Plastik im Supermarkt, im Tafelsalz, in unserem Körper. Es gibt viele Gründe, auf Plastik zu verzichten. Aber wie weit kann man das Material aus dem Alltag verbannen? Wir haben es versucht.

Haltern

, 18.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ja, Plastik ist schlimm. Das weiß man spätestens, seitdem man das Video der Meeresschildkröte gesehen hat, der Umweltaktivisten unter starken Schmerzen einen Einweg-Strohhalm aus der Nase ziehen. Gefolgt von viel, viel Blut. Im Meer befanden sich im Jahr 2018 fünf riesige zusammenhängende Inseln von Plastikmüll. Die zwischen Kalifornien und Hawaii ist etwa so groß wie der US-Bundesstaat Texas, schätzen Experten. Aber ein wirkliches Gefühl dafür, wie stark wir die Umwelt mit unserem eigenen, kleinen Plastikkonsum belasten, haben wir meist nicht. Eine Woche lang kein neues Einweg-Plastik einkaufen. Klingt im ersten Moment gar nicht so schwer, denke ich. Doch die Tage, die da auf mich zukamen, sollten mich eines Besseren belehren.

Pro Stunde schubsen wir 913 Kleinwagen aus Plastik ins Meer

Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) landen weltweit pro Jahr 8 Millionen Tonnen Plastik im Meer. Das sind 913 Tonnen pro Stunde - alternativ könnte man auch 913 Kleinwagen ins Meer schieben. Maria Fernanda Espinosa, Präsidentin der UN-Generalversammlung, sagte Journalisten Anfang Dezember 2018: „Es wird geschätzt, dass sich im Jahr 2050 mehr Plastik als Fische im Meer befinden wird. Mikroplastik wurde in Tafelsalz und in Frischwasser nachgewiesen. Man geht davon aus, dass jeder Mensch auf diesem Planeten Plastik in seinem Körper hat.“ [Übersetzt aus dem Englischen, Anm. d. Red.]

Nachhaltige Entwicklungsziele (SDGs)

So will die UN die Welt bis 2030 nachhaltiger machen

  • Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) sollen bis 2030 erreicht sein und künftigen Generationen eine nachhaltige Zukunft ermöglichen.
  • Es gibt 17 Ziele, die für alle Länder weltweit gelten. In der Vergangenheit hatten Industrienationen den Fokus fast ausschließlich auf den wirtschaftlichen Fortschritt von Entwicklungsländern gelegt.
  • Ziel Nummer 14 (Schutz der Meere und nachhaltiger Umgang mit marinen Ressourcen) beinhaltet, den Umfang des Mülls im Meer zu reduzieren, so auch Plastik.

Ich vermeide Plastik, wo ich kann. Denke ich zumindest. Ich kaufe keine Einweg-PET-Flaschen. Wenn ich mir in der Stadt einen Kaffee hole, nehme ich meinen lila Thermobecher mit. Zum Einkaufen nehme ich ständig einen Jutebeutel mit. Mein Schrank zuhause quillt schon über mit den Dingern. Und wenn ich sie einmal vergesse und im Supermarkt eine Papier- oder Plastiktüte kaufen muss, überkommt mich das schlechte Gewissen. Mission Plastikfrei einkaufen: Los geht‘s. Eigentlich brauche ich gar nicht so viel. Vielleicht einen Joghurt? Die Kühltheke mit den Milchprodukten ist lang. Und zu gefühlt 98 Prozent in Einwegplastik konserviert. Tortellini? Fallen raus. Aufschnitt? Ebenso. Am Ende greife ich zu einer Glasflasche Milch und einem Glas Joghurt. Beides sind Pfandbehälter, die ich wieder zurückgeben kann. Zwei von gefühlt 400 Produkten, allein in der Frischetheke. Warum gibt es da nicht mehr? Weil Einwegplastik billig ist.

