Auf der Suche nach einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt staute sich bei einer 34-Jährigen viel Frust auf, auch die Suche nach einem Hausarzt war für die Neubürgerin nicht leicht. © picture alliance / dpa
Ärzteversorgung

„Niemand wollte mich aufnehmen“: Neubürgerin sucht verzweifelt Arzt

Eine junge Frau, Neubürgerin, ist schwanger. Sie sucht eine ärztliche Betreuung in Haltern. Eine Odyssee beginnt. Offiziell ist der Kreis mit Frauenarztpraxen überversorgt.

Vor ein paar Monaten ist die junge Frau (sie möchte nicht namentlich genannt werden) nach Haltern gezogen. Weil die 34-Jährige schwanger ist, sucht sie als gesetzlich Versicherte seit einem Monat eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt in Haltern und Umgebung. Telefonische Anfragen in allen Halterner Praxen und in Praxen der näheren Umgebung führten zu nichts, sagt sie. „Niemand wollte mich aufnehmen. Ich sei schwanger und nicht in Not.“ Eine Praxis bot ihr schließlich einen Termin im April 2022 an.

Als nächsten Schritt rief die werdende Mutter die Telefonnummer des kassenärztlichen Notdienstes, 116117, an. Tatsächlich vermittelte dieser am nächsten Tag einen Termin in einer Halterner Praxis. Eine „unfreundliche Arzthelferin“ habe ihr am Telefon mitgeteilt, dass sie ein Problem für die Praxis sei, da es keine verfügbaren Kapazitäten gäbe und dieser Termin niemals über die 116117 hätte zugeteilt werden dürfen.

Suchservice der Krankenkasse in Anspruch genommen

Nach einer „gewissen Diskussion“ habe sie ausnahmsweise am nächsten Morgen kommen dürfen. Der Empfang sei unfreundlich gewesen, die Ärztin allerdings sehr nett. Doch entlassen wurde sie mit den Worten, sie solle sich eine andere Ärztin suchen für die Begleitung während der Schwangerschaft. „Also alles wieder von vorne.“

„Es gibt Grenzen, um eine qualitativ gute Versorgung leisten zu können.“

Dr. Astrid Keller

Im Nachgang rief die Halternerin ihre Krankenkasse an. Der Suchservice teilte ihr dann allerdings nach zwei Wochen mit, dass im Umkreis von 20 Kilometern kein Frauenarzt zu finden sei. „Ich habe jetzt die Erstuntersuchung bei meiner ehemaligen Frauenärztin in Essen gemacht, das sind zwischen 75 und 90 Minuten Fahrtzeit hin und dann wieder zurück.“

Bedarfsplanung soll flächendeckende Versorgung sichern

„Mein aktueller Plan sieht so aus, dass ich mich bei einer Frauenarztpraxis hier in Haltern auf die Warteliste schreiben und mich dann bis April bei meiner Ärztin in Essen behandeln lassen werde“, sagt die 34-Jährige.

Die Krankenkasse bot der Halternerin gleichzeitig an, für sie einen Hausarzt zu suchen. Dieser Versuch sei ins Leere gelaufen. Ein netter Apotheker half weiter, die junge Frau wurde nun in der Praxis einer Hausärztin aufgenommen.

Wie viele Ärztinnen und Ärzte für eine Stadt, einen Kreis oder eine Region benötigt werden, wird durch die sogenannte Bedarfsplanung festgelegt. „Sie soll eine ausreichende flächendeckende Versorgung gewährleisten sowie eine Fehlversorgung vermeiden“, schreibt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe auf Nachfrage. Grundlage der Bedarfsplanung ist die Bedarfsplanungs-Richtlinie, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erlassen wird.

Termine vereinbaren

Sollte es bei einer Terminvereinbarung trotz einer guten Versorgung zu Problemen kommen, hilft die Terminservicestelle weiter: https://www.kvwl.de/patient/terminservice/index.htm, ebenso die Patientenberatung Westfalen-Lippe der ÄKWL und KVWL – www.patientenberatung-wl.de

Frauenärztinnen und -ärzte zählen zur Gruppe der allgemeinen Fachärzte, hier wird der Bedarf auf Kreisebene ermittelt. Im Kreis Recklinghausen sind laut Kassenärztlicher Vereinigung derzeit 69 Frauenärztinnen und -ärzte tätig. „Damit beträgt der Versorgungsgrad im Moment 129,9 Prozent“, schreibt ein Sprecher auf Nachfrage. Für die Frauenärzte besteht damit derzeit eine Niederlassungssperre. Diese gilt dann, wenn der Versorgungsgrad über 110 Prozent liegt.

