Zeynep Sakartepe wechselte nach dem Realschulabschluss mit der Note 1,0 jetzt zum Joseph-König-Gymnasium. © Schrief
Gekommen ohne Deutsch-Kenntnisse

Nach der Flucht aus der Türkei: 17-Jährige beste Realschülerin in NRW

Zeynep Sakartepe schloss die Realschule als Beste mit der Note 1,0 ab. Vor vier Jahren flüchtete ihre Familie aus der Türkei nach Deutschland - ohne auch nur ein Wort Deutsch zu können.

139 Schülerinnen und Schüler machten in diesem Sommer ihren Abschluss an der Alexander-Lebenstein-Realschule, 100 erhielten die Empfehlung fürs Gymnasium. „Ihr seid der beste Jahrgang seit Langem und auch in NRW liegen wir damit ganz vorne“, war Schulleiter Frank Cremer stolz auf die Absolventen des Jahres 2021. Ganz besonders gratulierte er Zeynep Sakartepe.

Als einzige erreichte sie einen Notendurchschnitt von 1,0. Die 17-Jährige war damit auch die beste Realschülerin Nordrhein-Westfalens. Eine Leistung, die allerhöchsten Respekt verdient. Denn Zeynep Sakartepe floh mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrem Bruder vor vier Jahren aus dem türkischen Izmir nach Deutschland. Aus politischen Gründen konnte die Familie nicht länger in der Heimat bleiben. Niemand sprach damals auch nur ein Wort Deutsch. „Nicht einmal die Worte Ja und Nein kannten wir“, sagt Zeynep, damals 13 Jahre alt.

Englisch und Deutsch waren eine große Herausforderung

Über Köln und Euskirchen kam Familie Sakartepe nach Haltern, hier wohnte sie zunächst in Lavesum, schließlich bezog sie eine Wohnung in der Stadtmitte. Zeynep besuchte die Alexander-Lebenstein-Realschule. „Ich war in der neuen Klasse die einzige mit ausländischen Wurzeln“, erzählt die heute 17-Jährige bei einem Eis im Café am Marktplatz. Sie fand Freunde und sehr zugewandte Lehrerinnen und Lehrer.

„Englisch war eine große Herausforderung für mich, aber die deutsche Sprache war besonders schwer“, sagt sie. Mit immensem Fleiß und unbändigem Leistungswillen setzte sie sich an die Hausaufgaben und beteiligte sich so aktiv wie möglich am Unterricht. In der ersten Mathearbeit schrieb Zeyneb direkt eine Drei, obwohl sie viele Fragen der Aufgaben gar nicht verstanden hatte. Trotzdem – das erste Jahr war besonders schwer, manchmal auch einsam.

Schon nach einem Jahr sprach Zeynep fehlerfreie Sätze

Aber nach einem Jahr konnte sie fast fehlerfrei Deutsch sprechen. Um auch ihr Englisch zu verbessern, las Zeynep alte Schulbücher, die ihr die Lehrer gaben. Und sie schaute Filme. „Am Anfang verstand ich kaum etwas, das war sehr stressig.“ In der Flüchtlingsunterkunft hatte sie mit Hilfe von Ehrenamtlichen deutsche Grammatik gelernt, das habe ihr letztlich sehr geholfen. In ihrer Familie, die in der Türkei dem gebildeten Bürgertum zuzurechnen war, wird viel Wert auf Bildung gelegt. Ein Ansporn auch für Zeynep.

Nun besucht die 17-Jährige das Joseph-König-Gymnasium. Ihre Schwester (12) ist dort auch, der kleine Bruder (9) geht noch zur Grundschule. Nach dem Abitur will sie studieren, vielleicht Informatik, aber festlegen möchten sie sich noch nicht. Ihre Mutter war in der Türkei Kindergärtnerin, ihr Vater als Berater in der Wirtschaft tätig, beide müssen in Deutschland wieder neu anfangen. Der Vater reiste beruflich durch die ganze Welt, Zeynep kennt nur die Türkei und Deutschland. Hier, in der Wahlheimat, fühlt sie sich ausgesprochen wohl. Sie liebt die kleine Stadt mit dem Stausee und den Wäldern („hier ist es so sauber und ruhig“), obwohl die Familie in der Türkei immer in modernen, westlich ausgerichteten Großstädten gewohnt hat.

Blumen, Buchgutschein – aber wo ist der Laschet-Brief?

Zeyneb, die selbstbestimmt und sehr reflektiert durchs Leben geht, lernt unglaublich viel und diszipliniert, sie nimmt sich aber auch ihre Auszeiten. Wenn sie gestresst ist, joggt sie um den Stausee, sie strickt, häkelt, näht, malt (gewann einen Volksbank-Wettbewerb zum Thema Glück), fährt Rad.

Für ihre außergewöhnliche schulische Leistung überreichte ihr Schulleiter Frank Cremer unter anderem Blumen und einen Buchgutschein. Ihre Mutter weinte vor Rührung. Von dem Gutschein kaufte sie sich ihren ersten Roman: „Als wir Waisen waren“ von Kazuo Ishiguro. Eine Gratulation von Ministerpräsident Armin Laschet wurde angekündigt, der Brief ist aber bis heute nicht in Haltern eingetroffen. Was nichts an einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte ändert.

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Elisabeth Schrief

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