Vor 15 Jahren sind Jugendliche in Hullern mit einem Auto verunglückt. Daran erinnern sich die Feuerwehrmänner Sascha Jung und Georg Bäther gut. Und erklären, wie Einsatzkräfte damit umgehen.

Haltern

, 09.01.2019, 16:47 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das Licht in der Aula des Schulzentrums ist gedämpft. Georg Bäther und Sascha Jung steigen in langsamen Schritten die Treppenstufen zur Bühne hinauf. Jeder einzelne davon ist zu hören. An einer Garderobe auf dem Weg hängen ihre Arbeitsuniformen: Einsatzjacken der Feuerwehr. Bäther und Jung nehmen die schwarzen und orangenen Jacken vom Haken, streifen sie an, ziehen den Reißverschluss hoch. Vom Bürger zum Feuerwehrmann.

Bäther und Jung arbeiten seit über 20 Jahre als Kollegen zusammen. „Wir könnten an jeder Straßenecke in Haltern sagen, hier hatten wir einen Einsatz“, sagt Bäther. Einige davon sind undramatisch. Andere hinterlassen Bilder im Kopf. Von einem dieser Unfälle haben die zwei Feuerwehrmänner den Schülern des Gymnasiums und der Haupt- und Realschule Anfang Dezember beim Crash Kurs NRW erzählt - einem Unfallpräventionsprogramm, das jugendliche Fahrer die Folgen von Selbstüberschätzung und von Rasen im Straßenverkehr vor Augen führen soll. Ein Unfall, der sich am 30. Mai 2003 abgespielt hat.

Es ist ein Freitag wie jeder andere auch.

Der Alltag auf der Wache läuft, erst Hallenreinigung, dann Gerätekontrolle.

Georg Bäther und Sascha Jung stehen vor einer Leinwand. Was sie vortragen, ist ein Gedankenprotokoll jenes Einsatzes, an den sie sich auch nach 15 Jahren noch gut erinnern können. Bäther, der damals als Einsatzleiter vor Ort war, Jung, der als Rettungsassistent im Einsatz war.

19:37 Uhr: Einsatz für den Rettungswagen und Notarzt.

Verkehrsunfall Hullerner Straße, circa 300 Meter hinter der Ampel in Richtung Hullern.

Über Funk erfahren wir, dass es mehrere Verletzte geben soll.

Was erwartet mich? Wie viele Verletzte? Wie schwer verletzt?

Auf der Leinwand hinter den Feuerwehrmännern prangt ein Foto, das die Antwort darauf gibt: ein grünes Auto, das sich wie eine zerknüllte Cola-Dose um einen Baum gewickelt hat. Im Hintergrund arbeiten Feuerwehrmänner. Noch kurze Zeit zuvor hatten vier Freunde in dem Wagen gesessen, die unterwegs waren Richtung Kino. Zwei von ihnen sind an diesem Abend verstorben.

„Man sieht Dinge, die das menschliche Auge nicht unbedingt zu sehen bekommen sollte“

Georg Bäther (l.) und Sascha Jung auf der Bühne der Aula des Schulzentrums. © Spiller

Für Familienangehörige kann solch ein Ereignis traumatisch sein. Das ist auch der Grund, warum Bäther und Jung bei diesem Unfall nicht zu sehr ins Detail gehen wollen. Aus Rücksicht auf die Angehörigen. Aber was macht so ein Einsatz eigentlich mit einer Rettungskraft? Ein Beispiel dafür ist die Entgleisung des ICE im niedersächsischen Eschede, bei dem am 3. Juni 1998 laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) 99 Zugpassagiere und zwei Gleisarbeiter starben. 123 weitere Passagiere wurden teils schwer verletzt.

Nach dem ICE-Unglück in Eschede

Insgesamt 2000 haupt- und ehrenamtliche Kräfte waren damals eine Woche lang im Einsatz. Es war das erste Mal, dass ein umfangreiches und langfristiges Unterstützungsangebot für Einsatzkräfte angeboten wurde. 700 der 2000 Kräfte nahmen das damals in Anspruch. „Das oft gezeichnete Bild, dass ein Einsatz bei schweren Unglücksfällen und Katastrophen alle Einsatzkräfte traumatisiert, ist ein Mythos“, sagt Dr. Jutta Helmerichs vom BBK in einem Interview im vergangenen Jahr. 20 Jahre nach dem Zugunglück.