Bei den Hausarztpraxen mit19 Ärztinnen und Ärzten liegt der Versorgungsgrad im Moment bei 91,2 Prozent Vier weitere Ärzte könnten sich niederlassen.

In Haltern sind 30 Prozent der Ärzte älter als 60 Jahre

Neben dem Versorgungsgrad ist auch die Altersstruktur der Ärzte vor Ort wichtig, um die Versorgungssituation in einem Planungsbereich einzuschätzen. In Haltern sind 30 Prozent älter als 60 Jahre. Die Hausärzteschaft sehe sich mit einer schwierigen Nahwuchssituation konfrontiert, weil sich immer noch zu wenig junge Mediziner für die Allgemeinmedizin und für eine Tätigkeit in der (eigenen) Praxis interessieren, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung.

Dr. Astrid Keller, Sprecherin der Halterner Ärzteschaft, kann das nur unterstreichen. Die Nachfolgeregelung sei ein zunehmendes Problem und werde sich in der nächsten Zeit weiter verschärfen, da in den nächsten fünf Jahren viele hausärztliche Kollegen in Rente gingen.

Dr. Keller: „Das Telefonbuch ist die bessere Wahl“

Zur Hausarztsuche der jungen Frau sagt sie: „Grundsätzlich sind wir Ärzte verpflichtet, eine Notfallversorgung zu gewährleisten. Die Aufnahme einer Patientin oder eines Patienten in den Patientenstamm dürfen wir aber ablehnen.“ Es gebe Grenzen, um eine qualitativ gute Versorgung leisten zu können. In Haltern gebe es aber immer noch viele Hausarztpraxen, die neue Patienten aufnähmen.

Dr. Astrid Keller, Sprecherin der Halterner Ärzteschaft. © Privat © Privat

Den Versuch, die Krankenkasse um Hilfe zu bieten, sieht Dr. Keller kritisch: „Üblicherweise kann man die Krankenkasse bei der Vermittlung von Facharztterminen um Hilfe bitten. Hausärzte aber werden nicht darüber vermittelt. Da ist das Telefonbuch die bessere Wahl.“

Es gebe auch durchaus in Haltern gynäkologischen Praxen, die neue Patienten aufnähmen. Notfälle würden selbstverständlich immer behandelt. Beachten sollte man aber in jedem Fall, wenn man den Arzt wechseln möchte, dass es nicht innerhalb eines Quartals, sondern zum Quartalswechsel erfolgen sollte.

Insgesamt bewertet Dr. Astrid Keller die aktuelle Situation angesichts der Corona-Pandemie so: „Leider können wir auch nicht mehr als arbeiten. Daher müssen in der Übergangszeit Fahrtzeiten manchmal in Kauf genommen werden. Wenn die Politik so weiter verfährt, was sie uns zum Beispiel zurzeit mit den Impfungen aufbürdet, sehe ich auch für den Nachwuchs keine Besserung.“

So funktioniert die Bedarfsplanung

Insgesamt werden auf Basis der Bedarfsplanung 22 Arztgruppen in vier verschiedenen Versorgungsebenen zusammengefasst:

1. hausärztliche Versorgung, 2. allgemeine fachärztliche Versorgung mit neun Arztgruppen inkl. Psychotherapie (u.a. Gynäkologie, Augenmedizin, Pädiatrie),

3. spezialisierte fachärztliche Versorgung mit vier Arztgruppen (u.a. Radiologie, Anästhesie), 4. gesonderte fachärztliche Versorgung mit acht Arztgruppen (u.a. Labormedizin, Pathologie, Neurochirurgie).

In diesen Planungsbereichen legt der G-BA für jedes Fachgebiet Verhältniszahlen fest – das heißt eine Relation von Einwohnern je Arzt/Ärztin bzw. Psychotherapeutin/Psychotherapeut. Diese Basis-Verhältniszahlen werden in einem zweiten Schritt durch regionale Einflussfaktoren wie die demografische Entwicklung, die Geschlechterverteilung und die Morbidität der Bevölkerung für die einzelnen Planungsbereichen angepasst. Die Verhältniszahlen bilden die Grundlage für die Berechnung des Versorgungsgrades. Die Basis-Verhältniszahl für die hausärztliche Versorgung beträgt 1609 Einwohner je Arzt/Ärztin..

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief

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