Mitten im Corona-Chaos: In der Not zeigt sich der wahre Charakter

Coronavirus

Was wir alle in diesen Tagen brauchen ist Lesefutter und Nervennahrung, sagt unsere Familien-Kolumnistin Mareike Graepel. Hier der neue Teil ihres Corona-Tagebuchs aus dem Familienleben.

von Mareike Graepel

Haltern

, 26.03.2020, 16:27 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wenn die Buchhandlung einmal klingelt...

Wenn die Buchhandlung einmal klingelt... © Mareike Graepel

Ich muss unwillkürlich an das Quartett auf der Titanic denken, das bis zum Untergang des Schiffes gespielt haben soll, und bin froh, dass wir alle in einem Boot sitzen, das zwar Schlagseite hat, aber keinen Riss im Rumpf. Was wir alle in diesen Tagen brauchen ist Lesefutter und Nervennahrung.

Während diese Zeilen entstehen, spielt Alva unten im Flur Geige. Sie übt eifrig, weil sie morgen zum ersten Mal per Skype-Videoschalte Geigenunterricht haben wird und das ist ganz offenbar viel spannender und erfordert eine deutlich ehrgeizigere Vorbereitung als eine ganz normale Unterrichtsstunde.

Ich muss unwillkürlich an das Quartett auf der Titanic denken, das bis zum Untergang des Schiffes gespielt haben soll, und bin ein bisschen froh, dass wir alle in einem Boot sitzen, das zwar Schlagseite hat, aber keinen Riss im Rumpf – und mit alle meine ich tatsächlich alle. Sie und mich und uns, das Land, den Kontinent, den Globus.

198 Staaten und Territorien auf der ganzen Welt und ein internationales Transportmittel (das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, das in Yokohama, Japan, liegt) sind in dem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe, von dem Corona-Virus betroffen. Also praktisch alle.

In der Not zeigt sich der wahre Charakter

Der Gemeinschaftssinn wächst und gedeiht trotz der krassen Distanz, die wir alle zueinander haben sollen und tatsächlich haben. Die Angst, geliebte Menschen anzustecken, oder sie irgendwie in Gefahr zu bringen, ist bei fast allen groß – oder selbst krank zu werden.

Mir ist nicht ganz klar, wie die sonst als Impfgegner*innen unterwegs gewesenen sich jetzt fühlen, aber in der Ausnahmesituation zeigen sich bei den Mitmenschen die wahren Charaktere. Auch die Eigenschaften der eigenen Familienmitglieder zeigen sich immer deutlicher, von Tag zu Tag.

„Ich kann nicht mehr allein sein,“ hat Orla beim abendlichen Spaziergang gemeckert. Lustige Antworten wie „Hey, guck mal, eins, zwei, drei UND der Hund, wir sind doch quasi zu fünft!“ lässt sie nicht gelten und guckt mich nur mitleidig an. Wir sind schon nicht mehr gut genug. Ich sehe das ein. Ich bin ja auch einsam, selbst wenn ich nicht allein im Haus bin.

Lesefutter und Nervennahrung

„Aber denk doch mal an Oma, an beide Omas tatsächlich, die immer ganz allein sind und jetzt sogar noch nicht mal mehr zum Einkaufen oder mit einer Freundin ins Café gehen können.“ Das ist für das Kind unvorstellbar und sie malt aus lauter Mitgefühl ein noch größeres Bild als Namenstagsgeschenk für die Oma in Datteln.

Ich schenke dazu ein Überlebenspaket passend zur Corona-Krise mit vier Büchern (siehe Infokasten), Glückstee, Pottkorn-Popcorn und Schokolade als Nervennahrung. Natürlich habe ich das weder selbst gekauft (—> fortdauernde Isolation wegen Husten und Co.) noch im Internet bestellt. Sondern lokal. In unserer Stadt.

So wie Drogensüchtige ihren Dealer im Kurzwahlverzeichnis im Telefon haben, habe ich – ja, tatsächlich, meine Buchhandlung als WhatsApp-Kontakt. Und per Chat haben wir virenfrei und kontaktlos die Überraschungstasche für meine Mutter gepackt.

Abholen durfte ich die Sachen auch nicht, logisch. Aber: Jetzt in dieser Sekunde hat es geklingelt, doch bis ich an der Tür war, war niemand mehr zu sehen. Die Geschenktasche mit allen Sachen stand wie versprochen vor der Tür. Und als ich wieder an den Schreibtisch zurückgekehrt bin, hatte ich eine neue WA-Nachricht: „Hihihi, weggerannt.“

Lesen, endlich wieder mehr Lesen: Neben den Stapeln an Büchern, die man schon ewig lesen wollte und NIE dazu gekommen ist, könnte sich noch dieses Buch gesellen: In der „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ bringt die Autorin Harriet Köhler den Leser*innen bei, wie sie am besten den Urlaub zu Hause verbringen – natürlich geschrieben in Vor-Corona-Zeiten: Daheimbleiben ist kein Bekenntnis zur Langeweile, sondern die Möglichkeit, genau das zu finden, was wir in der Ferne oft vergeblich suchen: uns selbst. Es ist außerdem ein Akt der Rebellion – gegen Jetlags, CO2-Irrsinn und den Irrglauben, der geistige Horizont eines Menschen korreliere mit seinem Meilenkonto. Jetzt müssen wir zwangsläufig all das sein lassen. Aber mit einem solchen Buch ist das ungleich unterhaltsamer als ohne. Tipp: Bei der Buchhandlung vor Ort bestellen – die meisten liefern derzeit aus und freuen sich über jeden Anruf und jede Mail! Do it yourself: Unter https://www.diy-academy.eu/einrichten-gestalten/diy-ideen-fuer-kinder/ gibt es die coolsten Tipp fürs Heimwerken mit Kindern, von der selbstgebauten Garderobe, übers Indianerzelt und ein Schaukelpferd bis hin zu Schachbrettern und Tipp-Kick-Spielen ist alles dabei.
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