„Der Ortsteil-Check zeigt, dass viel Arbeit vor uns liegt“, bewertet Kai Surholt (FDP) die Leser-Aktion der Halterner Zeitung. Wie sehen das der Bürgermeister und die übrigen Ratsparteien?

Haltern

, 01.06.2019, 05:02 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wie ist das Lebensgefühl der Menschen in Haltern am See? In welchem Ortsteil lebt es sich am besten? Das und viel mehr hat die Halterner Zeitung in einem großen Ortsteil-Check zu Beginn des Jahres ergründet. Bei dieser Online-Befragung meldeten über 1800 Leser Wünsche an, gaben Anregungen, äußerten Kritik. Wie haben Politiker und Stadtverwaltung die Ergebnisse wahrgenommen und welche Schlüsse ziehen sie daraus? Wir haben nachgefragt.

Beim Ortsteilcheck der Halterner Zeitung haben fast 2000 Halterner die Lebensqualität ihres Ortsteils bewertet. Die Analysen finden Sie unter www.halternerzeitung.de/ortsteilcheck

„Bemühungen nicht ruhen lassen“

Bodo Klimpel, Bürgermeister: „Zunächst einmal fand ich diesen Ortsteil-Check insgesamt sehr gut. Er hat den Bürgern den notwendigen Raum gegeben, sich ausführlich zu äußern. Und ich habe wahrgenommen, dass sich die Leser der Halterner Zeitung im Vergleich zu anderen Städten sehr zahlreich daran beteiligt haben. Ebenso positiv sehe ich die Tatsache, dass Haltern am See im Vergleich recht gut abschneidet.

Das bestätigen gleichfalls die Äußerungen, die ich immer wieder von Bürgern erhalte, denn sie fühlen sich im Allgemeinen gut in unserer Stadt. Sehr gute Noten bei Themen wie Grünflächen, Radfahren, Nahversorgung (mit Ausnahme von einigen Ortsteilen), Sauberkeit und Lebensqualität bestätigen diese Meinung.

Das alles sollte uns natürlich keineswegs in unseren Bemühungen ruhen lassen.

Ich erlebe immer wieder in unseren politischen Gremien, dass alle Fraktionen eine Menge von konstruktiven Beiträgen leisten, die Lebensqualität weiter zu verbessern. So werden bis Ende 2020 rund 94 Prozent der Halterner an das Breitbandnetz angeschlossen sein. Ich denke ganz besonders auch an die Tatsache, dass für unseren Nachwuchs alles im Rahmen der Möglichkeiten stehende versucht wird, für Bildung und Betreuung in den Schulen gut zu sorgen.

Ebenso sind wir bemüht, auch bei der Kinderbetreuung noch besser zu werden.

Ein wichtiges Ziel bleibt es auch, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Hier sehe ich einen ganz entscheidenden Handlungsbedarf, wobei wir die teilweise gegenläufigen Ziele wie den Erhalt des kleinstädtischen/dörflichen Charakters und eben einer maßvollen Nachverdichtung unter einen Hut bringen müssen.“

Ortsteil-Check in Haltern: Bürgermeister und Politiker äußern sich zu den Ergebnissen

In Sythen lebt sich am besten, fanden unsere Leser. Aber noch vor der Stadtmitte rangiert Holtwick, die Bauerschaft inmitten der Hohen Mark. © Grafik Hasgen

„Kritikpunkte sind deutlich geworden“

Andreas Stegemann (CDU-Fraktionsvorsitzender): Die CDU-Fraktion fand den Ortsteil-Check der Halterner Zeitung sehr interessant. Insbesondere die durchgend sehr positive Resonanz bestärkt uns in der Auffassung, dass wir in einer sehr lebenswerten und schönen Stadt wohnen.

Natürlich sind auch einige Kritikpunkte deutlich geworden, welche insbesondere die Nahversorgung, Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche und Senioren sowie den ÖPNV in den Ortsteilen und in der Innenstadt betreffen. Wir werden uns weiterhin für eine Attraktivitätssteigerung einsetzen und im Rahmen der finanziellen, rechtlichen und städtebaulichen Möglichkeiten aktiv bleiben.

