Mit zahlreichen Veranstaltungen ist in Haltern der schrecklichen Ereignisse des 9. Novembers 1938 gedacht worden. Und es wurde gemahnt, die Vergangenheit nicht zu vergessen.

von Jürgen Wolter, Heidemarie Siegel, Ingrid Wielens

Haltern

, 09.11.2018, 16:37 Uhr / Lesedauer: 4 min

Schaufensterpuppen wurden an der Rekumer Straße aus den Geschäften geworfen, Möbel wurden zerstört. In der Pogromnacht, vor genau 80 Jahren, eskalierte der Judenhass auch in Haltern. „Diesmal die Möbel, nächstes Mal ihr“, rufen Nazischergen einer jüdischen Familie in der Nacht des 9. November 1938 zu. In dieser Nacht eskalierte der Judenhass in Deutschland, der im Holocaust und der Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung endete. Geschäfte wurden zerstört, Synagogen brannten. Dieses Datum jährt sich 2018 zum 80. Mal. Aus diesem Anlass hatte die Alexander-Lebenstein-Realschule ein einstündiges Programm zusammengestellt, das im Laufe des Freitags alle Altersstufen durchliefen.

In der Aula hatten Lehrer, der Schulchor und die Waggon-AG zu Lesungen, einem Film, einer Ausstellung und Musik zum Thema eingeladen. „Insgesamt sechs Mal sind Schüler in die Aula eingeladen, um sich alles anzuhören und die Ausstellung anzusehen“, so Schulleiter Frank Cremer.

Das Vertrauen in die Zukunft zerstört

„Das kann doch im beschaulichen Haltern nicht passieren“, denken die Eltern von Alexander Lebenstein, dem Namensgeber der Realschule. Lehrer Dr. Robert Seidel, der das Programm organisiert hatte, las aus Lebensteins Aufzeichnungen. Zum ersten Mal erlebt der jüdische Junge, dass ein Vater, ein mehrfach geehrter Kriegsheld des 1. Weltkrieges, machtlos ist: Die Nazischläger lassen sich von seinen Orden nicht beeidrucken. Lebenstein spürt, dass an diesem Tag etwas zerbricht, dass das Vertrauen in die Zukunft zerstört wird.

Wohin Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass führen, das wurde anhand der Textpassagen und der Interviews von jüdischen Zeitzeugen in dem zu Anfang gezeigten Film deutlich.

So erinnert ganz Haltern an die Pogromnacht vor 80 Jahren

Die Schüler der Waggon-AG hatten eine Austellung zur Pogromnacht zusammengestellt. © Jürgen Wolter

Die Schüler verfolgten die Lesungen mit großer Betroffenheit. Den beklemmenden Schilderungen konnte sich niemand entziehen. Die Angst vor den harten Schritten auf der Treppe, vor den Schlägern, die Mobiliar oder Bücher aus dem Fenster werfen und anzünden, die die Menschen verprügeln und verhaften, wurde spürbar. Beeindruckt vom Programm zeigte sich auch Maria Jeffré, die als Gast in die Realschule gekommen war. „Ich erinnere mich an Schaufensterpuppen, die an der Rekumer Straße aus den Geschäften geworfen wurden, an den festen Händedruck meiner Eltern, in dem ich ihre Angst spürte“, sagte sie. Zum Abschluss sahen sich die Schüler schweigend die Schautafeln einer Ausstellung an, in der die Waggon-AG die Ereignisse der Nacht dokumentiert und erläutert hatten.

Große Kundgebung am Abend auf dem Marktplatz

Am Abend dann waren auf dem Marktplatz vor dem Alten Rathaus mehr als 400 Bürger zusammengekommen. Zur Kundgebung zum Gedenken an die grausamen Geschehnisse der Pogromnacht hatte der Asylkreis Haltern am See unter dem Motto „Für mehr Demokratie, Respekt und Vielfalt“ eingeladen. Werner Bünsow begrüßte die zahlreichen Zuhörer. Die Nacht des 9. November 1938, als Synagogen brannten und Nazi-Schergen die Geschäfte deutscher Juden plünderten, Juden verhafteten, folterten und töteten, sei eine barbarische Nacht gewesen. Bünsow forderte Vielfalt in der Gesellschaft – „vor 80 Jahren begann die Einfalt“, mahnte er.

Ungezählte Sodaritätsbekundungen hatten die Veranstalter erreicht – von Vereinen, Verbänden, Schulen, Chören, Gewerkschaftsgruppen und Parteien. Alle wurden vorgelesen. Auch das Lambertusstift, dessen Bewohner ihre Angst vor einer Wiederholung der Geschichte geäußert hatten.

Ein einziger Alptraum

„Das Pogrom war ein einziger Alptraum für die jüdischen Deutschen, auch bei uns in Haltern“, erklärte Bürgermeister Bodo Klimpel. Und erinnerte an die Familie Lebenstein. Alexander Lebenstein, später Ehrenbürger der Stadt, habe die Gewaltausbrüche als elfjähriger Junge erlebt und das Martyrium im Konzentrationslager überlebt.

