt Veronika Beher, Leiterin der Silverberg- und kommissarische Leiterin des Grundschulverbundes Heideschule. Die von Correctiv aufbereiteten Zahlen hatten für das Schuljahr 2018/19 eine relativ große Spannbreite gezeigt, von 91,3 bzw. 92,3 Prozent (Silverbergschule, Verbundschule Sythen-Lavesum) bis zu 106,4 Prozent (Katharina-von-Bora-Schule).

Kritisch werde die Situation dann, wenn Lehrkräfte schwanger würden. „Wir freuen uns natürlich über Kinder, aber heutzutage sind die Vorgaben vom Kreisgesundheitsamt viel strenger, ab wann man als Schwangere nicht mehr unterrichten darf“, sagt Beher. Bei einem oder zwei Windpocken-Fällen an der Schule müssten die Schwangeren bereits zuhause bleiben. Auf diese Ausfälle könne man sich schlecht vorbereiten.

Um auch in solchen Fällen Unterrichtsausfall möglichst weitgehend zu vermeiden, fordern verschiedene Elternvertretungen und Gewerkschaften einen Versorgungsgrad von mindestens 105 Prozent.

Der Lehrermangel ist ein landes- und bundesweites Phänomen. Im Gegensatz zu anderen Schulen im Kreis (z.B. Gladbeck), wo es bei den Grundschulen Quoten von 76 Prozent gibt, ist Haltern aber gut versorgt.

Laut Correctiv zeigen die Zahlen, dass fast 54 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in Nordrhein-Westfalen einen Lehrerversorgungsgrad von unter 100 Prozent aufweisen, also nicht einmal den Grundversorgungswert erreichen, der nötig wäre, um wenigstens theoretisch bei voller Personalstärke ohne Überstunden alle Unterrichtsstunden stattfinden zu lassen.

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