Ab wann liegt bei Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen eine ernsthafte Erkrankung vor? Wir haben mit Chefarzt Dr. Lars Heining über das Thema gesprochen.

von Ina Fischer

Haltern

, 19.09.2018, 11:56 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im vergangenen Winter hatte uns die Grippewelle ungewöhnlich stark im Griff. Das belegen nicht nur die Statistiken des Robert-Koch-Instituts, sondern auch die Patientenzahlen im St. Sixtus-Hospital. Da Aufklärung ein ganz wichtiges Indiz zur Vermeidung von Ansteckungen, aber auch für die richtige Therapie ist, hat Dr. Lars Heining, Chefarzt der Pneumologie, zusammen mit Oberarzt Dr. Stefan Matzko dem Thema „Atemwegsinfektionen“ eine spannende Abendsprechstunde gewidmet.

Oft beginnt eine echte Influenza wie eine harmlosere Erkältung. Welche Anzeichen sollte man ernst nehmen?

Der akute Krankheitsbeginn zeichnet sich oft durch hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost und eine deutliche Schwächung des Allgemeinzustandes aus. Allerdings können gerade bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen oft andere unspezifische Symptome auftreten, etwa Durchfall und Bauchschmerzen. Häufig werden dann die Patienten irrtümlich erst einmal gastroenterologisch aufgenommen, bei denen sich im Verlauf aber schnell die Diagnose einer Atemwegsinfektion herausstellt.

Gefährdet sind vor allem abwehrgeschwächte Menschen, Kinder und Ältere, die als Folge der Influenza nicht selten eine Lungenentzündung bekommen, oder chronisch lungenkranke Menschen, die gegebenenfalls eine akute Verschlechterung ihrer COPD oder ihres Asthmas erleiden.

Welche Risikogruppen gibt es außerdem?

Auch Patienten mit einer dauerhaften Abwehrschwäche, sei es medikamentös herbeigefügt, wie beispielsweise durch eine Cortison-Dauermedikation bei Rheuma-Patienten, oder im Rahmen schwerer Grunderkrankungen, wie einer schweren Nierenschwäche, gelten als besonders gefährdet.

Wie erfolgt bei Ihnen die Diagnose?

Wir sind eine spezialisierte Lungenklinik mit einem standardisierten diagnostischen Vorgehen, das sehr sorgfältig eingehalten wird. Dazu zählen Abstrichuntersuchungen auf Grippe-Viren ebenso wie Blutkulturen, um zu sehen, ob Bakterien in den Blutbahnen wachsen, oder ob es „nur“ ein Virus ist. Wir fahnden im Auswurf der Patienten nach Bakterien, röntgen die Lunge und untersuchen das Blut, um etwa Nieren- und Leberwerte sowie den Elektrolythaushalt zu beobachten und mögliche Entzündungswerte auszumachen. Zusätzlich stellen wir mit einer Blutgasanalyse den Sauerstoffgehalt fest, um zu gucken, wie gefährdet die Patienten sind. Dazu benötigen wir etwas Blut aus dem Ohrläppchen oder Finger. Damit können wir häufig die Kernfrage beantworten: Liegt eine bakterielle Superinfektion vor? Müssen Antibiotika gegeben werden? Denn häufig wird gerade im ambulanten Bereich zu oft mit Antibiotika behandelt.

Wieso ist der häufige Einsatz von Antibiotika so umstritten und was ist das Besondere am Sixtus-Hospital?

Durch zu häufigen Einsatz von Antibiotika können Resistenzen entstehen, die multiresistenten Keimen den Weg in den menschlichen Körpern ebnen. Neben MRSA sind das heute vor allem die sogenannten multiresistenten gramnegativen Erreger, kurz MRGN, also gefährliche Darmbakterien. In den Häusern der KKRN versuchen wir deshalb, das Prinzip des „antibiotic stewardships“, frei übersetzt, Strategien zum rationalen Einsatz von Antiinfektiva, nach vorne zu bringen, also die sorgsame Auswahl und Nutzung von Antibiotika. Aus gutem Grund: Es geht nicht nur um Resistenzen, sondern auch um ökonomische Effekte und nicht zuletzt um das Vermeiden gefährlicher Nebenwirkungen wie Nieren- oder Leberschäden etwa durch Aminopenicilline, oder eine Schädigung der Darmflora.

Wie therapieren Sie denn?

Vorab sei gesagt: Eine klassische normale Influenza muss nicht im Krankenhaus behandelt werden. Fiebersenkende Mittel und ausreichend Flüssigkeitszufuhr sind die Grundpfeiler jeder Behandlung. Nur bei Patienten mit schwerer Symptomatik und auf der Intensivstation oder bei Beatmungspflichtigen etwa setzen wir Virustatika wie Tamiflu in der Frühphase der Erkrankung ein. Für den ambulanten Bereich ist das aber definitiv ungeeignet.

Neben typischen Hygienemaßnahmen rät das Robert Koch Institut (RKI) zu Grippeimpfungen als Vorbeugung. Wie stehen Sie dazu?

Ein klares Ja für Impfungen, allerdings raten wir Pneumologen entgegen den Empfehlungen des RKI – sie empfehlen Pneumovax – eher zu einem Impfstoff namens „Prevenar 13“, der seit mindestens einem Jahrzehnt erfolgreich bei Kindern eingesetzt wird und in Studien auch bei Erwachsenen gut anschlug. Allerdings übernehmen viele Krankenkassen dafür die Kosten nicht oder nur anteilig.

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