So erinnert ganz Haltern an die Pogromnacht vor 80 Jahren

Bürgermeister Bodo Klimpel erinnerte an die Schrecken der Pogromnacht. Gegen die Partei Alternative für Deutschland sparte er nicht mit heftiger Kritik. © Foto:Ingrid Wielens

Gegen das Unrecht des Pogroms hätten sich nur wenige Deutsche erhoben. „Wir wissen aber, was das Gedenken bedeutet. Wir wollen die Vergangenheit sicht- und greifbar machen“, betonte Klimpel. „Gerade für diejenigen, die sie nicht erlebt haben.“

Der Antisemitismus scheine wieder zugenommen zu haben. „Dafür sind auch Teile einer Partei verantwortlich, die angeblich eine Alternative für unser Land sein soll“, meinte der Bürgermeister, der zugleich auf die Gefahr durch Nazis aufmerksam machen wollte. „Sie treten gegenwärtig hemmungslos wie seit Jahren nicht mehr auf, sie präsentieren zum Teil ganz offen ihre Symbole.“

„AfD ist keine Alternative“

Die Demokratie müsse im Kampf gegen Extremisten wehrhaft sein. „Diejenigen, die jetzt das Demonstrationsrecht für sich beanspruchen, um zum Widerstand gegen den Staat aufzurufen, werden als allererstes, wenn sie an der Macht sind, genau dieses Recht abschaffen“, machte er klar. Die AfD sei keine Alternative für Deutschland – „wir wissen, was passieren wird, wenn rechte Spinner an die Macht kommen“.

Michael Ostholthoff, Pfarrer der Gemeinde St. Sixtus, führte auf bedrückende Weise vor Augen, dass unter den Tätern und denen, die damals zugeschaut haben, sehr viele Christen waren. Er verwies auch auf den Wohlstand in der westlichen Welt und forderte, anderen Menschen ebenfalls Glück zuzugestehen. Auch Ostholthoff warnte vor dem Vergessen: „Das Vergessene kommt unerkannt zurück.“

Gemeinsam stimmten Veranstalter und Besucher zum Abschluss zwei Lieder an: „Die Gedanken sind frei“ und „Ode an die Freude“ wurden von dem großen Chor gesungen, verbunden mit dem innigen Wunsch nach Menschlichkeit und Frieden.

Gedenken auf dem Jüdischen Friedhof

Nur wenige Stunden vor der Kundgebung waren gut 40 Menschen der Einladung der SPD gefolgt und hatten sich am Jüdischen Friedhof zum Gedenken an die Pogromnacht eingefunden. SPD-Fraktions- und Parteivorsitzende Beate Pliete erinnerte an die Schrecken des 9. November 1938. Auch in Haltern habe das Verbrechen damals Einzug gehalten.

SPD warnt vor Rechtsextremismus

Rassismus, Ausgrenzung, Intoleranz und die Diskriminierung von Minderheiten seien wieder hoffähig geworden, mahnte Pliete. Es gebe eine Partei, „die das in großem Stil betreibt“.

So erinnert ganz Haltern an die Pogromnacht vor 80 Jahren

Am Jüdischen Friedhof legte SPD-Fraktions- und Parteivorsitzende Beate Pliete einen Kieselstein am Gedenkstein ab. © Foto:Ingrid Wielens

Die Vertreter der AfD verschwiegen allerdings, wohin Rassenwahn Deutschland geführt habe. Pliete: „Umso mehr ist es unsere Aufgabe als Demokraten, an die Schrecken von 1933 bis 1945 zu erinnern.“ Es gebe keine kollektive Schuld, aber eine kollektive Verantwortung. Für die Erinnerung und die Gestaltung der Zukunft. Pliete sprach sich gegen Rechtsextremismus aus. „Wir stehen für Demokratie, Toleranz, Respekt und Miteinander.“

Tröstlich, dass die Musik das letzte Wort behielt

Bereits am Abend zuvor, am Donnerstag, hatten die Evangelische Kirchengemeinde und die Stadtverwaltung Haltern unter dem Titel“ 1938 – eine Nacht im November“ zu einer musikalischen Lesung ins Paul-Gerhard-Haus eingeladen. Es war tröstlich, dass am Ende die Musik quasi das letzte Wort behielt, denn die Auszüge aus dem Roman „Kinderjahre“ des niederländischen Autors Jona Oberski, der darin Deportation und Lageraufenthalt schildert, waren zutiefst verstörend, weil sie konsequent aus der Sicht des Kindes das Grauen beschreiben.

So erinnert ganz Haltern an die Pogromnacht vor 80 Jahren

Die Stolpersteine im Straßenpflaster erinnern an Familien, die verfolgt oder vertrieben wurden. © Foto Erwin Kirschenbaum

Wie Bürgermeister Klimpel bei seiner Einführung feststellte: „Es ist und bleibt schmerzhaft, sich der Erinnerung an diese Zeit zu stellen, es scheint aber angesichts der aktuellen Entwicklungen in Deutschland und anderswo nötiger denn je.“ In jedem Falle war der Leseabend dazu angetan, die Zuhörer mit dem Auftrag in den Abend zu entlassen, wachsam zu sein und sich mit eindeutiger Positionierung jeder beginnenden Verrohung und Kollaboration mit antisemitischen und fremdenfeindlichen Kräften entgegenzustellen.

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