Ein älterer Mann sitzt auf einer Parkbank (Symbolbild). Einsamkeit ist bei hochaltrigen Menschen ein großes Thema, wie Sozialpädagogin Ulrike Steck-Drescher weiß. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Interview Teil 2

Sozialpädagogin: „Vertrauen aufzubauen, dauert oft Monate und Jahre“

Zahlreiche hochaltrige Menschen gelten als chronisch einsam - unabhängig von Corona. Es ist ein sensibles Thema, über das wir nun mit Ulrike Steck-Drescher von der Diakonie gesprochen haben.

Die Sozialpädagogin arbeitet seit 1991 für das Diakonische Werk im Kirchenkreis Recklinghausen und beschäftigt sich seit mittlerweile sechs Jahren als Wohnberaterin in Haltern am See vorwiegend mit älteren Menschen, die alleine zu Hause leben.

Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt die 62-jährige Diplom-Sozialarbeiterin, warum beim Thema Einsamkeit jeder einzelne Mensch seinen Blick weiten sollte.

Ulrike Steck-Drescher ist für die Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen tätig.
Ulrike Steck-Drescher ist für die Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen tätig. © privat © privat

Frau Steck-Drescher, als Wohnberaterin haben Sie vorwiegend mit älteren Menschen zu tun, die alleine zu Hause leben. Wie kann man das Wohnen im Alter sinnvoll gestalten?

Barrierefreiheit ist sicher ein wichtiges Thema. Doch einige Menschen bleiben auch in für ihr Alter unpassenden Wohnungen, weil sie die Nachbarn gut kennen und die Geschäfte, Apotheken oder Ärzte fußläufig zu erreichen sind. Eine Ratsuchende wohnte im zweiten Stock, kam aber kaum noch aus dem Haus, weil ihr das Treppensteigen schwer fiel. Sie hatte engen Kontakt zu den anderen Mieterinnen, die im selben Lebensalter waren. Man besuchte sich, kochte füreinander und passte aufeinander auf. Ob dies nach einem Umzug auch wieder so geworden wäre, konnte niemand vorhersagen, weshalb sie lieber in ihrer Wohnung blieb. Der andere Einwand war, dass sie wenig Geld hatte und es einfache und für sie erschwingliche barrierefreien Wohnungen kaum gäbe.

Das Zuhause zu verlassen, in dem man seine ganzen Lebenserinnerungen vor Augen hat, ist aber sicher auch für ältere Ehepaare ein schwerer Schritt…

Richtig. So ein Schritt wird nur dann getan, wenn die Aussicht auf ein leichteres und angenehmeres Leben gemeinsam mit freundlichen Menschen besteht. Hier sind die genossenschaftlichen Wohn-Projekte positiv zu erwähnen, bei denen es möglich ist, zumindest einige der Bewohnerinnen schon im Vorfeld kennenzulernen im Rahmen eines geselligen Nachmittags, der in solchen Projekten regelmäßig stattfindet. So kam man Ängste abbauen und gute Tipps für den Umzug bekommen. Für Menschen, die ihr Haus verkaufen, ist es möglich, diese meist hochpreisigen Angebote zu nutzen. Auch hier bleibt die Frage, welche derartigen Angebote gibt es für Menschen mit eingeschränktem finanziellen Spielraum?

Wie kann man etwas tun gegen Einsamkeit?

Beim Thema Einsamkeit ist jeder einzelne Mensch gefragt, seinen Blick zu weiten, mal ein Gespräch zu beginnen, sich nicht vom ersten missglückten Versuch abschrecken zu lassen, mal wieder einen Bekannten anzurufen, von dem man lange nichts mehr gehört hat. Verwitwete Menschen nicht aus den Augen verlieren und mal zum geselligen Treffpunkt einzuladen und persönlich abzuholen, damit der erste Schritt erleichtert wird. Die Verbände, Kirchengemeinden, Vereine, Gruppen müssen ihre Angebote immer wieder anpassen und so veröffentlichen, dass jede Bürgerin davon erfahren kann. Je hochbetagter Menschen sind, desto geringer ist der Bewegungsradius, desto eher sind körperliche Einschränkungen vorhanden.

Dementsprechend müssen Angebote wohnortnah sein…

Ja und möglichst tagsüber im Hellen stattfinden, kostengünstig sein oder Vergünstigungen anbieten, nicht nur auf alte Menschen beschränkt, sondern gesellige Zusammenkünfte sein für Jung und Alt. Ein Quartier so zu gestalten, dass Menschen sich treffen können, indem man Bänke mit Tischen an belebten Plätzen aufstellt (eine Thermoskanne kann man sich mitbringen), einen zentralen Treffpunkt im Quartier gestaltet, wo es günstig eine Tasse Kaffee gibt und man ins Gespräch kommt. Mit einer Kinderspielecke mögen auch Alleinerziehende diesen Treffpunkt nutzen, sodass wir generationenübergreifend Geselligkeit erleben können. Wichtig ist bei einem solchen Treffpunkt ein empathischer ehrenamtlich tätiger Mensch, der im Treffpunkt Ansprechpartner ist.