Beispiele

Diese Einsätze können besonders Belasten

  • Schwer verletzte Kinder
  • Verletzte oder getötete Kollegen
  • Angehörige oder Bekannte gehören zu den Unfallopfern, um die sich die Rettungskraft kümmern muss
  • persönlicher Bezug zum Unfallgeschehen (z.B. junger Familienvater bei plötzlichem Säuglingstod)
  • Großschadenslagen mit vielen Verletzten
  • Einsätze mit besonders schrecklichem Anblick wie Verstümmelungen

Damals, da hätten viele der Helfer hohen Gesprächsbedarf gehabt. „Vor allem nach einigen Wochen, wenn Verwandte und Freunde das Thema nicht mehr hören konnten, kamen die Helferinnen und Helfer zu uns, um zu reden und damit zu verarbeiten“, sagt Helmerichs damals. Sie war damals vor Ort, als Ansprechpartnerin für Helferinnen und Helfer. Eineinhalb Jahre bietet die „Koordinierungsstelle Einsatznachsorge“ Informationen für Angehörige, Einzelgespräche und Gruppengespräche an sowie Kontakt zu Trauma-Experten.

In einzelnen Fällen sind die Auswirkungen gravierender

Rund 100 der Einsatzkräfte beschäftigte das Ereignis allerdings für längere Zeit, so das BBK. Folgen seien schwerwiegende Krisen in Familie und Partnerschaft gewesen. Einige hätten eine Psychotherapie gemacht, einzelne wurden als berufsunfähig attestiert. In einem Fall nahm sich eine Person kurz vor dem 6. Jahrestag des Zugunglücks das Leben. „Bei all den gravierenden Auswirkungen ist allerdings davon auszugehen, dass der Eschede-Einsatz nicht die alleinige Ursache war“, so Helmerichs damals.

Funktionieren.

Wie laufen unsere Rettungsmaßnahmen für die Verletzten?

Ok, hier funktioniert alles.

In Hullern sondiert Georg Bäther die Unfallstelle. Schaut, dass alles läuft.


Weitermachen! Funktionieren!

Absprachen treffen mit dem Rettungsdienst, Notarzt, den anderen Feuerwehrleuten, der Polizei,

ganz nüchtern, realistisch.

„Man sieht Dinge, die das menschliche Auge nicht unbedingt zu sehen bekommt. Je länger man dabei ist, desto besser kann man aber damit umgehen“, sagt Sascha Jung heute.

Übergabe an die Klinik.

Zurück zur Wache. Schweigen im Fahrzeug.

Einsatzbereitschaft wiederherstellen.

Hoffen, dass bald Feierabend ist und versuchen, abzuschalten.

„Man muss es sich von der Seele reden, das ist wirklich so“

Wenn das nicht klappt, dann ist da Dino Simi. Der Halterner Feuerwehrmann steht seinen Kollegen nach einem Einsatz zur Verfügung, wenn die Gesprächsbedarf haben. Simi und ein Kollege haben sich über einen Zeitraum von sechs Monaten in Psychosozialer Unterstützung (PSU) am Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen in Münster schulen lassen. Die Inhalte: Gesprächsführung, Psychologie, Traumatologie und Krankheitsbilder wie Burnout oder Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Kompetente psychosoziale Ansprechpartner aus demselben Arbeitsumfeld, optimale Arbeits- und Organisationsstrukturen und Teamzusammensetzungen, soziale Anerkennung und eine psychosoziale Vorbereitung auf die Arbeit seien heute laut Helmerichs wichtige Stützpfeiler im Umgang mit dem eigenen Job.

„Man muss es sich von der Seele reden, das ist wirklich so“, sagt Simi. Haben seine Kollegen Gesprächsbedarf, führt er geplante Einzelgespräche mit ihnen durch. „Ich frage dann meist, ob die Bilder noch da sind.“ Ein bis zwei Stunden könne so ein Gespräch dauern. Das hänge vom jeweiligen Kollegen ab. „Ich würde so ein Gespräch nie schnell beenden.“ Bis zu einem Zeitraum von sechs Wochen begleitet Simi seine Kollegen in so einem Fall. „Wenn dann keine Besserung eintritt, dann vermittele ich an einen Psychotherapeuten weiter“, sagt Simi.

