Überleben nur 30 Prozent der Geschäfte die Folgen des Online-Handels, wie ein Wirtschaftsprofessor prophezeit? Das glauben die Kaufleute nicht, auch wenn sie noch viel kreativer sein müssen.

Haltern

, 26.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Inhabergeführte Geschäfte wie „Bilkenroth Schenken & Genießen“ machen den Reiz Halterns als Einkaufsstadt aus. Klaus Bilkenroth (33) hat das Geschäft an der Merschstraße 2013 von seinem Vater Horst übernommen, er führt es mittlerweile in der vierten Generation: Nicht, weil er unbedingt eine Tradition fortsetzen wollte, sondern sehr wohl überlegt, weil der studierte Kaufmann Freude daran hat. „Viele Städte ringsum resignieren, dazu hat Haltern keinen Anlass“, findet der 33-Jährige. Die Geschäftswelt stelle sich gut und breit auf und biete im Vergleich zum Online-Handel großen Mehrwert, weil die Kunden ihre Zeit beim Einkaufsbummel mit Genuss und Erlebnissen verbinden können. Und das tun sie in Haltern“, stellt Klaus Bilkenroth fest. Er beobachtet ebenso, dass die Menschen mittlerweile gerne regional Urlaub machen und regional kaufen. Und hier könne Haltern als Touristenstadt mit den familiär geführten Geschäften und einer mannigfaltigen Erlebniswelt ringsum punkten.

Täglich neu betrachten

Doch Klaus Bilkenroth weiß auch, dass Selbstständigkeit selbst und ständig bedeutet: „Die Frage, wie wir uns verändern sollten, müssen wir täglich neu betrachten.“ Das Einkaufserlebnis müsse immer passen. „Mit dem Online-Handel können wir nicht konkurrieren, dafür aber lade ich meine Kunden ein, meine Angebote zu riechen und zu schmecken. Und außerdem können wir auf veränderten Geschmack viel schneller reagieren als der Online-Handel.“ Klaus Bilkenroth und seine Frau Hannah bieten mit ihrem Team Wein, Spirituosen, Feinkostartikel und Tabakprodukte sowie Veranstaltungen und Tastings an. „Wir lieben, was wir tun“, sagen sie.

Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, gerade Haltern zeichne sich mehr als anderswo in der Emscher-Lippe-Region durch qualitativ hochwertige Geschäfte aus, findet Jens von Lengerke, Abteilungsleiter für die Bereiche Handel und Dienstleistungen in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen. Das bewies die letzte Passantenfrequenz-Zählung 2018. Als Mittelzentrum landete Haltern im oberen Mittelfeld. „Das kann sich sehen lassen“, findet Jens von Lengerke. Er sehe noch Luft nach oben, um weitere Kaufkraft in Haltern zu binden. Wie Klaus Bilkenroth ist er der Ansicht, dass die Ausflugziele als Alleinstellungsmerkmal helfen. „Das Problem ist natürlich, zumindest einen Teil der Besucher auch in die Innenstadt zu lenken.“ Sein Eindruck sei jedoch, dass alle Kaufleute daran arbeiten.

Alleinstellungsmerkmale für Haltern ist die Vielzahl an Ausflugszielen wie das LWL-Römermuseum. Das Problem ist, zumindest einen Teil der Besucher auch in die Innenstadt zu lenken.

Alleinstellungsmerkmale für Haltern ist die Vielzahl an Ausflugszielen wie das LWL-Römermuseum. Das Problem ist, zumindest einen Teil der Besucher auch in die Innenstadt zu lenken. © Marcel Witte

Professor Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, hatte beim Wirtschaftsgespräch im November Haltern Bewegung angeraten: „Die weltwirschaftlichen, demografischen und vor allem technologischen Veränderungen erzeugen auf regionaler Ebene erheblichen Anpassungsdruck.“ Es komme nun darauf an, die notwendigen strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, als Region und Standort auch in Zukunft erfolgreich zu sein. „Aber regionalen Strukturwandel gilt es rechtzeitig anzugehen, um Wertschöpfung am Standort zu halten. Jeder Versuch, alte Strukturen einfach nur in die Zukunft zu verlängern, ist untauglich, den Wirtschaftsstandort auf die Zukunft vorzubereiten.“ Er sagt sogar voraus, dass in Haltern nur ein Restbestand des Einzelhandels von 20 bis 30 Prozent überleben werde.

Strategische Lösung

Das glaubt Christoph Kleinefeld, Geschäftsführer der Werbegemeinschaft, allerdings nicht. „Anders als Herr Völpel stellen wir die Zukunft des Handels nicht in Frage. Wir fragen vielmehr, wie sieht der Handel der Zukunft aus?“, sagt er in einem Gespräch mit der Halterner Zeitung. Mit der eigenen Initiative „Haltern 2020“ habe die Werbegemeinschaft 2015 versucht, ihre Mitglieder für eine gemeinsame strategische Lösung zu begeistern. „Frustriert mussten wir jedoch feststellen, dass es diese gemeinsame Strategie mit unseren eigenen Mitteln nicht einfach gibt. Die Bedürfnisse und die Bereitschaft der einzelnen Branchen, verschiedener Inhaber und Filialisten sind wenig homogen“, stellt er nüchtern fest.