Öl, Gas und Kohle sind die Materialien, aus denen Plastik fast ausschließlich hergestellt wird. Und die kosten in der Regel nicht viel. In Raffinerien fallen Nebenprodukte wie Ethylen und Propylen ab - die zwei wichtigsten Chemikalien zur Herstellung von Plastik. Die Welt reitet auf der Plastikwelle. Mit dem Fracking wird in Europa auch mehr Plastik hergestellt, heißt es in einer Untersuchung des amerikanischen Center for International Environmental Law (CIEL). In den USA, im Mittleren Osten und in China wird kräftig in Plastik investiert. Bis 2025, schätzen die CIEL-Experten, wird die Zahl der produzierten Tonnen von Ethylen und Propylen von insgesamt 290 auf 390 Millionen Tonnen ansteigen. Während die Welt also aufzurüstet, versuche ich, abzurüsten.

So ist es, eine Woche lang auf Einweg-Plastik zu verzichten

Läden wie «Original Unverpackt» in Berlin-Kreuzberg gibt es auch in Bottrop, Münster und Dortmund. © picture alliance/dpa

Ich stehe im Gang mit den Frühstücksprodukten. Das ist fast die einzige Mahlzeit des Tages, die ich zu Hause esse. Bis jetzt. Sogar mein Lieblingsmüsli ist 360 Grad dicht verpackt in - Plastik. Alles, was ich in diesem Moment 360 Grad dicht verpacke, ist Frust. Zwei Millimeter rot-weiße Verpackung trennen mich von meinem Glück. Eine Alternative: aussichtlos. Welche Cornflakes- oder Müslipackung ich auch in die Hand nehme, im Inneren wartet eine Plastiktüte. Gut fürs Aroma, schlecht für mich. Mit meiner Milchflasche und mein Joghurtglas laufe ich zur Kasse. Immerhin: An der Fleischtheke meines Supermarktes hat mir die Verkäuferin gesagt, dass ich hier Aufschnitt auch in Tupperdosen füllen lassen kann. Gut zu wissen für‘s nächste Mal.

Hier kann man in Haltern verpackungsfrei einkaufen

„Bei uns geht es noch nicht“, sagt Dennis Jeub, Leiter des Rewe-Marktes an der Weseler Straße. Aber das Unternehmen habe vor einiger Zeit den Verkauf von Plastiktüten abgeschafft. Dort gibt es jetzt etwa wiederverwendbare Beutel zu kaufen. „Wir sind grundsätzlich dafür, weniger Plastik zu produzieren. Aber wenn wir das Benutzen von Tupperware einführen, dann muss es flächendeckend sein.“ Dafür geht es aber auf dem Halterner Wochenmarkt: Hier ist das Einkaufen mit Tupperware an allen Fleisch- und Käseständen möglich. Ebenso in der Fleischerei Ridderskamp und Hahn an der Rekumer Straße und bei Redlich sowie bei Fisch-Feinkost Bredeek.

Wer hier seine Tupperdosen zückt, der wird gebeten, sie auf die Theke zu stellen. Die Ware wird dann abgewogen und in die Tupperbehälter gefüllt. So empfiehlt es auch die Verbraucherzentrale NRW. Einen rechtlichen Anspruch darauf haben die Kunden allerdings nicht. „70 Prozent der Kunden wollen keine Plastiktüte mehr“, sagt Dirk Düpmann, Inhaber des Geflügel-, Lamm- und Wildspezialitätenstandes auf dem Halterner Wochenmarkt. Alternativ empfiehlt Mischa Gerhards, Inhaber von Kürtens Bergkäse auf dem Halterner Wochenmarkt, bei Käse auf ein mit Wachs beschichtetes Leinentuch zu setzen. Das halte den Käse genauso frisch wie das Käsepapier.

Einen Unverpackt-Laden, wie es ihn etwa in Münster, Bottrop oder Dortmund gibt, den gibt es in Haltern noch nicht. Das Prinzip: Kunden bringen ihre eigenen Behälter mit, füllen sie im Laden an Gläsern und Spendern mit Müsli, Mehl, Reis, Nudeln, Öl und Essig auf und gehen zur Kasse.

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Wenn es in Haltern einen Unverpackt-Laden gäbe, würdet ihr dort regelmäßig einkaufen?

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Noch ein Brot in Papier vom Bäcker und das Frühstück ist (butterlos) gesichert. Aber wie steht es mit dem Mittagessen? Da soll es schnell gehen. Nach der Arbeit fehlt mir oft die Muße, ausgiebig zu kochen und mein Mittagessen vorzubereiten. Also muss ich in die Stadt. Döner? Ginge theroretisch, aber ob die Aluminiumfolie meine Umweltbilanz verbessert, bezweifele ich. Italienisch? Aluminiumschale und Deckel. Am Ende wird es eine Pizza. Im Pappkarton. Keine wirkliche Lösung meines Plastikproblems. Und das hört hier nicht auf.

