Die Stadt Haltern zur Großstadtfassade in Sythen: „Die Entscheidung war keine Willkür“

hzBetreutes Wohnen in Sythen

Beim Treffen mit den Anwohnern des Betreuten Wohnens in Sythen blieb die Atmosphäre sachlich. Trotzdem wurde deutlich, wie maßlos enttäuscht die Betroffenen von der Stadt sind.

Haltern

, 10.01.2020, 18:19 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Vorwurf seitens der Nachbarn des Betreuten Wohnens in Sythen, die Verwaltung habe durch ihre Entscheidungen die Interessen des Investors in den Vordergrund gestellt, stehen auch nach einem Austausch mit einigen Anwohnern im Raum. Am Freitagnachmittag waren neun Anwohner der Einladung der Verwaltung zu einem Gespräch gefolgt.

Die Atmosphäre blieb sachlich. Ihrer Empörung machten die Bürger allenfalls verhalten Luft. Neben Vertretern aller Ratsfraktionen nahmen an der Veranstaltung auch Thomas Poley für den Investor TSC Real Estate und Stefan Bach für das Architekturbüro Prenger teil. Etwas verspätet stieß auch Bürgermeister Bodo Klimpel zu dem Treffen.

Bürgermeister wiederholt seine Entschuldigung

Im Vorfeld hatte er sich wegen eines anderen dienstlichen Termins abgemeldet. Er wiederholte seine Entschuldigung an die Anwohner und bedauerte das Vorgehen der Verwaltung.

Zuvor hatte Baudezernent Siegfried Schweigmann allerdings dargelegt, dass die Stadt davon überzeugt ist, rechtmäßig gehandelt zu haben. So sei in der Rückschau zwar die Kommunikation der Stadt ein Fehler gewesen, denn über die Genehmigung der heutigen Verbindungstrakte sei weder mit der Politik noch mit den Anwohnern gesprochen worden.

Rein rechtlich und aus städtebaulicher Sicht aber sei die Entscheidung vertretbar gewesen, so Schweigmann. Die Nachbarn mögen die entstandene Wohnsituation im Elterbreischlag, mittlerweile wird von einem Wohnkomplex mit über 100 Meter langer Fassade am Eltritt gesprochen, nun für unzumutbar halten. Dies sei aber eine individuelle Empfindung, die rechtlich keine Rolle spiele.

Schweigmann: „Das Kind ist in den Brunnen gefallen“

Der Baudezernent machte den Betroffenen keine Hoffnung, dass sich an der aktuellen Lage noch etwas ändern könnte. „Das Kind ist in den Brunnen gefallen“, sagte Schweigmann. Der Baukörper werde nicht mehr angetastet. Kein Bagger werde mehr anrücken, um das entstandene Bild zu korrigieren.

„Ich persönlich wäre auch sauer, wenn ich Anwohner des Wohnkomplexes wäre“, gestand Klimpel. Er machte den Bürgern das Angebot, den Prüfbericht der Kreisverwaltung zur Verfügung zu stellen, die das Verwaltungshandeln unter die Lupe nehmen soll. Einige erwägen, die Sachlage juristisch prüfen zu lassen.

Warum die Verwaltung die Gehmigung erteilte, den Investor von Festsetzungen im Bebauungsplan zu befreien, konnte sie nicht befriedigend erklären. Es sei keine Willkür, sondern eine Ermessensfrage gewesen, erläuterte Schweigmann.

Stadt findet, die Veränderungen sind zumutbar

Die Stadt beruft sich darauf, dass die Grundzüge der Planung (Altenheim, seniorengerechtes Wohnen und Einfamilienhäuser) nicht verändert wurden. Außerdem sei die offene Bauweise (fünf Einzelhäuser) nicht Grundzug der Planung gewesen. Bei der Würdigung der nachbarlichen Belange sei man eben zu dem Schluss gekommen, dass die Veränderungen zumutbar seien.

Aus dem Plenum kam der Einwand, dass sich das massive Gebäude in keiner Weise in das Wohnumfeld einfüge und die Stadt auch anders hätte entscheiden können.

In diesem Zusammenhang betonte Siegfried Schweigmann, dass die wirtschaftlichen Interessen der TSC Real Estate zwar legitim seien, bei der Entscheidung der Stadt aber keine Rolle gespielt hätten.

Zu wenig Zeit für eine alternative Lösung

Thomas Poley ließ für sein Unternehmen wissen, dass man zu wenig Zeit investiert habe, um über alternative Lösungsmöglichkeiten nachzudenken. Durch die Bauverzögerung für den Wohnkomplex sei erheblicher Zeitdruck entstanden. Man habe das Projekt von der Alloheim GmbH erworben und anschließend „draufgesattelt“. Ursprünglich waren 30 Wohnungen geplant. Jetzt werden 35 verwirklicht.

Er ließ auch die Katze aus dem Sack, dass die blickdichten Übergänge zwischen den Häusern (ursprünglich sollten sie in Glas errichtet werden, um einen durchlässigen Charakter zu erhalten) aus Kostengründen verwirklicht wurden.

In einer ersten Stellungnahme hatte die TSC noch brandtechnische Gründe für den Materialwechsel vorgeschoben. „Die Baukosten haben sich aktuell drastisch verteuert“, erklärte Poley. Um einen Mietpreis von unter 12 Euro halten zu können, sei die Entscheidung für einen günstigeren Baustoff erforderlich gewesen.

Trotz der unschönen Situation für die Anwohner erfreue sich das Projekt in Sythen einer guten Nachfrage.

Ein Anwohner zieht resigniert Bilanz

Thomas Poley kündigte an, dass TSC nun alles tun werde, um das Wohnumfeld für die Nachbarn „so angenehm wie möglich zu machen“. Als einziger Akt der Mitbestimmung blieb diesen am Freitag, über die Farbgebung der Treppenhäuser und das Grünkonzept zu entscheiden.

Resigniert zog einer der Anwohner Bilanz: Die ursprünglich soziale Idee vom Wohnen alter Menschen in einem jungen, lebendigen Wohngebiet sei völlig in den Hintergrund geraten. Stattdessen spielten wirtschaftliche Interessen die Hauptrolle . „Meine wirtschaftlichen Interessen haben sie dabei aber nicht berücksichtigt“, machte er deutlich, dass der Wert der privaten Grundstücke und Häuser in direkter Nachbarschaft des Betreuten Wohnens vermutlich gesunken ist.

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