Christoph Kleinefeld sieht die Aufgabe der Werbegemeinschaft Haltern nun vor allem darin, Unternehmen zusammenzubringen und Stadtmarketing auf breite Schultern zu verteilen. Ein gutes Beispiel sei die Schlittschuhbahn gewesen. Ohne Investition der Stadtwerke hätte es diese Bahn nicht gegeben. „Richtig ist aber auch, dass die benötigten Mittel für die Bandenwerbung durch unsere Leidenschaft für das Projekt und von unseren Mitgliedern und durch unsere Kontakte zusammenkamen.“ Storytelling nennt man das. Markus Lübbering von der IHK Nord Westfalen in Gelsenkirchen findet, Einzelhändler sollten künftig verstärkt auf dieses Storytelling als effektives Mittel bei der Kundengewinnung setzen.

Gegenbewegung

Da spricht er dem neuen Verein „Haltern tut gut“, ein Zusammenschluss von Gewerbetreibenden, aus der Seele. „Henning Völpel hat sicherlich Recht gehabt: Unternehmen in der heutigen Struktur wird es in Zukunft kaum noch geben“, ist Peter Heckmann (Modehaus Heckmann) überzeugt. Aber zu jeder Bewegung gebe es auch immer eine Gegenbewegung. „Und an eine solche Gegenbewegung, an ein anderes Zukunftsbild für unsere Stadt glaube ich“, betont Peter Heckmann, zweiter Vorsitzender des Vereins und Halterns Unternehmer des Jahres 2018. Seine Stadt möchte er „verkaufen“ als Erlebniswelt mit einem Gefühl wie im Urlaub. „Wir müssen gemeinsam ein Konzept entwickeln, um unsere liebevolle Stadt lebendig zu halten.“

Haltern ist eine beliebte Einkaufsstadt. Die IHK sagt, dass Gastronomie und die Vermittlung von Erlebnissen künftig eine wachsende Rolle für eine Innenstadt spielen, denn im Internet könne man keinen Kaffee zusammen trinken.

Haltern ist eine beliebte Einkaufsstadt. Die IHK sagt, dass Gastronomie und die Vermittlung von Erlebnissen künftig eine wachsende Rolle für eine Innenstadt spielen, denn im Internet könne man keinen Kaffee zusammen trinken. © Benjamin Glöckner

Jens von Lengerke (IHK) ist da ganz bei ihm. Die Aufenthaltsatmosphäre in der Innenstadt werde immer wichtiger und auch die besonderen Anlässe, um mit der ganzen Familie in die Stadt zu gehen. „Sie brauchen also eine eng abgestimmte Zusammenarbeit von Handel, Gastronomie und Stadtmarketing.“ Dafür dürfe es allerdings keine Ansiedlungen im Außenbereich geben, der Einzelhandel müsse sich im Zentrum konzentrieren.

Und dann braucht ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort zuallererst Unternehmen, die wie Leuchttürme in der Brandung Orientierung, Wegweisung und Sicherheit bieten, findet Christoph Kleinefeld. „Davon haben wir in Haltern sehr viele: Fisch, Backwaren, Möbel, Bekleidung, Gastronomie, Buchhandlung, Optik, Hör-Akustik, Zweirade und anderes mehr.“ Kleinefeld spricht von tollen Investitionen in Ladenkonzepte, in Strategien und Innenstadt-Immobilien. „Aber jedes Unternehmen muss für sich einschätzen, wieviel Online, welches mobile Bezahlen, welchen Service es in Zukunft benötigen wird.“

Von allein abwärts

Wichtig ist, dass der inhabergeführte Facheinzelhandel gepflegt wird. Daran sollten Immobilienbesitzer und Betreiber gemeinsam arbeiten. Dazu ruft die IHK auf. Denn abwärts gehe es von ganz alleine. Aus Untersuchungen in anderen Städten wisse die Kammer, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Unternehmen überhaupt nicht im Internet präsent seien. Heute aber sollte jeder Unternehmer seine Onlinepräsenz stärken und bei den Internetsuchmaschinen auffindbar sein. „Das sind die Knackpunkte, um Zukunft zu gestalten“, findet Jens von Lengerke.

Die Ansprüche der Kunden und auch die der Geschäftsleute werden immer höher, beobachtet Christoph Kleinefeld. Doch hier sieht er im Gegensatz zu anonymen Einkäufen im Shopping-Center, in der Großstadt oder im Internet klare Vorteile: „Einkauf ist zuerst eine Mensch-zu-Mensch-Begegnung. Es beginnt mit der herzlichen Begrüßung im Geschäft und wirkt über den Abschied hinaus. Wenn dann die Produkte und das Sortiment noch stimmen, hat man alles richtig gemacht.“

Klaus Bilkenroth und sein Team leben diese Philosophie. Er glaubt an den Standort Haltern: „Wenn wir so vielfältig bleiben wie jetzt und den Tourismus in unsere unternehmerischen Überlegungen einbeziehen, dann sehe ich für Haltern keineswegs schwarz!“

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