Heinrich Gerding (damals Heinz oder Sturmi genannt) machte seiner Heimatstadt 1970 in Duisburg alle Ehre. Er wurde Deutscher Meister im Seifenkistenrennen. © Privat
Seifenkistenrennen

Seifenkisten: 20.000 Zuschauer bejubeln Halterns ersten Deutschen Meister

Haltern stand Kopf, als Heinrich Gerding vor 20.000 Zuschauern als Deutscher Meister im Seifenkistenrennen über die Ziellinie fuhr. Aus dem Piloten wurde ein angesehener Augenheilkundler.

Die Schlagzeilen in Haltern überschlugen sich am 26. Juli 1970: „Der 14-jährige Hauptschüler Heinz Gerding ist Bundessieger der Seifenkistenfahrer!“ Diesen bisher größten Halterner Erfolg der jungen Seifenkisten-Asse errang „Sturmi“ auf der 340 Meter langen Strecke in Duisburg vor 20.000 Zuschauern in 30,5 Sekunden. Die Stadt Haltern hatte damals ihren ersten Deutschen Meister, sie feierte ihren Champion mit einem Autokorso durch die Stadt und einem großen Versprechen.

Ulrich Hatkämper organisiert Jahr für Jahr ein Treffen mit ehemaligen Seifenkistenpiloten. Heinrich Gerding (r.) ist immer dabei.
Ulrich Hatkämper organisiert Jahr für Jahr ein Treffen mit ehemaligen Seifenkistenpiloten. Heinrich Gerding (r.) ist immer dabei. Damals als Siegerpilot schenkte ihm Bürgermeister Josef Paris eine Heimwerkermaschine zum Bau weiterer Siegerkisten. © Schrief © Schrief

Einmal im Jahr trifft sich ein kleiner Kreis ehemaliger Seifenkistenfahrer bei Ulrich Hatkämper an der Sixtusstraße, um in Erinnerungen und Fachsimpeleien zu schwelgen. So wie gerade wieder. Heinrich Gerding ist immer dabei. Er wohnt heute mit seiner Frau in Rheinbach, einer Stadt im Rhein-Sieg-Kreis, die auch von den Folgen der Hochwasserkatastrophe betroffen ist.

Auch für den Vatikan hat der Augenkundler gearbeitet

Bis vor einem Jahr war er Chief Medical Officer in den Pallas Kliniken in Olten/Schweiz. Heute ist Prof. Dr. med. Heinrich Gerding Senior Consultant bei den Pallas Kliniken und weltweit die Nummer eins unter den 2446 wissenschaftlichen Gutachtern im Bereich Ophthalmologie (Augenheilkunde). Auch für den Vatikan hat der Mediziner schon gearbeitet.

Der Zieleinlauf in Duisburg bei der Deutschen Meisterschaft: Heinrich Gerding (Pilot, l.) hat klar die Nase vorn.
Der Zieleinlauf in Duisburg bei der Deutschen Meisterschaft: Heinrich Gerding (Pilot, l.) hat klar die Nase vorn. © Privat © Privat

„Der 26. Juli war ein Fest“, denkt der 65-Jährige noch immer gern an die aktive Seifenkisten-Zeit zurück. Als Siegprämie erhielt er damals 7000 DM für seine berufliche Ausbildung (zum Vergleich: der teuerste Opel kostete zu jener Zeit 8000 DM) und ein Ticket zu den Weltmeisterschaften in den USA.

Opel war bis 1971 der Sponsor der Seifenkistenrennen auf Lokal- und Bundesebene. Deshalb holte Opel-Händler Helmut Hahn den Deutschen Meister einen Tag nach dem rasanten Abfahrtsrennen in Duisburg in einem geschmückten Opel Admiral an der Autobahnraststätte Recklinghausen ab und fuhr ihn wie einen Helden durch die Stadt bis zum Rathaus, wo ihn Bürgermeister Josef Paris empfing.

Bürgermeister Josef Paris förderte den jungen Helden

„Junge, Du bist ein guter Schüler und ein Talent. Ich helfe Dir auf einen guten Berufsweg“, versprach das Stadtoberhaupt – von Beruf Schulleiter der Berufsbildenden Schulen Haltern – und hielt dieses Versprechen tatsächlich. Er ermutigte den Hauptschüler, auch schulisch Gas zu geben, was zunächst zur Ausbildung als Maß- und Regelmechaniker im Chemiepark Marl führte, dann zum Abitur und Medizin- und Physik-Studium, beruflich schließlich an die Augenklinik in Münster und dem Ruf in die Schweiz. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass die einst kleine Klinik heute mit Standorten im ganzen deutschsprachigen Raum der Schweiz vertreten ist. „Die Augenklinik ist mit 150.000 Patienten und über 60 Ärzten nach Wien und London die größte in Europa“, sagt Heinrich Gerding.

