Selbstreflexion mit dem Smartphone: So ist es um die Sixtus-Pfarrei bestellt

hzGlaubenswoche

Für die Guten Botschafter war das Zelt eine Experminentierbühne, für die Gremien ein Premierenort. Mit Smartphones bewerteten Halterner ihre Pfarrei. Vieles ist gut, aber längst nicht alles.

Haltern

, 12.09.2019, 14:43 Uhr / Lesedauer: 3 min

Anders als vor einer Kinovorführung hieß es Mittwochabend bei der Glaubenswoche: „Schalten Sie Ihr Smartphone jetzt bitte nicht aus!“ Denn es sollte zum wichtigsten Werkzeug des Abends werden. David Eißler von der Agentur Gute Botschafter, Sohn aus protestantischem Pfarrhaus und seit zwölf Jahren in Haltern tätig, lud die Gäste des Themenabends „Gemeindeland“ ein, spielerisch die Pfarrei zu erkunden. Wofür schlägt das Herz der Pfarreimitglieder, was passiert in St. Sixtus und was wird erwartet. Er sprang kurzfristig für den Sythener Michael David ein, der die Veranstaltung mitverantwortlich entwickelt hatte, aber unvorhergesehen absagen musste.

Selbstreflexion mit dem Smartphone: So ist es um die Sixtus-Pfarrei bestellt

David Eißler (Gute Botschafter) moderierte die Gemeindeland-Expedition. © Elisabeth Schrief

Mithilfe einer App stimmten 59 anwesende Smartphone-Besitzer über den Zustand ihrer Pfarrei ab. Einige wenige füllten per Hand Karten aus. Zu den sechs Kategorien „Menschen - Bedarfe und Ansprüche, Identität, Profilierung, Angebote und Seelsorge, Organisation und Ehrenamt sowie Kommunikation“ galt es, acht Thesen auf einer Skala von eins bis fünf zu bewerten. Die Ergebnisse wurden direkt an die große Leinwand projiziert und waren so für jedermann sichtbar. „Heute ist Premiere unseres neu entwickelten Programms, ein Testlauf sozusagen“, sagte David Eißler zur Besonderheit des Abends.

Freude an Pionierarbeit

Spricht die Pfarrei mit einheitlicher Stimme, sind die leitenden Pfarrer das Gesicht der Gemeinde, beeinflusst die öffentliche Kritik die persönliche Beziehung zur Kirche, nimmt die Pfarrei bewusst Perspektiven anderer Gruppierung ein, ist sie offen für abweichende Meinungen oder bildet sie einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft ab? Diese und viele andere Fragen erforderten zunächst einmal Nachdenken und ein Stück Arbeit. Aber die „Pioniere“ hat sichtlich Freude daran.

Selbstreflexion mit dem Smartphone: So ist es um die Sixtus-Pfarrei bestellt

Per Smartphone stimmten die Gäste des Abends über den Zustand der Pfarrei St. Sixtus ab. © Elisabeth Schrief

Anschließend diskutierten Pfarrer Michael Ostholthoff, Seelsorgeamtsleiter Frank Vormweg vom Bistum Münster und Pfarreirats-Vorsitzende Ruth Gerdes die Ergebnisse. Ein Stuhl blieb frei für spontane Beiträge aus dem Publikum. Tatsächlich „wagten“ sich einzelne auf die Bühne, um ein Statement abzugeben.

„Das ist wie Zeugnisvergabe“, beschrieb Pfarrer Ostholthoff sein Gefühl, mit dem er auf der Bühne Platz nahm. Die Verantwortlichen in St. Sixtus würden versuchen, so Ostholthoff, nah am Optimum zu sein, aber es gebe, das zeige die Befragung, durchaus differenzierte Wahrnehmungen. Ein Defizit sieht er beispielsweise in der Kommunikation: „Wie sollen wir 22.000 Halterner Katholiken erreichen? Wir haben gute Erfahrungen mit der Halterner Zeitung gemacht, aber dennoch ist es nicht möglich, alle zu erreichen.“ Hier gehe es um mehr als nur Bekanntmachungen, hier gehe es auch um Transparenz. „Das ist mir im Sinne der vielen Ehrenamtlichen ein besonders wichtiges Anliegen“, betonte Ruth Gerdes. Und für sie ist Transparenz auch der Grundstein für Veränderungen.

Schneidiges Boot oder träger Tanker?

Veränderungen aber, so findet Michael Ostholthoff, fallen in St. Sixtus nicht leicht. Der Pfarrer verglich seine frühere Münsteraner Studentengemeinde mit St. Sixtus: Die eine sei ein schneidiges Motorboot gewesen, die andere sei ein träger Tanker. Einwand vom heißen Stuhl: „In der Gemeinde gibt es viele Menschen, die auf Veränderungen warten.“ Von Michael Ostholthoff und André Pollmann angestoßenes Neues werden gerne angenommen.

Wenn Gemeinde zukünftig funktionieren wolle, betonte Frank Vormweg, dann reiche eine Glaubensweitergabe über die kirchlichen Vereine nicht mehr aus. „Wer sich für den Glauben interessiert, interessiert sich nicht unbedingt für Vereine“, sagte er. Kirche müsse offen sein, an die Ränder der Gesellschaft gehen, die Sprache der Menschen sprechen und neue Formate entwickeln. Norbert Becker vom Pfarreirat sah, auf dem heißen Stuhl sitzend, gute Ansätze. Die unterschiedlichen Milieus begriff er als Chance für eine rege Diskussionskultur, in der nicht immer hundertprozentiger Konsens herrschen müsse. „Das wäre eine Katastrophe!“

„Gutes Stimmungsbild“

Neu denken und trotzig am Ball bleiben, das sei ein Auftrag aus der aktuellen Befragung, fand Frank Vormweg. Das Bistum habe in diesem Jahr bereits 15.000 Kirchenaustritte registriert. Diese Negativ-Entwicklung bestätigte Pfarrer Ostholthoff auch für Haltern. „Wir stehen vor großen Herausforderungen.“

Die Reaktion auf den Abend Gemeindeland war durchaus positiv. Matthias Heeks, Gemeindeausschuss St. Lambertus: „Aus meiner Sicht wurde ein gutes Stimmungsbild der Pfarrei gezeichnet. Es wurde deutlich, wo Handlungsbedarf besteht, aber es war auch eine Bestätigung für das, was gut läuft.“

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