Der Kolpingchor im Jahr 1967: Das Foto wurde in der Gaststätte "Deutsches Haus" aufgenommen. Heute gibt es das Lokal auf dem Nordwall nicht mehr. © Kolpingchor
Ende einer Ära

Nach 129 Jahren verstummt: Halterner Chor stimmt sein letztes Lied an

Das letzte Lied ist verklungen: Der traditionsreiche Halterner Kolpingchor hat sich aufgelöst. Nicht ganz freiwillig – dem Gesangsverein fehlten am Ende die Unterstützer.

Als der Dülmener Dirigent Christian Przybyl in der Pfarrkirche St. Marien an der Gildenstraße am 4. Advent 2019 seine Taktstöcke senkte, war den Mitgliedern des Halterner Kolpingchors bereits bewusst: Gerade ist eine Ära zu Ende gegangen. „Nach über 40 Jahren war es unser letztes Weihnachtskonzert“, erinnert sich der Chor-Vorsitzende Hubert Jasper (72). Dass es der letzte Auftritt in der Geschichte des traditionsreichen Chors sein würde, ahnte damals noch niemand.

Dem Kolpingchor fehlten die Mitsänger

Geplant war lediglich, dass der Kolpingchor keine Weihnachtskonzerte mehr bestreiten würde. Infolge der Coronapandemie konnten sich die Mitglieder dann allerdings seit Februar 2020 nicht mehr für Gesangsproben treffen, beklagt der Vorsitzende, der seit 2013 im Amt war.

„Damit wir die nötigen Abstände hätten einhalten können, brauchten wir entsprechend große Räume“, so Hubert Jasper. Die hätte es in der Seestadt jedoch nicht gegeben. Der Hauptgrund dafür, dass sich der Chor nach fast 130 Jahren auflöste, waren die ausbleibenden Proben allerdings nicht. Es fehlten Mitsänger aus der Jugend.

„Wir haben einfach keinen Nachwuchs mehr gefunden, sodass wir für den Chor keine Zukunft mehr gesehen haben“, sagt Hubert Jasper. Über die Auflösung entschieden am Mittwochabend (8. September) im Kolpingtreff insgesamt 22 aktive Mitglieder. Bei ihrer letzten offiziellen Versammlung gab es außerdem besondere Ehrungen.

Drei Musiker waren in diesem Jahr seit 60 Jahren dabei. „Die Treue der Sänger ist kaum zu toppen“, sagt Hubert Jasper voller Stolz. Ein vor wenigen Wochen mit 95 Jahren verstorbenes Mitglied hätte sogar 73 Jahre lang den Kolpingchor begleitet. „Der war länger Mitglied als ich Lebensjahre aufweise“, sagt der 72-jährige Vorsitzende über die lange Zeit im Kolpingchor.

Jährliche gemeinsame Ausflüge gehörten beim Kolpingchor dazu. Bei dem Ausflug nach Aachen im Jahr 2004 erinnert sich Hubert Jasper
Jährliche gemeinsame Ausflüge gehörten beim Kolpingchor dazu. Bei dem Ausflug nach Aachen im Jahr 2004 erinnert sich Hubert Jasper „an ein wunderbares Konzert“. Der Klangraum im Aachener Dom sei der Beste gewesen, den er jemals besungen hätte. © Kolpingchor © Kolpingchor

Die Auflösung sei ihm und den anderen Mitgliedern deswegen auch alles andere als leicht gefallen. „Natürlich ist damit eine gewisse Demut verbunden. Der Gesang bedeutet mir sehr viel. Er hat häufig Ruhe und Ausgeglichenheit in mein Leben gebracht“, so Hubert Jasper.

Und auch bei anderen Menschen hätte ihre Musik viel bewirkt. Mit ihrem Gesang hätten sie zum Beispiel Demenzkranke „die man kaum noch erreichen kann“ glücklich gemacht. „Die haben plötzlich Lieder mitgesungen und wussten auf einmal mehr Strophen als wir selber“.

Das letzte große Jubiläumskonzert fand im Schulzentrums statt

1882 wurde in Haltern der Gesellenverein gegründet. Seit 1893 trafen sich sangesfreudige Gesellen regelmäßig zu Chorproben unter der Leitung des Organisten von St. Sixtus. Während der beiden ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts litt die Chorarbeit zunächst sehr unter häufigen Dirigentenwechseln und den Auswirkungen des 1. Weltkrieges.

Beim 50. Stiftungsfest der Kolpingfamilie in Haltern 1932 stand der Kolpingchor Haltern – so sein neuer Name – aber bereits im Mittelpunkt festlicher Veranstaltungen. Diese für den Chor glückliche Zeit war mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wieder vorbei.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges 1945 fanden sich die Sänger trotz großer Lücken in den eigenen Reihen bereits wieder zu Probeabenden zusammen. Ab den 60er- und 70er-Jahren trat der Kolpingchor dann so oft in der Öffentlichkeit auf wie nie zuvor.

Ein Weihnachtskonzert in der Marienkirche 1986.
Ein Weihnachtskonzert in der Marienkirche 1986. © Kolpingchor © Kolpingchor
Und 20 Jahre später, am gleichen Ort im Jahr 2006.
Und 20 Jahre später, am gleichen Ort im Jahr 2006. © Kolpingchor © Kolpingchor

Regelmäßig wurde auf Advents- und Weihnachtskonzerten gesungen und wiederholt traf man sich mit anderen Halterner Chören, um mit ihnen gemeinsam zu musizieren. Eng verbunden mit der erfolgreichen Arbeit des Chores waren seine langjährigen Vorsitzenden Peter Bücker und Manfred Vorholt.

Das letzte große Jubiläumskonzert fand 2018 in der Aula des Schulzentrums statt. „Es war in Haltern das musikalische Top-Ereignis des Jahres“, schwärmt Hubert Jasper auch heute noch vom 125-jährigen Geburtstag des Kolpingchors in diesem Jahr.

Einer der letzten Auftritte des Chors war das 125-jährige Jubiläum im Schulungszentrum in Haltern. Mit dabei: das Salonorchester Münster.
Einer der letzten Auftritte des Chors war das 125-jährige Jubiläum im Schulzentrum in Haltern. Mit dabei: das Salonorchester Münster. © Mark Pillmann © Mark Pillmann

Die Bürgerstiftung Haltern am See darf sich auf eine Spende freuen

Seit ihrer letzten Hauptversammlung ist das nun alles ein Stück Halterner Zeitgeschichte. Den Chor gibt es nicht mehr. Über eine letzte Aktion hat der Kolpingchor aber noch abgestimmt.

Wenn auch keine Gesangliche: Nach dem der Auflösungsantrag verabschiedet war, musste noch entschieden werden, was mit dem Restgeld der Chor-Kasse geschieht. Hubert Jasper verkündete nun: „Wir werden den restlichen vierstelligen Betrag der Bürgerstiftung Haltern am See spenden“.

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Ist passionierter und aktiver Sportler aus dem schönen Bergischen Land und seit 2011, ursprünglich wegen des Studiums, im Ruhrgebiet unterwegs. Liebt die Kommunikation mit Menschen im Allgemeinen und das Aufschreiben ihrer Geschichten im Speziellen.
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