Arbeit erledigt.

Wie es mir geht?

Nur noch ein paar Stunden, dann habe ich Feierabend. Ich will zu meiner Familie. Hoffentlich bleibt es ruhig!

Laut dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sind erste Reaktionen auf Belastungen sehr individuell, können Minuten, Stunden oder Tage anhalten. Anspannung, Rededrang, Erschöpfung, Schlafprobleme, Lachen oder Kichern, Unruhe, Rückzug oder starkes Schwitzen können die Folge sein. „Das sind normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis“, heißt es in der Publikation „Psychosoziale Herausforderungen im Feuerwehrdienst“ des BBK und des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV).

Zahlen und Fakten

So stark sind Rettungskräfte belastet

  • Laut BBK gab es 2016 1,3 Millionen Feuerwehrleute. 51 Prozent nannten bei einer Befragung ein extrem belastendes Ereignis.
  • 30 Prozent hatten in den ersten Wochen danach ständig wiederkehrende Erinnerungen bzw. Wiedererleben (Intrusion).
  • 26,7 Prozent der Befragten litten dauerhaft an Intrusionen.

Einige Einsatzkräfte sind laut BBK auch Wochen oder Monate nach einem Ereignis mit dessen Verarbeitung beschäftigt. Die Auswirkungen können sowohl körperlich (z.B. Magenbeschwerden, Erschöpfung), geistig (z.B. sich aufdrängende Erinnerungen, Konzentrationsstörungen), emotional (z.B. Angst, Schuldgefühle, Nervosität) oder auf das eigene Verhalten bezogen sein (z.B. übertriebene Wachsamkeit, Vermeidungsverhalten, sozialer Rückzug).

In seltenen Fällen entwickeln sich psychische Erkrankungen

Einsatzkräfte sind dem BBK zufolge besonders häufig mit belastenden Situationen konfrontiert, so dass häufiger Belastungsstörungen auftreten. In seltenen Fällen entwickele sich eine psychische Erkrankung wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die gut behandelbar ist, so das BBK, oder psychische Erkrankungen wie etwa eine Depression, eine Angststörung oder eine Sucht als so genannte Traumafolgestörung.

Einen hundertprozentigen Schutz vor psychischen Belastungsfolgen, den gebe es nicht, heißt es vom BBK. Was aber psychischen Risikofaktoren entgegenstehe, das seien Schutzfaktoren, sogenannte Protektoren. Dazu gehören laut BBK ein hohes Maß an stabilen sozialen Bindungen, keine Zusatzbelastungen im privaten Bereich, interessiertes, anteilnehmendes soziales Umfeld, körperliche Gesundheit durch Fitness, und realistische Ansprüche an sich selber. Allerdings seien einige davon nur bedingt selbst herstellbar.

Georg Bäther fährt jeden Tag an der Unfallstelle in Hullern mit dem Fahrrad vorbei, wenn er zur Arbeit fährt. „Man hat es verarbeitet und seinen Weg gefunden, damit umzugehen“, sagt Jung. „Man hat es für sich in eine Schublade gepackt, die man zumachen kann.“

„Wäre es ständig präsent, dann könnten wir unsere Arbeit nicht machen“, ergänzt Bäther. Über Details des Unfalls möchte er nicht reden. Denn für den einen sei es eine Geschichte, aber wer kümmere sich um ihn, wenn ihn die Bilder auch noch Stunden danach beschäftigten?

Auf der Bühne des Schulzentrums ist es still geworden. 240 Leute in einem Raum. Und alles, was zu hören ist, ist die Lüftungsanlage.

Tretet auf die Bremse,
auch wenn ihr nicht selbst fahrt.
Ihr kommt an, etwas später vielleicht,
aber ihr kommt an. Diese jungen Menschen kommen nicht mehr an,
sagt Jung.

„Man sieht Dinge, die das menschliche Auge nicht unbedingt zu sehen bekommen sollte“

220 Haupt- und Realschüler hörten den Rettungskräften zu, als sie von ihrem Einsatz in Hullern erzählten. © Eva-Maria Spiller

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