Pfarrer Michael Ostholthoff leitet die katholische Pfarrei St. Sixtus Haltern. Der Rücktritt von Kardinal Marx könnte Bewegung in die Kirche bringen, sagt er. © Foto (A) Holger Steffe
Kardinal Marx

Pfarrer Michael Ostholthoff: Kirche muss Mut zu einem Neuanfang haben

Kardinal Marx hatte Papst Franziskus seinen Amtsverzicht als Erzbischof von München/Freising angeboten. Das könnte der Reformbewegung den Stecker ziehen, fürchtete Pfarrer Ostholthoff.

Kardinal Reinhard Marx bat Papst Franziskus am 21. Mai um Amtsverzicht als Erzbischof von München und Freising. Er wolle Mitverantwortung tragen für „die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs“. Am 10. Juni hat der Papst den Rücktritt überraschend schnell abgelehnt. Wir haben über diese Entscheidung mit Michael Ostholthoff, leitender Pfarrer von St. Sixtus Haltern, gesprochen.

Kardinal Reinhard Marx wollte als Münchner Erzbischof zurücktreten. Er sagt, die Kirche sei an einem toten Punkt angekommen. War das ein Donnerhall?

Ich wurde von dieser Entscheidung von Kardinal Marx vollkommen überrascht. Inzwischen weiß ich, dass nicht einmal enge Freunde und Weggefährten von diesem weitreichenden Schritt im Vorfeld wussten.

„Ich halte es für möglich, dass dieser Schritt wirklich Bewegung in unsere Kirche bringt.“

Pfarrer Ostholthoff

Haben Sie die Mitteilung mit Respekt oder Bedauern aufgenommen?

Ja, dies fasst meine Wahrnehmung gut zusammen. Respekt, weil ich es für möglich halte, dass dieser Schritt wirklich Bewegung in unsere Kirche bringt. Da belässt es jemand nicht bei frommen Sonntagsreden, sondern zieht auch persönliche Konsequenzen für ein institutionelles Versagen. Mein Bedauern war aber deshalb so groß, weil ich gerade auf die Persönlichkeit von Kardinal Marx gesetzt hatte, um den synodalen Prozess, den er mit initiiert hat, doch noch zu einem Erfolg zu bringen. Diese Reformbewegung bekommt aus dem konservativen Lager so viel Gegenwind, hat mit anderen Worten bereits genug massive Probleme, so dass der Rückzug eines der Hauptprotagonisten der Sache den Stecker ziehen kann.

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gab am 4. Juni seine Entscheidung bekannt. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Bestenfalls ist es ein Hoffnungszeichen und ein Auftrag, dass der von Kardinal Marx eingeschlagene Weg noch nicht zu Ende ist und der Papst weiter auf ihn setzt. Grundsätzlich sind ja die Dinge, die er offenlegt, weiterhin für die Kirche Thema. Kardinal Marx hat Schwung in die Diskussion gebracht, wie Kirche neu denken muss. Seine Impulse sind jetzt nicht erledigt, nur weil der Papst seinen Rücktritt abgelehnt hat.

Der Papst hat den Rücktritt viel schneller als erwartet abgelehnt. Was sagen Sie dazu?

Reformbemühungen werden von einem konservativen Lager der Kirche massiv blockiert. Braucht es neue Personen, um neue Antworten auf das Systemversagen, wie es Marx nennt, zu finden?

Ich tue mich gerade damit schwer, hier konkrete Identifikationsfiguren zu benennen, die einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wären und die dem Prozess mit ihrem Charisma neues Leben einhauchen könnten. Rücktritte allein helfen uns solange nicht weiter, bis endlich systemische Barrieren aus dem Weg geräumt worden sind. Letztendlich muss die Bischofskonferenz bereit sein, mit allen Gruppen in unserer Kirche auf Augenhöhe zu diskutieren. Die vergangenen Jahre mit den vielen Skandalen und einer schleppenden Aufarbeitung haben einen erheblichen Vertrauensverlust gerade gegenüber der kirchlichen Hierarchie mit sich gebracht. Personelle Veränderungen bringen hier nur etwas, wenn sich damit auch innere Haltungen verändern.

Amtsträger der Kirche müssen, so sagt Kardinal Marx, Verantwortung tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs. Wo fängt diese Verantwortung an und welche Konsequenzen sind notwendig?

Eine Verantwortung für die Kirche trägt zunächst einmal jeder Getaufte. So haben mich Gemeindemitglieder angeschrieben, die mir erklärt haben, inwiefern sie ihren Schritt eines Kirchenaustritts als einen Akt der persönlichen Verantwortung verstehen. Sie wollen keine Kirche unterstützen, die mit dem Thema des Kindermissbrauchs durch Kleriker so umgeht, dass immer noch nicht zunächst das Recht der Opfer in den Blick kommt. Ich versuche den Menschen deutlich zu machen, dass auch ich als Pfarrer mit einer solchen Kirche hadere, dass es aber auch meine Überzeugung ist, dass wir Kirche in Haltern am See auf andere Weise gestalten können. Unsere Pfarrei hat sich ein institutionelles Schutzkonzept gegeben, welches Haupt- und Ehrenamtlichen viel abverlangt, das aber den Schutz der Schwächsten bedingungslos die Priorität einräumt. Wir legen dieses Konzept zur allgemeinen Information noch einmal in unseren Kirchen aus, um den Menschen zu zeigen, was sich in den vergangenen Jahren alles schon bei uns in diesem Bereich getan hat.