Ortsteil-Check in Haltern: Bürgermeister und Politiker äußern sich zu den Ergebnissen

Julia Brieden-Zeglin und Tochter Lara genießen das viele Grün und die spielmöglichkeiten im Ortsteil Sythen. © Silvia Wiethoff

„Wichtige Anhaltspunkte für die Politik“

Beate Pliete (SPD-Fraktionsvorsitzende): Die Umfragen hatten eine gute Beteiligung. Die Ergebnisse sind wichtige Anhaltspunkte für unsere politische Arbeit vor Ort. Positiv festzuhalten ist das beschriebene gute Lebensgefühl der BürgerInnen in unserer Stadt. Dennoch gibt es deutliche Kritik z. B. an mangelnden Angeboten für Jugendliche, fehlender Nahversorgung und Mobilität (ÖPNV), gerade aus den entfernteren Ortsteilen wie Flaesheim und Hullern.

Ebenso deutlich werden die extrem hohen Miet- und Immobilienpreise kritisiert. Wir sehen uns in unserer politischen Arbeit, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, bestätigt und werden hier nicht nachlassen. Verbesserte Angebote für Kinder und Jugendliche in Haltern-Mitte und in allen Ortsteilen müssen entwickelt werden.

Natürlich sind alle genannten Kritikpunkte wichtig, jedoch wird die Verbesserung der Kinder- und Jugendangebote ein künftiger Schwerpunkt unserer Arbeit sein.

Ortsteil-Check in Haltern: Bürgermeister und Politiker äußern sich zu den Ergebnissen

Patrick Begert und Hanna Richter sind vor knapp vier Jahren an die Eichenstraße (Stadtmitte) gezogen. © Kevin Kindel

„Nahversorgern Entwicklungschancen geben“

Ludwig Deitermann (WGH-Fraktionsvorsitzender): Grundsätzlich begrüßt die WGH die Umfrage der Halterner Zeitung in den Ortsteilen und der Innenstadt. Im Wesentlichen ergeben sich daraus allerdings keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse.

Wir alle wissen, dass die Gemeinden ohne Lebensmittelgeschäfte oder ohne Arztpraxis dieses bedauern. Wobei es aus heutiger Sicht eigentlich nur darum gehen kann, das vorhandene Angebot zu sichern – und dazu zählen natürlich auch die zahlreichen Bauernläden.

Wir sehen es als Aufgabe der Politik, diesen „Nahversorgern“ den Bestand zu sichern und angemessene Erweiterungsmöglichkeiten zu bieten. Wie dieses im Übrigen gerade bei Hagedorn in Lavesum geschieht.

Dass die Familienfreundlichkeit und Lebensqualität durchweg gut beurteilt wird überrascht nicht. Im Dorf kennt und hilft man sich.

Bei der Kinderbetreuung und dem Sportangebot sehen wir die Ortsteile im „grünen Bereich“. Alle Dörfer haben zumindest einen Kindergarten und mit Ausnahme von Bossendorf und Holtwick auch eine Grundschule. Bis auf Holtwick (ohne eigenen Sportverein) haben oder bekommen in absehbarer Zeit alle Ortsteile einen Kunstrasenplatz und verfügen über eine Sporthalle.

Das mehrfach ausgemachte Defizit beim Freizeitangebot für Jugendliche ist der Politik ebenso bekannt wie die teilweise bemängelte Verkehrsanbindung, aber in Zeiten leerer Kassen auch nicht ohne weiteres zu beheben. Wir werden das uns Mögliche tun, um Verbesserungen zu schaffen.

Ortsteil-Check in Haltern: Bürgermeister und Politiker äußern sich zu den Ergebnissen

Sind in Holtwick glücklich: Christian, Lena und Emil Enstrup. © Elisabeth Schrief

„Angebote für Kinder müssen ausreichend sein“

Michael Zimmermann (Fraktionsvorsitzender Die Grünen/Bündnis 90): Der Ortsteil-Check der Halterner Zeitung hat deutlich gezeigt, dass ein Großteil der Bürger zufrieden mit der Lebensqualität in den Ortsteilen ist.

