„Manche Menschen verschwinden einfach“ – Geflüchtete blicken mit Sorge nach Iran und Irak

hzSpannungen im Nahen Osten

Der Konflikt zwischen dem Iran und den USA verschärft die Sicherheitslage im Nahen Osten und bereitet auch in Haltern Sorge. Wir haben mit Flüchtlingen aus dem Iran und dem Irak gesprochen.

Haltern

, 21.01.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Konflikt zwischen den USA und Iran hält die Menschen im Nahen Osten nach wie vor in Atem. Von Deutschland aus betrachtet, wirken der Iran und Irak erst mal weit weg. Für einige Menschen, die in Haltern leben, sind beider Länder aber sehr nah.

In der Seestadt leben aktuell 50 Menschen mit iranischem Pass, 27 von ihnen sind Geflüchtete. Von den 58 Irakern, die hier leben, sind 53 geflohen. Die angespannte Lage in ihren Heimatländern beunruhigt sie. Viele haben dort Freunde und Verwandte.

So wie Sabrieh Amoorezai: Sie ist 2015 mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Die 40-Jährige und ihre Familie sind Kurden. Repressalien bewegten sie zur Flucht nach Deutschland. Über die Situation im Iran ist sie besorgt: „Alle meine Verwandten leben dort. Ich höre jeden Tag schlechte Nachrichten.“

Dabei versuche sie diese auszublenden, sagt sie: „Ich möchte die ganzen Nachrichten im Internet und im Fernsehen gar nicht sehen. Es ist sinnlos. Ich bin keine Politikerin oder eine reiche Frau, die Geld schicken kann. Ich kann nichts tun.“ Wenn ihr Mann mit seiner Familie im Iran telefoniert, kriegt sie es trotzdem mit. Sie werde dann nervös, sagt sie. Die Situation im Iran bedeute auch für sie Angst und Stress.

Sicherheitskräfte schießen auf Demonstranten

Die 40-Jährige kenne viele Leute, die jetzt im Gefängnis säßen, erzählt sie, festgenommen bei den Protesten gegen das Regime. Sie gehen gegen dessen Politik und wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation im Iran auf die Straße. Bei Protesten im November hatte die iranische Regierung ihre Sicherheitskräfte auf Demonstranten schießen lassen. Hunderte wurden getötet.

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Die iranische Führung nutzte den bisherigen Höhepunkt im Konflikt mit den USA, die Tötung des Generals Qasem Soleimani durch einen gezielten US-Drohnenangriff, um von der Unzufriedenheit im Land abzulenken, bewertete unter anderem der Spiegel die Lage. Hunderttausende Iraner gingen in der Folge auf die Straßen, um dem General, der in vielen Konflikten in der Region die Fäden zog, zu gedenken und den USA ihre Wut entgegenzutragen.

Ein tiefer Spalt zieht sich durch die iranische Gesellschaft. Er verläuft zwischen den Gegnern des Regimes und seinen Befürwortern. Der versehentliche Abschuss eines Passagierflugzeuges am 8. Januar, bei dem 176 Menschen starben, entzürnte viele Menschen, die sich vorher noch nicht an den Protesten beteiligt hatten.

Revolutionsgarden gaben den Abschuss der Maschine zu

Die Regierung hatte zuvor von einem Absturz gesprochen. Später gaben die iranischen Revolutionsgarden zu, für den Abschuss verantwortlich zu sein. Seitdem gibt es wieder große Proteste gegen die politische Führung des Landes. Polizisten reagierten mit Tränengas, Festnahmen und Waffengewalt auf die Demonstrationen.

„Es gibt viele Menschen, die genug haben von der Mullah-Regierung“, sagt ein anderer Geflüchteter aus dem Iran, der in Haltern lebt. Weil er sich sorgen um die Sicherheit seiner Familie macht, möchte er nicht namentlich genannt werden. Mullah ist der Ehrentitel der islamischen Gelehrten.

Der Geflüchtete telefoniert häufig mit seiner Familie und seiner Freundin im Iran. Sie und sein Bruder beteiligen sich an den aktuellen Protesten auf dem Azadi-Platz in Teheran. Azadi heißt auf Farsi [Persisch, Anm. d. Red.]: Freiheit. Als die Regierung im November das Internet für eine Woche abschaltet, macht er sich große Sorgen.

„Mir ging es nicht gut in der Zeit. Es ist schrecklich, wenn man nicht weiß, was da passiert. Die Polizei geht sehr brutal gegen die Demonstranten vor. Manche Menschen verschwinden einfach. Ob sie im Gefängnis sind, ob sie tot sind, weiß niemand“, sagt er. Jeden Tag denke er an seine Familie. Auch er ist Kurde. Geflohen ist er vor dem Militärdienst.

„Nachdem der Leichnam meines Cousins am letzten Tag seines Wehrdienstes nach Hause geschickt wurde, sagte mein Vater: ‚Du gehst nicht. Ich will dich nicht zwei Jahre dahinschicken, nur um dann deine Leiche wiederzubekommen.‘“ Der Vater organisierte einen Flug und schuf seinen Sohn außer Landes.

Soziale Medien schaffen einen Blick vorbei an der Zensur

In Deutschland informiert sich der junge Mann jetzt jeden Abend über die Situation in seinem Heimatland. Meist bekommt er seine Informationen über Videos auf Instagram oder Youtube. „Seit die jungen Menschen auf sozialen Medien ihre Informationen finden können, sind sie heller im Denken geworden“, sagt er.

Es ist ein Blick vorbei an der Zensur der Regierung. Persische Nachrichten schaue er zwar auch, bei ihnen sei aber schwierig einzuschätzen, welche Nachrichten wahr sind, weil die Informationen vom Regime kommen. „Was logisch erscheint, glaubt man, was unlogisch ist, nicht“, sagt er. „Ich bin zu 100 Prozent auf Seiten der Demonstranten. Ich will, dass die Leute Frieden haben.“

Frieden wünscht sich auch sein irakischer Freund, den er in Haltern kennengelernt hat, für sein kriegsgebeuteltes Heimatland. „Ich denke manchmal, der Irak ist ein Schwimmbad. Jeder kommt vorbei und springt mal rein“, sagt der Mann, auch er ist Kurde und möchte seinen Namen nicht öffentlich nennen.

„Ich habe das Gefühl, es gibt keinen Irak mehr und er gehört schon dem Iran, der dort sehr viel Einfluss hat.“ Er mache sich Sorgen um seine Familie und hat Angst vor einem neuen Krieg in der Region, sagt der Mann. „Ich habe eigentlich immer im Krieg gelebt, immer wieder wird alles zerstört. Das macht die Seele kaputt.“

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