Das sind die Ziele des Netzwerkes „Zuhause leben im Alter“:

  • Individuelle Unterstützung von hilfe- und pflegebedürftigen älteren Menschen, um möglichst lange zu Hause leben zu können.
  • Organisation von Möglichkeiten, um aktiv am gesellschaftlichen Leben vor Ort teilzunehmen.
  • Ratsuchenden Menschen die Hilfen zu vermitteln, die sie im Augenblick am dringendsten benötigen.
  • Neue Ehrenamtliche für das Netzwerk zu gewinnen, zu schulen und in der laufenden Arbeit zu begleiten.
  • Die grundlegende Zielsetzung besteht in der Vermeidung einer Heimaufnahme.

Warum ist das so wichtig?

Er ist quasi die gute Seele, die zuhört, Vorschläge macht, vermittelt, dabei unterstützt, Kontakte zu knüpfen – wenn nötig und gewünscht. Es gibt viele Akteure, die sich gegen Einsamkeit engagieren. Wichtig ist, dass diese sich vernetzen. Gemeinsam schauen, welche Angebote gibt es überhaupt schon, welche anderen brauchen wir? Wie erreichen wir diejenigen Menschen, die vereinsamt sind und den Schritt auf andere zu nicht mehr schaffen? Wer kümmert sich darum, Vertrauen zu diesen Menschen aufzubauen, um dann zu anderen Menschen oder Gruppen überleiten zu können?

In der Praxis vermutlich mit einige Hürden verbunden…

Ja, Vertrauen aufzubauen, dauert oft Monate und Jahre. Eine federführende Gerontologin der Stadt Marburg berichtete davon, dass Menschen erst zwei Jahre, nachdem sie vom städtischen Besuchsdienst gehört hatten, der dafür sorgen soll, das subjektive Wohlbefinden der einsamen Menschen zu fördern, anriefen und um einen solchen Besuch gebeten hatten. Sie hatten vorher in der Presse verfolgt, wie sich das Projekt entwickelt und sich dann erst getraut, anzurufen. Danach hat es dann wieder Monate gedauert, bis man sich traute, ein angebotenes Gruppenangebot wahrzunehmen. Diese Fragen können nur in einem Netzwerk beantwortet werden.

Wer kümmert sich um solche Angebote?

In manchen Städten kümmern sich die Kommunen darum, ein solches Netz zu initiieren. In anderen Städten sind es die Seniorenbeiräte oder Wohlfahrtsverbände. In Haltern wird bald das Seniorennetzwerk wieder tagen, ein Runder Tisch, der von Jürgen Chmielek ins Leben gerufen worden ist, dem jetzigen Vorsitzenden des Seniorenbeirats. Hier sind die Wohlfahrtsverbände, die Kirchen, die Polizei, die Ärzteschaft, die Stadtverwaltung, die Bürgerstiftung, der Sportverband, der sozialpsychiatrische Dienst, das Johanniswerk und andere vertreten. Ein Ziel des Seniorennetzwerkes ist es, einer Vereinsamung entgegenzuwirken und Hilfe in allen Belangen zu leisten. Manchen reicht ein Besuch am Telefon, der andere möchte den persönlichen Besuchskontakt und der nächste möchte gerne in großer Runde am Leben teilnehmen.

Das Angebot der Wohnberatung gibt es in jeder kreisangehörigen Stadt und wird neben dem Diakonischen Werk von der Caritas, der AWO, der Lebenshilfe und der Stadt Recklinghausen angeboten. Gemeinsam mit psycho-sozialen Beratungs- und Betreuungsangeboten, die alle vom Kreis gefördert werden, ist es Bestandteil des Netzwerks „Zuhause leben im Alter“.

Über den Autor
Redaktion Haltern
1982 in Haltern geboren. Nach Stationen beim NRW-Lokalfunk, beim Regionalfernsehen und bei der BILD-Zeitung Westfalen 2010 das Studium im Bereich Journalismus & PR an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen erfolgreich beendet. Sportlich eher schwarz-gelb als blau-weiß orientiert. Waschechter Lokalpatriot und leidenschaftlicher Angler. Motto: Eine demokratische Öffentlichkeit braucht guten Journalismus.
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Daniel Winkelkotte
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