Wie ausgestorben: Die Halterner Innenstadt am Samstagabend nach 22 Uhr. © Blanka Thieme-Dietel
Ausgangsbeschränkungen

Mit Video: Unterwegs am ersten Abend mit Ausgangsbeschränkung in Haltern

Samstagabend, 24. April, 22 Uhr. Die erste nächtliche Ausgangsbeschränkung in Haltern tritt in Kraft. Wir haben uns in der Stadt umgesehen. Es war zunächst erstaunlich viel los.

Seit Samstag, 0 Uhr, gelten die Bestimmungen des Bundesinfektionsschutzgesetzes aufgrund der hohen Inzidenzzahlen im Kreis Recklinghausen. Vermutlich zum ersten Mal nach dem Krieg gilt seit Samstag um 22 Uhr eine nächtliche Ausgangsbeschränkung in der Seestadt.

Ein Auto im Drive-In

Wer ist um diese Zeit noch in der Seestadt unterwegs? Wie werden die Regeln kontrolliert? Das wollte ich selbst herausfinden. Als Journalistin ist mir die Ausübung meines Berufes auch während der Ausgangsbeschränkung erlaubt, darum habe ich mich am Samstagabend um kurz vor 22 Uhr mit dem Auto auf den Weg nach Haltern gemacht.

Um 21.50 Uhr fahre ich über die Recklinghäuser Straße in Richtung Innenstadt. Dort kommen mir für diese Uhrzeit noch erstaunlich viele Fahrzeuge entgegen, ich zähle mindestens zehn. Bei McDonald‘s am Drive-In steht ein Auto und will vermutlich noch schnell eine Portion Burger abholen.

22 Uhr an der Rochfordstraße: Nur vereinzelt sind Autos zu sehen.
22 Uhr an der Rochfordstraße: Nur vereinzelt sind Autos zu sehen. © Ilka Bärwald © Ilka Bärwald

Ich parke am Kärntner Platz. Es ist 21.58 Uhr. Immer noch sind auf der Rochfordstraße Pkw unterwegs, entfernt sehe ich Fußgänger, einzelne Radfahrer. Polizei oder Mitarbeiter des Ordnungsamtes sehe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die Glocke in der Sixtus-Kirche schlägt 22 Uhr, jedoch friert das Leben in der Stadt nicht komplett ein. Vereinzelt fahren weitere Autos an mir vorbei. Ich vermute, dass viele Leute aber auch ohne Ausgangsbeschränkung um diese Zeit in der Innenstadt nicht mehr unterwegs wären, bei geschlossenen Restaurants und Kneipen fehlen die Ausgehmöglichkeiten.

Ich fahre weiter Richtung Weseler Straße und parke dort am Seitenstreifen. Es ist 22.10 Uhr, als ich den ersten Einsatzwagen der Polizei sehe, der Richtung Innenstadt fährt.

Leere auch am Kreisverkehr am Schüttenwall.
Leere auch am Kreisverkehr am Schüttenwall. © Ilka Bärwald © Ilka Bärwald

Ich steige wieder ins Auto und fahre Richtung Schüttenwall. Es ist 22.20 Uhr. Dort stelle ich mein Auto ab und beobachte den Kreisel an der Volksbank. Mir fallen zwei junge Frauen auf, die in einem Wohnhaus im ersten Stock aus dem Fenster schauen. Eine der beiden erzählt mir, dass sie vor wenigen Minuten gleich drei Streifenwagen beobachtet hat, wie diese einen Radfahrer angehalten hätten. Er habe aber wieder weiterfahren dürfen. Die Beamten seien Richtung Münsterstraße unterwegs gewesen. Ich nehme denselben Weg, in der Hoffnung, doch noch auf Polizei zu treffen.

Und tatsächlich: Hinter dem Gewerbegebiet in Richtung Dülmen leuchtet mir Blaulicht entgegen. Als ich näher komme, sehe ich einen Mannschaftswagen alleine am Straßenrand stehen. Ich bin unsicher: Muss ich stehenbleiben oder nicht? Ich entscheide mich fürs Stehenbleiben, stelle mich kurz vor und halte dem Polizisten aus dem Auto heraus mein Presseschild unter die Nase. „Alles ruhig heute Abend in Haltern?“ frage ich. „Bis jetzt ja“, antwortet er mir. „Sie wissen aber, dass wir Ausgangssperre haben? Für Presse ist das vermutlich ok“, schiebt er ein wenig unsicher hinterher. Ja, sage ich und bin verwundert.

Die Polizisten wenden ihren Wagen und fahren wieder Richtung Innenstadt. Ich drehe ebenfalls und mache noch einen Abstecher Richtung Stausee. Mittlerweile sehe ich kaum noch Autos. Gegenüber vom Aquarell parken zwei Streifenwagen.

Es ist mittlerweile 22.39 Uhr, und ich entscheide mich, den Heimweg anzutreten. Ich fahre wieder zurück über die Recklinghäuser Straße Richtung Marl. Auf der einsamen Landstraße kommt mir kein einziges Auto entgegen. Dafür überfahre ich fast einen Hasen. Ein Glück, dass niemand sonst unterwegs ist.

In der Fußgängerzone ist niemand unterwegs.
In der Fußgängerzone ist niemand unterwegs. © Blanka Thieme-Dietel © Blanka Thieme-Dietel

Es sei die ganze Nacht über ruhig geblieben, erklärt die Leitstelle der Polizei am Sonntagmorgen auf Nachfrage. Die Einsatzkräfte hätten hauptsächlich Präsenz gezeigt und nicht kontrolliert.

Zwischen 22 Uhr und 24 Uhr bleibt körperliche Bewegung, also z.B. Spazierengehen, Radfahren, Joggen, im Freien für Einzelpersonen erlaubt. Außerdem sind triftige Gründe für eine Ausnahme von der Ausgangssperre etwa die Ausübung beruflicher oder dienstlicher Tätigkeiten, (veterinär)medizinische Notfälle, die Wahrnehmung des Sorge- und Umgangsrechts, die Betreuung unterstützungsbedürftiger Personen oder Minderjähriger, die Begleitung Sterbender, die Versorgung von Tieren.

Über die Autorin
Redakteurin
Vor mehr als zwanzig Jahren über ein Praktikum zum Journalismus gekommen und geblieben. Seit über zehn Jahren bei Lensing Media, die meiste Zeit davon als Redakteurin in der Nachrichten- und Onlineredaktion in Dortmund. In Haltern seit September 2019.
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Ilka Bärwald
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