In meinem Bad stehen 45 Produkte, eingepackt in Plastik

Plastik im Lebensmittelbereich ist das eine. Das andere ist das, was sich im Badezimmer befindet. Shampoo, Duschgel, Wattestäbchen, Badezimmer-Reiniger, Kontaktlinsenflüssigkeit, Make-Up-Entferner, Body Lotion. Wenn ich vor meinem Waschbecken stehe, sehe ich auf den ersten Blick 45 Kosmetikprodukte, die in irgendeine Art von Plastik eingepackt sind. 45 auf dieser Seite des Bades.

Tipps und Tricks

So können wir Plastik vermeiden

Die Organisation Plastic Oceans rät Verbrauchern zu Folgendem:
  • Auf Plastikstrohalme verzichten (täglich werden über 550 Millionen Tonnen davon weggeschmissen)
  • Auf wiederverwendbare Flaschen setzen (jährlich werden über 500 Milliarden Plastikflaschen benutzt)
  • Auf wiederverwendbare Beutel und Taschen achten (bis zu einer Billion Plastikbeutel gehen jährlich weltweit in den Müll)
  • Stoffwindeln statt Wegwerfwindeln (Müll pro Jahr in den USA: 27,4 Milliarden Windeln)
  • Keine Wegwerf-Rasierer (Müll pro Jahr: Über 2 Milliarden Tonnen)
  • Auf Kaugummi verzichten (Müll jährlich: Über 100.000 Tonnen)
  • 300.000 Plastikkugeln befinden sich in einer Tube Gesichtsreinigungskosmetik.
  • Bambus- statt Plastikzahnbürsten (Müll pro Jahr in den USA: 1 Milliarde Tonnen)

300.000 Plastikkügelchen, schätzt die US-Organisation Plastic Oceans, befinden sich in einer Tube Gesichtsreinigungskosmetik. Dann wohl auch in der, die ich jeden Tag in die Hand nehme. Immerhin: Zum Abschminken habe ich ein etwa 20 mal 20 Zentimeter großes Mikrofaser-Tuch, das ich in die Waschmaschine tun kann. Zum Abschminken brauche ich es nur unter warmes Wasser zu halten. Und das funktioniert erstaunlich gut. Ein US-Hersteller verspricht von seinem Tuch, dass es drei bis fünf Jahre lang benutzt werden kann.

Mein Fazit: Auch wenn ich in dieser Woche kein neues Plastik eingekauft habe, habe ich trotzdem etwa einen Viertel gelben Sack mit Plastikmüll produziert. Darunter einen alten Joghurtbecher, eine Tiefkühlgemüse-Verpackung sowie Duschgel- und Wattepad-Verpackungen. Dinge, die ich noch im Haus hatte.

Ja, ich bin froh, dass die Woche vorbei ist. Jetzt muss ich keinen Bogen mehr um das Regal mit meinem Lieblingsmüsli machen. Aber ich glaube, dass es mit ein bisschen Umweltbewusstsein möglich ist, viel Einweg-Plastik aus seinem Leben zu verbannen. Und noch mehr, wenn uns Kosmetik- und Lebensmittelhersteller noch etwas mehr entgegenkommen. Ich werde es auf jeden Fall weiterhin versuchen. Und mir in der kommenden Woche mal einen Unverpackt-Laden in Münster anschauen. Ein Glas Joghurt und eine Glasflasche Milch stehen schon auf dem Einkaufszettel an meinem Kühlschrank.

  • Der Rat der Europäischen Union und das Europäische Parlament haben sich darauf geeinigt, dass diverse Einweg-Plastikartikel künftig nicht mehr in der EU verkauft werden dürfen.
  • Dazu gehören Plastikbesteck, Plastikteller, Plastikstrohhalme, Essensboxen, Getränkebehälter und Becher aus Polystyrol sowie Wattestäbchen.
  • Ab 2025 sollen PET-Flaschen zu 25 Prozent aus recyceltem Plastik bestehen.
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