Lorenz S. Beckhardts Opa war der Jude mit Hakenkreuz

Lesung im Rathaus

Fritz Beckhardt wurde im Ersten Weltkrieg gefeiert, kam aber als Jude ins Konzentrationslager. Sein Enkel hat die Geschichte im Rathaus erzählt.

Haltern

, 03.02.2019, 16:01 Uhr / Lesedauer: 2 min
Lorenz Beckhardt las im Alten Rathaus aus seinem Buch „Der Jude mit dem Hakenkreuz“.

Lorenz Beckhardt las im Alten Rathaus aus seinem Buch „Der Jude mit dem Hakenkreuz“. © Jürgen Wolter

In Haltern nahm er seine Zuhörer mit auf Spurensuche. Der Autor und Journalist Lorenz S. Beckhardt hat die Geschichte seines Großvaters Fritz Beckhardt recherchiert, der im Ersten Weltkrieg hoch dekorierter Kampfflieger und glühender Patriot war – und Jude.

Unter dem Titel „Der Jude mit dem Hakenkreuz“ hat Lorenz Beckhardt die Geschichte seines Großvaters und seiner Familie in einem Buch veröffentlicht. Seine eigenen jüdischen Wurzeln kannte er lange selbst nicht. Er wurde katholisch erzogen, besuchte ein katholisches Internat. Erst bei einem Besuch im Alter von 18 Jahren erfuhr er von einem Onkel, dass er Jude ist und als Angehöriger einer Familie von Nazi-Verfolgten nicht zum Wehrdienst eingezogen wird.

Beckhardt studierte in Bonn Chemie, arbeitete als Journalist unter anderem beim WDR und berichtete über wissenschaftliche Themen. Sein Buch deckt die Brüche in der Geschichte seiner Familie auf. Für seinen Großvater Fritz aus Wiesbaden, den hoch dekorierten Kriegshelden, war es eigentlich unvorstellbar, Deutschland zu verlassen. Als Flieger im Ersten Weltkrieg besaß er einen Talisman, ein kleines Amulett, das ein Hakenkreuz zeigt, lange bevor dieses zum Symbol des Nationalsozialismus wurde. Er war „der Jude mit dem Hakenkreuz“.

Flieger malen eigene Symbole auf ihre Flugzeuge

„Er bemalte sogar sein Flugzeug mit dem Hakenkreuz. Im Ersten Weltkrieg war es durchaus üblich, dass die Flieger eigene Bemalungen auf ihre Flugzeuge aufbrachten“, so Beckhardt. Trotz seiner hohen Auszeichnungen muss aber auch Fritz Beckhardt nach Gefängnis- und KZ-Aufenthalten nach England fliehen, wo zuvor schon seine Kinder aufgenommen worden waren. „Er hatte ein Verhältnis mit einem Hausmädchen angefangen und sich dadurch nach den Rassegesetzen der Nazis der ‚Rassenschande‘ schuldig gemacht“, sagte Lorenz Beckhardt.

Fritz Beckhardts ehemaliger Kriegskamerad Hermann Göring sorgt aber für seine Entlassung aus dem KZ. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt er nach Deutschland zurück, versucht, sein altes Geschäft in Wiesbaden wieder zu eröffnen. Doch die Kunden bleiben weg, seine Versuche, Wiedergutmachung zu beantragen, scheitern. Die Bürokratie der 50er-Jahre, in der zum großen Teil die gleichen Beamten sitzen, die zuvor dem Nazi-Regime dienten, lehnt seine Ansprüche ab. Nach mehreren Schlaganfällen stirbt Fritz Beckhardt.

Lorenz Beckhardt las und erzählte in Haltern zahlreiche Episoden aus der Geschichte seiner Familie unter dem Naziregime und in der Zeit danach. Immer wieder flossen auch die Gräueltaten der Nazis in seine Schilderungen mit ein, etwa bei den Massenerschießungen baltischer Juden, die sich nackt in Massengräber auf noch warme Leichen legen müssen und von Erschießungskommandos in Wechselschicht systematisch ermordet werden. 27.000 Juden starben so allein in der Nähe von Riga.

Lorenz nähert sich dem Judentum wieder an

Lorenz Beckhardt selbst, der gern auch Schullesungen gestaltet, hat sich durch die Aufarbeitung seiner Familiengeschichte wieder dem Judentum angenähert. Seine von der Stadtbücherei und der VHS organisierte Lesung fand im Rahmen der Veranstaltungen zum diesjährigen Holocaust-Gedenktag statt. Sie wurde von Bürgermeister Bodo Klimpel eröffnet und von Verena Voß und Helen Schlüter aus der Musikschule musikalisch umrahmt.

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Am Mittwoch (30. Januar) um 19 Uhr laden die Stadt Haltern, die Stadtbücherei, die Musik- und die Volkshochschule in das Alte Rathaus zu einer Lesung mit Lorenz S. Beckhardt ein.

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