Schwimmen in Haltern: Neue Regeln für Seepferdchen und Co. sind strenger als vorher

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Vom Beckenrand springen, 25 Meter durchs Wasser paddeln und tauchen - wer das konnte, hatte früher sein Seepferdchen sicher. Doch jetzt wurden die über 40 Jahre alten Richtlinien verschärft.

Haltern

, 17.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach mehr als 40 Jahren sind die Prüfungsordnungen für die Schwimmabzeichen zum 1. Januar 2020 überarbeitet und aktualisiert worden. Der Bundesverband zur Förderung der Schwimmausbildung (BFS) und die Kommission Sport der Kultusministerkonferenz (KMK) haben das „Sicher schwimmen können“ als oberstes Ziel der Ausbildung neu definiert. Zukünftig muss man zum Beispiel für das Seepferdchen einen Schwimmstil in „Grobform“ beherrschen. Einfach durchs Wasser paddeln reicht nicht mehr. 25 Meter in Rücken- oder Brustlage muss das Kind zurücklegen - bei der Brustlage muss es erkennbar unter Wasser ausatmen.

Übergangsfrist gilt bis Ende des Jahres

Wer also nun sein Seepferdchen ablegen will, muss es höchstwahrscheinlich nach der neuen Prüfungsordnung tun - allerdings gilt bis Ende des Jahres noch eine Übergangsfrist. Alte Pässe und Urkunden werden dadurch aber nicht ungültig, so der BFS.

Nicht nur beim Seepferdchen greifen die neuen Bestimmungen, sagt Ulrich Sieren, Lehrscheininhaber und Ausbilder bei der DLRG in Haltern. Auch die anderen Abzeichen seien modifiziert worden. Die Unterteilung in Jugend- und Erwachsenenschwimmpass gebe es so nicht mehr (zu den genauen Änderungen siehe Anhang). Mit den Anpassungen beim Bronze-Abzeichen gehe man wieder dahin zu dem, was einmal der „Freischwimmer“ war, sagt Sieren.

Schwierigere Dinge seien nun insgesamt früher zu erlernen, das gelte für Bronze, Silber und Gold. Er sieht die Halterner Schwimmanfänger aber in einer guten Versorgungssituation, im Gegensatz zu Städten, die keine öffentlichen Bäder mehr hätten. Durch seine Tätigkeit in der Lehrerausbildung bekäme er aber auch zu hören, dass viele Eltern die Kinder nicht mehr zum Schwimmen brächten. „Der Anteil der Kinder, die nicht schwimmen können, wird auch in den Schulen größer.“

Forsa-Studie

Fast 60 Prozent der Grundschüler können nicht sicher schwimmen

Die Zahl der Grundschüler, die nicht sicher schwimmen könnten, ist nach repräsentativen Studien des Instituts forsa von 50 Prozent in 2010 auf 59 Prozent in 2017 gestiegen. Die Zahl der ertrunkenen Kinder und Jugendlichen unter 20 Jahren sei 2018 in Deutschland besonders stark gestiegen, und zwar um 38 Prozent, wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mitteilte. Unter den 71 Todesopfern dieser Altersgruppe waren 26 Kinder im Vor- und Grundschulalter.

Bundesweit hatte die DLRG im vergangenen Jahr die schlechteren Schwimmfähigkeiten gerade bei Kindern kritisiert. Nur knapp über 40 Prozent der Kinder könnten nach der Grundschule schwimmen. In den 1990er-Jahren seien es noch nahezu 90 Prozent gewesen.

Gertrud Oelmann, Geschäftsführerin des SV Haltern, sieht in der Seestadt keinen Unterschied in den Fähigkeiten der Kinder früher und heute. „In Haltern sind wir gut aufgestellt“, im Gegensatz zu anderen Gemeinden habe man zwei Bäder und die Seen zum Schwimmen. Die Nachfrage nach Schwimmkursen sei hoch, die Kurse schnell ausgebucht.

Der SV Haltern wende die Vorschriften der neuen Prüfungsordnung für das Seepferdchen bereits an, wie SV-Geschäftsführerin Gertrud Oelmann sagt. Vom Beckenrand springen, 25 Meter Brustschwimmen mit Ausatmen unter Wasser, einen Gegenstand heraufholen und die Baderegeln kennen. „Talentierte Kinder können das schon früh“, sagt Oelmann. Die Baderegeln würden nun - anders als früher - abgefragt. „Wir haben sie immer nebenbei gelehrt.“ Dass man vor dem Schwimmen duschen und nicht rennen soll, zum Beispiel.

„Manche lernen es sozusagen im Vorbeigehen“

„Ängstliche Kinder hat es immer schon gegeben“, sagt Gertrud Oelmann aus jahrelanger Erfahrung. Etwa zwei von zehn Kindern bräuchten länger. „Ich hatte mal ein Kind, das hat im Schwimmbad zum ersten Mal so eine große Menge Wasser gesehen. Es hatte zuhause nicht mal eine Badewanne.“ Trotzdem habe es schnell schwimmen gelernt.

