Christian Overmann (l). berät in der Schuldnerbratung des Diakonischen Werkes. © Jürgen Wolter
Schuldneratlas und -beratung

Mehr als jeder Zehnte in Haltern ist von Überschuldung betroffen

Eine Statistik vom Landesamt IT NRW gab Grund zur Freude: Die Halterner haben kreisweit am meisten Geld zur freien Verfügung. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille.

Den Halternern Bürgern steht kreisweit am meisten Geld zur freien Verfügung. Das geht aus Berechnungen des statistischen Landesamts hervor. Doch es gibt auch die Kehrseite der Medaille. „Knapp 12 Prozent der Bevölkerung in Haltern und damit mehr als jeder zehnte Bürger ist von Überschuldung betroffen“, sagt Christian Overmann, Schuldnerberater der Diakonie in Haltern am See.

Im Jahr 2019 waren 2263 Bürger in Haltern überschuldet. Das stellt der Schuldneratlas von Creditreform fest. Nach Angaben der Unternehmensgruppe, die unter anderem Anbieter von Wirtschaftsinformationen ist, entspricht dieser Wert einer Quote von 7,12 Prozent im Jahr 2019. In der Regel müsse mindestens eine weitere Person, die dem Haushalt angehört, hinzugerechnet werden, so Christian Overmann. „Wenn ein alleinerziehender Vater mit zwei Kindern überschuldet ist, sind die zwei Kinder zwar nicht überschuldet, aber betroffen“, führt der Schuldnerberater als Beispiel auf.

Überschuldungsquote ist leicht gesunken

Nach dem Schuldneratlas 2020 ist die Überschuldungsquote in Haltern am See von 7,12 Prozent leicht um 0,2 Prozent auf 6,92 Prozent gesunken. Die genaue Anzahl überschuldeter Personen für das Jahr 2020 kann Overmann aber noch nicht nennen, diese Zahl liege ihm noch nicht vor. „Viel niedriger als die 2263 Bürger aus dem Jahr 2019 wird sie aber nicht sein“, mutmaßt er.

Insolvenzgefährdeter Mittelstand versucht zu zahlen

Doch es gibt auch einen anderen Grund, warum er genaue Zahlen für die Überschuldung in Haltern nicht nennen kann. „In die Zahlen nicht mit einbezogen ist der insolvenzgefährdete Mittelstand“, erklärt der Schuldnerberater.

Darunter fallen die Bürger, die ihre Gläubiger weiterhin zu bedienen versuchen, obwohl sie längt unter dem gesetzlich vorgesehenen Existenzminimum leben und den Pfändungsschutz in Anspruch nehmen könnten.

Was ist der Pfändungsschutz?

  • Das Pfändungsschutzkonto ist das Girokonto einer natürlichen Person in Deutschland, das im Falle einer Kontopfändung dem Schuldner die Verfügung über den monatlichen pfändungsfreien Betrag ermöglicht. Dieses Konto ist (wie andere Konten auch) durch Gläubiger pfändbar.
  • Der Pfändungsfreibetrag ist einkommensunabhängig. Grundsätzlich sind aber 1.178,59 Euro vor Pfändungen geschützt.
  • Zur Umwandlung eines Girokontos in ein Pfändungsschutzkonto reicht ein entsprechender Antrag des Kontoinhabers aus.
  • Laut statistischem Landesamt verfügt dagegen jeder Halterner im Schnitt über ein Jahreseinkommen in Höhe von 24.295 Euro.

„Der insolvenzgefährdete Mittelstand versucht ‚auf Teufel komm raus‘ seine Gläubiger zu bedienen“, so Overmann. Der Grund? „Sie wollen sich nicht die Blöße geben, als zahlungsunfähig erkannt zu werden.“ Gerade in einer Stadt wie Haltern sei dieses Phänomen zu beobachten.

In einem gut situierten Umfeld wie in Haltern sähen die Menschen es als beschämend an, den Pfändungsschutz oder auch Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Menschen, die kurz vor der Überschuldung stehen, trauen sich in Haltern meistens auch nicht, sich von der Schuldnerberatung helfen zu lassen. „In einer weniger wohlhabenden Bevölkerungsstruktur wie in Recklinghausen-Süd ist es für die Menschen weniger bedenklich, wenn sie auf die Straße gehen und andere dann sehen können, es geht ihnen nicht so gut“, erklärt der Schuldnerberater.

Dabei sei es alles andere als unehrenhaft, in die Schuldenfalle zu tappen. „Überschuldung wird meist ausgelöst durch unplanbare Ereignisse wie Arbeitslosigkeit, Trennung oder Erkrankung“, sagt Overmann. In diesem Jahr könne auch die Coronavirus-Pandemie als Auslöser dazu gezählt werden. Wer Schulden hat, trage noch lange keine Schuld, auch wenn das viele Betroffene oft denken.

Ungefähr 80 Prozent der „Neuzugänge“ in Haltern, wie Overmann sie nennt, versuchen nach seinen Angaben auch weiterhin, ihre Gläubiger zu bezahlen. Das täten sie aus ihren eigentlich gesetzlich geschützten unpfändbaren Einkommensanteilen heraus. Overmann schätzt, dass bis zu 20.000 Einzelanforderungen in Haltern beigetrieben werden.

„Nicht unerheblicher Anteil“

Er rechnet vor: „Im Schnitt bringt jeder Schuldner acht bis zehn Gläubiger mit.“ Die Schulden entstehen beispielsweise durch nicht beglichene Kita-Gebühren, die Finanzierungsrate des Autos und die dazugehörige Versicherung. „Und schon haben sie drei Gläubiger“, so der Halterner Schuldnerberater. Multipliziert man nun die etwas über 2000 Schuldner mit zehn, kommt man auf knapp 20.000 Einzelforderungen.

Den in diese Rechnung nicht einbezogenen insolvenzgefährdeten Mittelstand schätzt Overmann auf einen „nicht unerheblichen Anteil“. Das zeige die Erfahrung in gut situierten Städten wie Haltern. Bei der Gesamtbetrachtung der Einkommensverhältnisse in Haltern sei es notwendig, auch die Schuldenseite mit einzubeziehen.

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