„Sie müssen Antworten geben“ - Mobbing-Experte nimmt Schulen in die Pflicht

Mobbing

Mit dem Smartphone bekommt Cyber-Mobbing unter Jugendlichen kräftig Nährstoff. Oft werden Täter aber nicht zur Verantwortung gezogen. Experten der LWL-Klinik nehmen Schulen in die Pflicht.

von Ina Fischer

Haltern

, 05.02.2020, 15:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
„Sie müssen Antworten geben“ - Mobbing-Experte nimmt Schulen in die Pflicht

Mobbing ist vor allem bei Jugendlichen von der 6. bis zur 9. Klasse Thema. © picture alliance / dpa

Ist der Mittelfinger der neue Handkuss? Wo bleibt der Respekt in der Gesellschaft? Das fragte jetzt Dr. Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik in der Haard anlässlich des aktuellen, rappelvollen Haard-Dialogs. Das Thema: Mobbing bei Kindern und Jugendlichen.

Und das brennt offenbar vielen Eltern und Lehrkräften unter den Nägeln. Wobei: Mobbing habe es, so Haas, schon immer gegeben. Nur stünden jetzt mit den „social media“ mehr Werkzeuge zur Verfügung. Nun sei nicht gleich jede Ausgrenzung Mobbing.

Wo fängt Mobbing an?

„Kinder probieren sich aus. Sie müssen lernen, sich abzugrenzen“, so Haas. Das sei Teil von Konfliktarbeit und notwendig, um Lösungsstrategien und eine eigene Identität entwickeln zu können. Doch wo hört die Abgrenzung auf, wo fängt Mobbing an?

„Immer da, wo übel beschimpft, verletzt, gespuckt, geschlagen, erpresst oder im Gegenteil jemand völlig ignoriert wird. Immer da, wo gezielt systematische Angriffe über längere Zeiträume gestartet werden. Der Täter macht jemanden nieder, um sich selbst aufzuwerten, um Macht auszuüben oder selbst nicht gemobbt zu werden.“

Vorrangig sei das bei Jugendlichen von der 6. bis zur 9. Klasse der Fall, weil die Suche nach der eigenen Identität in dieser Zeit besonders intensiv sei. Das Problem: Das Opfer kommt allein aus der Situation nicht raus. Und allzu oft kommt der Täter mit seinen Machenschaften durch.

Schulen sind in der Verantwortung

Doch was tun? Haas nimmt Schulen in die Verantwortung: „Schule muss davon ausgehen, dass Mobbing stattfindet. Deshalb muss sie sich entsprechend qualifizieren.“ Doch so einfach ist das nicht, beobachtet Haas Kollege aus Borken, Dr. Christian Zoll, immer wieder in der Praxis. Er erlebe oft die Ohnmacht gerade von Sekundarschulen, insbesondere wenn das Klassen- oder Schulklima schlecht sei. Ein Schulwechsel sei aber selten die erste Option, sagt Haas, weil das Opfer so nicht lerne, eine aktive Rolle einzunehmen und sein Umfeld selbst zu bestimmen.

„Sie müssen Antworten geben“ - Mobbing-Experte nimmt Schulen in die Pflicht

Dr. Rüdiger Haas, Carsten Osterkamp und Dr. Christian Zoll informierten beim Haard-Dialog. © Ina Fischer

Überhaupt: Warum wechselt immer nur das Opfer die Schule, nicht der Täter? Das fragt sich Gastredner Carsten Osterkamp, Antiaggressivitätstrainer der evangelischen Jugendhilfe Münsterland. Auch er nimmt die Schulen in die Pflicht: „Sie haben die fürsorgliche Verantwortung. Das heißt, sie müssen Antworten geben.“ Den Königsweg dafür gibt es nicht, einig sind sich aber alle: Der Betroffene braucht Schutz und muss ernst genommen werden.

Prävention von Mobbing

Zur Prävention von Mobbing eignen sich soziale Trainingskurse mit Coolness-Trainern. Schulen sollten eine klare Haltung gegen Gewalt einnehmen, etwa durch Fortbildungen, Supervision oder No Blame Approach, wo der Täter im Klassenverband in die Verantwortung genommen wird, um das Opfer zu unterstützen und die Situation gerade zu bügeln.

Weitere Infos:

www.no-blame-approach.de

www.klicksafe.de

www.schauhin.info

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