„Manche lernen es sozusagen im Vorbeigehen, andere tun sich schwer“, weiß Oelmann. Zukünftig könne man diese Kinder allerdings nicht mehr als Ermunterung mit dem Seepferdchen auszeichnen. Sie stellt außerdem klar: „Mit Seepferdchen kann man ein Kind nicht alleine ins Schwimmbad lassen.“ Erst mit dem Bronze-Schwimmabzeichen seien Kinder sichere Schwimmer. Den Kindern helfe vor allem, wenn die Eltern ihnen vorlebten, dass sie sich im Wasser wohlfühlen“, empfiehlt die Fachfrau. „Sie müssen gar nicht groß die Technik mit den Kindern üben, mit ihnen spielen, tauchen reicht schon.“

Es hängt sehr davon ab, wie die Eltern mitarbeiten

Im Freizeitbad Aquarell hat Markus Kösters ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Fachmeister für Bäderbetriebe gibt zusammen mit seinen Kollegen die Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. „Teilweise ist es so, dass Kinder, die hier sind, Wasser nicht mehr so entspannt sehen wie früher“, sagt Kösters. Manche hätten sogar Angst davor, Wasser ins Gesicht zu bekommen.“ Es hinge sehr davon ab, wie die Eltern mitarbeiteten. „Ich kann nicht mein Kind das Seepferdchen machen lassen und dann nach zwei Jahren ohne Übung erwarten, dass es wieder schwimmt.“

Verändert im Vergleich zu früher habe sich das Kurs-Angebot im Aquarell. „Früher hatten wir Zwei-Wochen-Crashkurse, wo die Kinder sechs mal pro Woche gekommen sind“, so Kösters. Heute gingen die Kurse eher über vier Wochen, weil die Kinder länger in der Schule seien oder die Eltern mehr arbeiten müssten. Die Nachfrage nach den Kursen sei aber auch im Aquarell ungebrochen. Die neuen Prüfungsbestimmungen wende man zurzeit noch nicht an, es gelte ja noch die Übergangsfrist.

DIE WICHTIGSTEN ÄNDERUNGEN IM ÜBERBLICK

Seepferdchen
  • Ab sofort müssen der Sprung vom Beckenrand und die 25 Meter Schwimmen in einer Abfolge erfolgen.
  • Das Schwimmen in Bauch- oder Rückenlage muss nun in der „Grobform“ beherrscht werden.
  • Entscheidet sich der Prüfling für das Schwimmen in Bauchlage, muss ab sofort erkennbar ins Wasser ausgeatmet werden.
Bronze
  • Der Sprung vom Beckenrand muss kopfwärts erfolgen – bisher reichte ein einfacher Sprung vom Beckenrand.
  • Es folgt ein Dauerschwimmen über 15 Minuten, bei dem mindestens 200 Meter zurückgelegt werden müssen. Bisher konnte man nach 200 Meter Schwimmen aus dem Wasser steigen, wenn man dies in weniger als 15 Minuten geschafft hatte.
  • Neu ist: Der Schwimmstil ist nicht mehr beliebig. 150 Meter müssen in Bauch- oder Rückenlage und die weiteren 50 Meter in der anderen Körperlage geschwommen werden. Der Wechsel erfolgt während des Schwimmens ohne Festhalten.
  • Eine Schwimmart muss erkennbar sein.
  • Beim Sprung vom Startblock oder Ein-Meter-Brett wird ein Paketsprung verlangt (bisherige Formulierung: „Sprung aus einem Meter Höhe“).
Silber
  • Auch hier gibt es jetzt ein Dauerschwimmen. Die Prüflinge müssen 20 Minuten am Stück schwimmen und dabei mindestens 400 Meter zurücklegen. Bisher war eine Strecke von 400 Metern in höchstens 25 Minuten gefordert.
  • Ob 300 Meter in Bauch- und 100 Meter in Rückenlage absolviert werden oder andersrum, ist ab sofort freigestellt. Der Wechsel zwischen Bauch- und Rückenlage erfolgt während des Schwimmens ohne Festhalten.
  • Eine Schwimmart muss erkennbar sein.
  • Das Zehn-Meter-Streckentauchen erfolgt mit einem Abstoß.
Gold
  • Die neue Prüfungsordnung sieht ein Dauerschwimmen über 30 Minuten vor, bei dem mindestens 800 Meter zurückgelegt werden müssen (650 Meter in Bauch- oder Rückenlage und 150 Meter in der anderen Körperlage). Bisher waren 600 Meter in höchstens 24 Minuten verlangt.
  • 50 Meter Brustschwimmen in höchstens 1:15 Minuten (bisher: 1:10 Minuten).
  • Zehn-Meter-Streckentauchen ohne Abstoß (bisher: 15 Meter mit Abstoß).
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