Silbersee - Das Badeparadies in Haltern war früher Standort eines Kriegsgefangenenlagers

hzSilbersee Haltern

Am Silbersee, wo sich heute Badehungrige tummeln, sehnten sich vor etwas mehr als einhundert Jahren Kriegsgefangene nach ihrer Heimat. Besonders ab 1917 war der Hunger ihr Begleiter.

Sythen

, 13.07.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Heute suchen an heißen Sommertagen am Silbersee II mit seinem feinen Sandstrand in Haltern Sonnenhungrige aus der gesamten Abkühlung und Erholung. Vor etwas mehr als einhundert Jahren war vom Badeparadies noch nichts zu ahnen.

Stattdessen führten an gleicher Stelle tausende Kriegsgefangene in einer tristen Landschaft ein Dasein voller Entbehrungen. Im Ersten Wetlkrieg war hier ein Lager für 10.000 Gefangene, überwiegend Franzosen, Belgier, Briten und Russen angelegt worden.

Sie schufteten in Industriebetrieben, beispielsweise in der Sprengstofffabrik Wasag gleich nebenan oder in der Dülmener Eisenhütte und im Bergbau im Ruhrgebiet sowie in der Landwirtschaft. Das Gelände (50 Hektar) hatte der Herzog von Croy zur Verfügung gestellt.

Die Militärverwaltung hatte gezielt Großgrundbesitzer angesprochen und an ihre „vaterländische Pflicht“ erinnert, das Kaiserreich zu unterstützen und abseits liegendes Land herauszurücken.

Am 21. Januar 1915 trafen die ersten Kriegsgefangenen in Sythen ein. Es handelte sich um 150 Franzosen, die bei Verdun in deutsche Gefangenschaft geraten waren. Danach kamen ca. 100 englische Seeleute, die in der Seeschlacht am Skagerrak von den untergegangenen Schiffen gerettet worden waren. Einem Bericht zufolge lieferte die „Möwe“, das Kaperschiff des Grafen Dohna, 375 Gefangene aus den verschiedensten Nationen ins Lager.

Kriegsgefangenenlager

Landschaftsfenster öffnet den Blick in die Vergangenheit

Am 4. September 2019, 100 Jahre nach Aufgabe des Kriegsgefangenenlagers des Ersten Weltkriegs, wird am Silbersee II im Eingangsbereich des Surfbereichs ein „Landschaftsfenster“ zum Gedenken eingeweiht. Die Tafel ist mit einem Erläuterungstext und einem Übersichtsplan des Lagers sowie mit einem QR-Code zur Vermittlung weiterer Informationen ausgestattet. Das Projekt wird von der Masthoff-Stiftung in Haltern, dem Rotary-Club sowie dem Heimatverein Dülmen unterstützt.

Bis zu 9973 Gefangene waren zu Spitzenzeiten auf dem Gelände untergebracht. Sie lebten in 78 Holzbaracken mit den Maßen 10 x 30 Meter. Das Lager bildete eine Stadt für sich. Es gab unter anderem weitere Wirtschaftsgebäude, eine Isolierbaracke, ein Lazarett mit Chirurgie und sogar ein Theater und eine Bücherei.

Im Theater fanden 600 Zuschauer Platz.

Es traten Gefangene auf, die Künstler an der Pariser Oper waren, eine Gruppe Schotten spielte Komödien. Außerdem gab es ein Lager-Orchester.

Silbersee - Das Badeparadies in Haltern war früher Standort eines Kriegsgefangenenlagers

Das Lager verfügte über ein eigenes Theater mit Platz für 600 Zuschauer. Unten ist das Lagerorchester zu sehen. © Archiv Uli Backmann

Neuankömmlinge mussten übrigens die eigene Entlausungsstation durchlaufen, um die anhänglichen Tiere aus den Schützengräben los zu werden.

Es ist der Brief eines englischen Soldaten erhalten, der am 14. April 1918 aufgegeben wurde. Er schildert die Zustände im Lager mit Wohlwollen. („Wir wurden mit Respekt und Achtung behandelt und arbeiten unter ungeheurem Einsatz täglich sehr lange in der medizinischen Versorgung. Die Nahrung war normal und deftig, aber ausreichend und wir erhielten dasselbe wie die Deutschen auch.“)

Gefangene mussten harte Zwangsarbeit leisten

Auch der Umstand, dass die Häftlinge wöchentlich zwei Briefe schreiben durften oder Essenspakete über das Rote Kreuz in Genf von zu Hause empfangen konnten, führte dazu, dass dem Lager von späteren Heimatforschern der Ruf einer Kriegsgefangenenschaft „unter menschlichen Bedingungen“ zugeschrieben wurde.

Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Männer harte Zwangsarbeit leisten mussten, in den Baracken zusammengepfercht wurden und Jahre fern ihrer Familien verbringen mussten.

Theater und Musik dienten auch dazu, das Schicksal zu meistern und seelisch gesund zu bleiben. Sicher aber kann man sagen, dass es den Insassen in ihren Baracken zwischen Sythen und Dülmen besser erging, als vielen Männern an der Front.

Silbersee - Das Badeparadies in Haltern war früher Standort eines Kriegsgefangenenlagers

Im Lager-Theater traten auch professionelle Künstler auf, die als Soldaten in Gefangenschaft geraten waren. Dieses Bild zeigt einen schottischen Schauspieler. © Kriegsgefangenenlager

Die durchschnittliche Lebenserwartung der jungen Soldaten an manchen Frontabschnitten des Ersten Weltkriegs betrug 14 Tage! Da war die Überlebenschance im „Dülmener Lager“, das so genannt wurde, weil die Gefangenen über den Bahnhof Dülmen zugeführt wruden, deutlich größer.

Ein Landsmann unseres englischen Zeitzeugen schilderte seine Zeit im „Dullmen Camp“ allerdings wenig idyllisch: „Wir gingen herum und suchten Kartoffelschalen aus den Mülleimern, um unsere Essensration aufzubessern, denn wir waren völlig ausgehungert und freuten uns über jedes Stückchen Nahrung, das wir finden konnten. Es gab nicht viel in den Mülleimern, aber wir waren froh über das, was wir fanden. Als wir noch in Frankreich mit unserer Truppe kämpften, hatten wir manchmal gehungert. Doch wie in diesem Lager haben wir noch nie gehungert. Wir lernten, was Hunger war.“

Silbersee - Das Badeparadies in Haltern war früher Standort eines Kriegsgefangenenlagers

Dieser Plan des Lagers zeigt, wie die Gebäude angeordnet waren. © Archiv Uli Backmann

Einmal im Monat wurden die Latrinen desinfiziert. Ein englischer Soldat schilderte seine Überraschung beim Nutzen der Bade-Baracke. Die Männer mussten sich mit Sand waschen, „da die Deutschen sehr knapp mit Seife waren.“ Als Handtücher stand gedrehtes Papier zur Verfügung.

Besonders im „Steckrübenwinter“ 1916/17 müssen die Verhältnisse eskaliert sein. Der Hungerwinter mit Temperaturen bis zu minus 22 Grad in Deutschland traf auch die einheimische Bevölkerung. 750 Gefangene im Lager, die meisten russische Staatsbürger, starben und wurden auf der anderen Seite der damaligen Provinzialstraße (heute Münsterstraße) bestattet.

Die Toten des Winters konnten allerdings nicht zügig beerdigt werden, da der Boden bis zu zwei Meter tief gefroren war. Nach dem Krieg überführten die Franzosen und Briten ihre Toten in die Heimat. Auch viele Belgier wurden nach Hause überführt.

Silbersee - Das Badeparadies in Haltern war früher Standort eines Kriegsgefangenenlagers

Die verstorbenen Kriegsgefangenen aus dem Lager zwischen Sythen und Dülmen fanden auf dem Hausdülmener Friedhof ihre letzte Ruhe. © Archiv Dülmener Zeitung

Als der Silbersee III ausgesandet wurde, verlegte man die verbliebenen 602 ausländischen Toten des Ersten Weltkriegs (541 Russen, 44 Rumänen, 2 Belgier und 1 Serbe) auf den „Ehrenfriedhof“ auf dem Hausdülmener Friedhof.

Viele Insassen verbrachten im Lager drei oder sogar vier Jahre. Die letzten russischen Gefangenen verließen es im Juni 1919. Bis zum Frühjahr 1921 diente es als Heimkehrerlager für deutsche Soldaten, die in Kriegsfangenschaft geraten waren.

Verschiedene Autoren haben sich mit der Geschichte des Kriegsgefangenenlagers in der Sythener Geisheide befasst. Am detailliertesten hat sie Gerd Twilfer in den Halterner Jahrbüchern 1992 und 2008 aufgeschrieben.
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