Claudia Fromme hat die Unfallstelle in Österreich zum ersten Mal besucht. © Lona•media/Frank Kranstedt

Schuld und Verzeihen: Film über dramatische Geschichte einer Halternerin

Claudia Fromme ist für einen Fernsehfilm an den Unfallort zurückgekehrt, an dem ihre Familie auseinander gerissen wurde. Sie erzählt vom Leben nach dem Verlust und vom Umgang mit Schuld.

Claudia Fromme steht an einer Straßenböschung in Österreich nahe Saalfelden und blickt auf zwei Grablichter im Gras. Vor zwölf Jahren hat ihr Schicksal an dieser Stelle eine dramatische Wendung genommen.

Am 21. Dezember 2008 ist die Halterner Familie auf dem Weg in den Weihnachtsurlaub. Papa und Mama mit Tochter und Sohn – ein Vorzeigequartett. Es sind noch 30 Kilometer bis zum Urlaubsziel. Das Außenthermometer des Fahrzeugs zeigt vier Grad, aber an einem kleinen Pass auf der Strecke hat sich Eis auf der Straße gebildet. Claudia Fromme sitzt am Steuer des Autos und verliert die Kontrolle.

Ihr Leben teilt sich in ein Davor und ein Danach

Erst auf der Intensivstation einer Innsbrucker Klinik wacht sie wieder auf und muss tragische Nachrichten verkraften. Ihr Mann Michael (40) und ihre Tochter Annika (13) haben den Unfall nicht überlebt. Ihr ist nur Sohn Felix (10) geblieben. Seitdem teilt sich das Leben von Claudia Fromme in ein Davor und ein Danach.

Zum ersten Mal kehrt die 51-Jährige gebürtige Marlerin im Oktober 2020 an die Unfallstelle und in das Innsbrucker Krankenhaus zurück. Es entstehen bewegende Szenen, die in dem Dokumentarfilm „Schuld – Verzeihen als Lebensaufgabe“ zu sehen sind. Fast ein halbes Jahr hat sich Filmemacherin Julia Zinke mit der Halternerin ausgetauscht und sich behutsam ihrer Geschichte genähert.

Das ist dem Film anzumerken, in dem über zwei weitere Protagonisten berichtet wird. Das Ehepaar Lüdtke aus Wolgast an der Ostsee hat seine 14-jährige Tochter Line verloren. Es ist kein Film entstanden, der die Sensationslust nach Katstrophen befriedigt.

Die Halternerin Claudia Fromme hat nach dem tragischen Unfall den Weg zurück ins Leben gefunden.
Die Halternerin Claudia Fromme hat nach dem tragischen Unfall den Weg zurück ins Leben gefunden. © Lona•media/Frank Kranstedt © Lona•media/Frank Kranstedt

„Ich finde mich in dem Beitrag wieder“, sagt Claudia Fromme. Tatsächlich zeigen die Szenen mit ihr, die nicht nur in Österreich, sondern auch in Haltern aufgenommen wurden, ein sehr authentisches Bild der Halternerin. Im Mittelpunkt steht das Weiterleben nach einem schrecklichen Verlust.

Noch im Krankenhaus beginnt Claudia Fromme 2008 damit, sich mit dem Danach auseinanderzusetzen. Es gibt Phasen tiefster Traurigkeit, aber sie will sich nicht ihrem Schicksal ergeben und in Bitternis versinken. Sie will leben, glücklich sogar, und ihrem Sohn Wurzeln und Flügel mitgeben. Schon bald stellt sie fest, dass ihr Beispiel anderen Betroffenen Mut machen kann.

Claudia Fromme hat ein Buch über ihr Schicksal geschrieben

„Auch im größten Schmerz gab es gute Gefühle.“, sagt sie rückblickend und erstaunt immer wieder, mit welcher Resilenz (der Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen) sie zurück in den Alltag finden konnte. 2014 veröffentlicht die Hamm-Bossendorferin das Buch „So fern und doch ganz nah. Über das Leben, den Tod und das ewige Band der Liebe“ und ist mit diesem bei vielen Leseabenden zu Gast. Claudia Fromme bleibt jedoch nicht stehen, um immer wieder diesen einen Blick auf ihre Geschichte zu vermitteln.