Zusammen mit seinem Vater bastelte der Hauptschüler Heinrich Gerding die Siegerkiste. Haltern am See kam groß heraus!
Zusammen mit seinem Vater bastelte der Hauptschüler Heinrich Gerding die Siegerkiste. Haltern am See kam groß heraus! © Privat © Privat

Der gebürtige Halterner widmete sich zahlreichen Forschungsprojekten und tut es noch heute aus Leidenschaft. Eines seiner Spezialgebiete ist die Erblindung von Frühgeborenen („die aggressivste Erkrankung, die es gibt“). Heinrich Gerding betrieb darüber hinaus erfolgreich die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden und Operationsverfahren, maßgeblich war er zudem an der Erfindung und Entwicklung einer künstlichen Netzhaut für Erblindete beteiligt. Zurzeit arbeitet der Mediziner zum Thema Implantation von Kunstlinsen und ihren Risiken.

Tüfteln, das war immer sein Ding, auch das seines Vaters Heinrich. Zusammen mit ihm stand er Abend für Abend in der Werkstatt, um aerodynamische Rennwagen aus Holz zu bauen. Alles Handarbeit! „Viel Überlegung und Intuition waren vonnöten“, schmunzelt Heinrich Gerding.

Organisator der rasanten Rennen war die KJG St. Sixtus

Die Katholische Junge Gemeinde (KJG) St. Sixtus organisierte damals die Seifenkistenrennen in Haltern vor hunderten von Zuschauern. Auch mit Hilfe vieler Sponsoren, wie beispielsweise der Halterner Zeitung. Die heimischen Piloten waren in ihren selbstgebauten Kisten gut, 1976 stellte Haltern beispielsweise mit Kay Wagner wieder einen deutschen Meister. Das erste Rennen fand 1960 auf dem Annaberg statt. Der erste Sieger hieß Franz Tewes, seine Kiste war auf Kinderwagenrädern unterwegs. Später wechselten die Organisatoren zur Burbrockstraße, dann zur abschüssigen Römerstraße.

Der Deutsche Meister wurde begeistert in Haltern gefeiert. Der Marktplatz war voller Menschen.
Der Deutsche Meister wurde begeistert in Haltern gefeiert. Der Marktplatz war voller Menschen. Helmut Hahn chauffierte Heinrich Gerding in einem geschmückten Admiral durch die Stadt. © Halterner Zeitung © Halterner Zeitung

Die Fahrkarte nach Amerika waren nach der Begegnung mit Fußball-Idol Franz Beckenbauer und Schlagersängerin Gitte Henning während des Meisterschaftsrennens 1970 in Duisburg ein absoluter Traumgewinn. Wer kam zu jener Zeit schon über den großen Teich? Eine 17-tägige Rundreise führte den jungen Halterner durch Amerika, Höhepunkt war das Weltmeisterschaftsrennen in Akron/Ohio. Hier blieb Heinrich Gerding der Siegerkranz zwar verwehrt, aber immerhin gewann er mit seinem Vater den internationalen Konstruktionspreis. Die Halterner Kiste blieb als Museumsstück in den USA. Sie ist heute leider verschollen.

Das Siegertrio beim Halterner Seifenkistenrennen 1970: Heinz Gerding, Michael Täubig und Herbert Schniederjahn.
Das Siegertrio beim Halterner Seifenkistenrennen 1970: Heinz Gerding, Michael Täubig und Herbert Schniederjahn. © Halterner Zeitung © Halterner Zeitung

Aber natürlich sind es die Erinnerungen nicht. Heinrich Gerding plant ein Buch über die Halterner Seifenkisten-Ära, die in den 80er-Jahren in Haltern endete, in Sythen noch kurz wieder auflebte, aber nun tatsächlich ein Teil der Stadtgeschichte ist. Einmal im Jahr aber, bei den Treffen an der Sixtusstraße, ist das abgefahrene Abenteuer so gegenwärtig, als habe die Zeit stillgestanden.

Freizeitvergnügen aus Amerika

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der US-amerikanische Seifenkistensport nach Deutschland. Die ersten großen Rennen fanden 1949 statt. Ausgangspunkt waren die Bemühungen der in Deutschland stationierten US-Truppen, für die Jugend eine Freizeitvergnügung zu schaffen. Über 200 Städte nahmen die Idee auf, 1960 auch Haltern.
  • 1951 gab es erstmals einheitliche Radsätze, die Adam Opel AG wurde Schirmherrin und Schöpferin der Deutschen Meisterschaft.
  • Mit dem Ausstieg der Adam Opel AG 1972 als Sponsor ging die Bedeutung dieses Sports zurück.
  • Noch heute werden Rennen gefahren, zum Beispiel in Nottuln oder Seppenrade. Die Rennstrecken sind in der Regel zwischen 250 und 500 Meter lang und weisen ein leichtes Gefälle auf, so dass von der Beschaffenheit an keiner Stelle eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h erzielt werden kann. Die Fahrzeuge starten von einer Rampe.
Über die Autorin
Redaktion Haltern
Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
Zur Autorenseite
Elisabeth Schrief

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.