Welche Impulse zieht Kirche vor Ort in Haltern aus dem Rücktritt von Kardinal Marx?

Ich möchte die Gedanken von Kardinal Marx gerne aufgreifen und alle Pfarreimitglieder zu einem neuen Dialog einladen. Mein Traum wäre eine Art Konzil auf Stadtebene. Meine Befürchtung ist nämlich, dass wir hier weder auf Münster noch auf Rom warten können, sondern vor Ort überlegen müssen, wie wir unserer Pfarrei ein neues Gesicht geben. Das meint kein äußerliches Facelifting, es meint den Mut zu einem Neuanfang. Marx sprach davon, dass kein Stein auf dem anderen bleiben dürfe. Ich möchte mit den Menschen in Haltern jeden einzelnen Stein in die Hand nehmen, hin- und herwenden und neu aufbauen. Dabei setze ich nicht auf ausgefeilte Texte, die wir am Ende eines zermürbenden Prozesses nach Münster oder Gott weiß wohin schicken. Es gebraucht vielmehr einen konkreten Bauplan, wie wir St. Sixtus erneuern möchten. Kirche, so meine stetig gewachsene Überzeugung, kann sich nur von unten her erneuern. Uns laufen Zeit und die Menschen davon.

„Es gebraucht einen konkreten Bauplan, wie wir St. Sixtus erneuern möchten.“

Pfarrer Ostholthoff

Wie kann Kirche zu einem Wendepunkt finden, um die Menschen neu für Kirche zu begeistern?

Ich würde es für vermessen halten, wenn ich behauptete, hier schon den Masterplan in der Tasche zu haben. Doch es gebraucht die Zuwendung zu den Menschen. Wir müssen neu deutlich machen, wie der Glaube sich mit unserem alltäglichen Leben verbinden kann. Das gelingt aber nur, wenn Menschen spüren, dass da ein Seelsorger ist, der an ihren Problemen Anteil nimmt, dem nichts Menschliches fremd ist. Studierende in der Gemeinde in Münster haben oft gesagt, dass sie sich zum ersten Mal nicht mehr geschämt haben, zur Kirche zu gehen, weil sie neu erfahren durften, was eine Gemeinschaft im Glauben ihnen schenken kann. Dorthin müssen wir kommen, dass Menschen Kirche als einen Ort erleben, der ihr Leben bereichert.

Wird Seelsorge vor Ort angesichts der Schlagzeilen nicht immer schwieriger? Selbst Kirchentreue neigen mittlerweile dazu, sich abzuwenden.

Ganz klar, und doch bin ich ein von Grund auf optimistischer Mensch, der den Kopf nicht in den Sand setzt. Wäre die Kirche eine rein menschliche Erfindung, dann hätte sie keine Chance. Ich glaube aber daran, dass sich in der Kirche etwas ausdrückt, dass kein Kardinal in Köln und keine Kongregation in Rom kleinbekommt, nämlich die Gemeinschaft derer, die im Evangelium eine so großartige Botschaft für uns Menschen erkannt haben, die auch im 21. Jahrhundert weitergesagt werden muss.

Wenn ich aber davon ausgehen darf, dass unser Problem nicht im Evangelium liegt und nicht bei den Menschen, für die dieses Evangelium bestimmt ist, dann ergibt sich doch ein klarer Ansatzpunkt für die Lösung unserer Probleme. Wir müssen bei der Art und Weise der Vermittlung des Evangeliums ansetzen, durch eine Kirche, die sich in den Dienst stellt und sich nicht selbst für wichtig nimmt. Der französische Reform-Bischof Gaillot hat das Wort geprägt: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ Einer Kirche, die sich diesen Satz nicht zu Herzen nimmt, sollte auch niemand nachweinen.

„Ich bin schon morgen bereit, unsere Pfarrgemeinde im Team mit einer Frau zu leiten.“

Pfarrer Ostholthoff

Kardinal Marx gilt als Frauenförderer in der Kirche. Wie groß ist die Hoffnung, dass sich in seinem Sinne etwas ändert – im Bistum und in der Pfarrei St. Sixtus?

Ich bin schon morgen bereit, unsere Pfarrgemeinde im Team mit einer Frau zu leiten. Ich habe hier und da schon einmal angefragt, aber vielleicht traut man dem Vorschlag noch nicht so recht. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir vor Ort Schritte der Erneuerung wagen müssen. Der kooperative Leitungsstil, mit dem André Pollmann und ich vor einigen Jahren in Haltern angetreten sind, kann da nur ein erster Schritt gewesen sein. Für nächste Schritte suche ich MitstreiterInnen.

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Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief

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