Bewegender Moment: Claudia Fromme im Schockraum der Insbrucker Klinik, in dem ihre Tochter Annika verstorben ist.
Bewegender Moment: Claudia Fromme im Schockraum der Insbrucker Klinik, in dem ihre Tochter Annika verstorben ist. © Lona•media/Frank Kranstedt © Lona•media/Frank Kranstedt

„Ich versuche, mich aus der Identifizierung herauszulösen“, beschreibt sie ihren aktuellen Weg. Wichtige Kraftquelle ist für die Geschäftsführerin eines Familienbetriebs das Yoga geworden. Sie hat eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin absolviert und gibt selbst Unterrichtsstunden. Aus den Begegnungen mit anderen Teilnehmern schöpft sie Inspirationen.

Nach der Anfrage von Filmemacherin Julia Zinke hat Claudia Fromme mit dieser gemeinsam überlegt, was sie heute erzählen kann. Sie hat sich dem Thema Schuld und Verzeihen gestellt und sagt: „Ich habe mir selbst verziehen und belüge mich damit nicht.“ Verzeihen können bedeute auch Frieden finden, fügt sie hinzu. Das sei ganz wichtig, um nicht zu verbittern und sich mit den immer gleichen Fragen zu quälen.

Sie möchte anderen Betroffenen Mut machen

Für die Halternerin, die in einer neuen Partnerschaft lebt, ist das eine wertvolle Botschaft, die sie an andere weitergeben möchte. Aus diesem Grund hat sie den Dreharbeiten zugestimmt. „Mein Weg kann andere Menschen vielleicht inspirieren und zum Nachdenken anregen“, berichtet sie. Es habe einen Grund, warum sie überlebt hat.

Nach zwölf Jahren sagt sie heute: „Es gibt immer noch traurige Momente, in denen Tränen fließen, aber der große Schmerz ist nicht mehr da.“ Claudia Fromme hat loslassen können, auch weil sie ihre Gefühle zugelassen hat. „Ich habe die Verantwortung auch für die schmerzhaften Gefühle übernommen“, erklärt sie und fügt hinzu: „So lange man Wut fühlt, muss man keinen Schmerz empfinden.“ Deshalb flüchteten sich Menschen in den Zorn.

Im Fernsehen

Hier wird Beitrag mit Claudia Fromme ausgestrahlt

Der Film „Schuld – Verzeihen als Lebensaufgabe“ wird am Sonntag (18. April) um 17.30 Uhr in der ARD-Reihe „Echtes Leben“ ausgestrahlt. Außerdem kann man den Beitrag bis zum 21. März 2022 jederzeit über die ARD-Mediathek ansehen.

Eine längere Version wird in der Reihe „Menschen hautnah“ im WDR-Programm gezeigt. Termin ist der 29. April, 22.45 Uhr.

Warum sie nicht zerbrochen ist an ihrem Schicksal? Das hat sie sich mit anderen Betroffenen auch gefragt und erzählt von ihrem Umgang mit der Trauer. Einmal am Tag habe sie zum Beispiel in den ersten Wochen nach dem Unfall die Trauerkarten für Annika und Michael auf ihr Bett gelegt, sie immer wieder gelesen und schrecklich geweint. Dann habe sie diese weggepackt und sich auf das Gute konzentriert, das ihr geblieben ist. Zum Beispiel auch auf all das, was ihr die beiden Verstorbenen zurückgelassen haben – Liebe an erster Stelle.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen und hinter jeder Zahl steckt eine ganze Welt. Das macht den Journalismus für mich so spannend. Mein Alltag im Lokalen ist voller Begegnungen und manchmal Überraschungen. Gibt es etwas Schöneres?
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Silvia Wiethoff