Neben diesem sehr erfreulichen Ergebnis wurde aber auch deutlich, dass es Defizite insbesondere im Bereich Nahversorgung und Verkehrsanbindung durch den ÖPNV gibt. Natürlich würden wir es begrüßen, wenn sich in den kleineren Ortsteilen Lebensmittelmärkte ansiedeln würden. Der Einfluss der Politik ist hier allerdings gering.

Beim ÖPNV befinden wir uns in einem Teufelskreis: Schlechte Busverbindungen sind unattraktiv und führen zu geringen Fahrgastzahlen; geringe Auslastung wird als Argument gegen eine Verbesserung des Angebotes genutzt. Daneben gibt es Bereiche, die die Lokalpolitik direkt beeinflussen kann.

So muss auch in Zukunft sichergestellt werden, dass ausreichend Betreuungsangebote für Kinder und ein gutes, ortsnahes Schulangebot vorgehalten wird.

Ortsteil-Check in Haltern: Bürgermeister und Politiker äußern sich zu den Ergebnissen

Würden nie aus Lippramsdorf fortziehen: Annekatrin und Christoph Hemsing mit den Töchtern Lia und Mara. © Elisabeth Schrief

„Das war eine Top-Recherche der Redakteure“

Kai Surholt (FDP-Fraktionsvorsitzender): Der Ortseil-Check war sehr interessant und ich habe jeden davon genauestens gelesen und versucht, Anregungen und Kritik nachzuvollziehen. Es war eine Top-Recherche der Redakteure, sehr interessant.

Die Auswertung der Leserumfrage zeigte auch, dass viel Arbeit vor uns liegt. Nicht nur für Verwaltung und Politik, sondern auch für alle Bürger. Denn eine Gesellschaft lebt vom Engagement und der Bereitschaft, seine Heimat zu pflegen und zu gestalten. Klingt vielleicht ein wenig emotional, aber genauso empfinde ich das.

Nach der Innenstadt muss die Politik jetzt die Ortsteile im Rahmen von Isek in den Blick nehmen. Dazu haben wir einen Antrag gestellt. Wir wollen einen „ersten Aufschlag“ machen, damit wir jetzt zielgerichtet an die Arbeit kommen.

Kommentar

Nach dem Ortsteil-Check darf es weitergehen

Der Ortsteil-Check der Halterner Zeitung hat in begrenztem Maße gute Vorarbeit geleistet für das Isek (Integretiertes Stadtentwicklungskonzept), das nach der Innenstadt nun auf die Dörfer ausgeweitet werden soll. Der politische Konsens ist da, nur das fixe Datum noch nicht. Leser unserer Zeitung waren vorab eingeladen, ihre Alltags- und Lebenssituationen zu betrachten, Anregungen und Wünsche bezüglich ihres Wohnortes zu äußern. Sie taten es zahlreich. Zur Kritik gehörte unter anderem fehlende Infrastruktur, die sich allerdings durch politische Beschlüsse nicht herbeizaubern lässt, sondern der Marktwirtschaft unterliegt. Grundsätzlicher Tenor jedoch war: Auf dem Land lässt es sich gut leben. Stadt bietet Vielfalt, das Land Raum, Ruhe und soziale Kontakte. Wer nach Holtwick oder Hullern beispielsweise zieht, entscheidet sich bewusst für ein naturnahes, komfortables Wohnen. Wohlwissend, dass Städte mit Versorgungseinrichtungen nicht weit weg sind und ein Auto vor der Tür steht. Vom Grundsatz her wohnt man in Haltern und im städtischen Umfeld komfortabel, was aber nicht heißt, dass Verbesserungen nicht möglich wären. Ein Isek wird in den Ortsteilen sicherlich Schwächen und ungeahnte Potenziale zugleich entdecken. Der Ortsteil-Check war eine erste Meinungsabfrage, jetzt darf es weitergehen.
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