Stromausfall in Haltern: Wie das Wasserwerk im Notfall reagiert

Wasserwerk Haltern

Das Wasserwerk funktioniert nicht ohne Strom. Damit ein Stromausfall nicht die Stadt lahmlegt, wird vorgesorgt - mit einem Notfallplan im Fall eines Blackouts - zum Beispiel bei einem Sturm.

Haltern

10.02.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Stromausfall in Haltern: Wie das Wasserwerk im Notfall reagiert

Betriebsleiter Michael Schorr (l.) probt mit seinen Mitarbeitern den Ernstfall - einen Stromausfall, der das Wasserwerk lahmlegt. © Gelsenwasser

Stromnetze gehören zu den „kritischen Infrastrukturen“. Alle wichtigen Lebensbereiche sind vom Strom abhängig. Auch die Wasserversorgung.

Einmal pro Jahr wird im Halterner Wasserwerk der Blackout simuliert. Was passiert, wenn der Strom flächendeckend ausfällt? Um im Notfall schnell reagieren zu können, proben die Mitarbeiter des Halterner Wasserwerks einmal im Jahr den Ernstfall. Dafür gibt es einen detaillierten Ablaufplan. „Mit der regelmäßigen Übung stellen wir sicher, dass alle Mitarbeiter die Abläufe kennen. Wir wissen, ob unsere Technik einwandfrei funktioniert und mit welchen Herausforderungen wir rechnen müssen“, sagt Elektromeister Sascha Boeren.

Die Eigenstromversorgung wird im Ernstfall angeschaltet

Insgesamt braucht das Wasserwerk durchschnittlich 45 GWh pro Jahr. Allein die 16 Kreiselpumpen, die das Wasser im Wasserwerk Haltern ins Leitungsnetz fördern, brauchen jährlich etwa 34 GWh Strom. Sie benötigen etwa 70 % der gesamten verbrauchten Energie. Eine einzelne Netzpumpe hat eine Leistungsaufnahme von etwa 1 MW.

Das Wasserwerk in Haltern ist auf einen Blackout vorbereitet. Es verfügt über eine Eigenstromversorgung, die bei einem Stromausfall angeschaltet wird. Drei Diesel-Generatoren erzeugen in einem solchen Fall Strom, damit Pumpen und Aufbereitung weiterlaufen können. So wird die Versorgung im Katastrophenfall sichergestellt. Mit den Generatoren inklusive zwei Tanks mit Dieseltreibstoff können die Mitarbeiter den Wasserwerksbetrieb mehrere Tage aufrechterhalten.

Die Simulation des Ernstfalls läuft in mehreren Schritten ab.

1. Die Wassergewinnung und Förderung werden eingestellt

Die Kollegen im Leitstand kontrollieren permanent die wichtigsten Daten - die Wasserstände der beiden Tiefbehälter im Wasserwerk und der Wasserspeicher in Gelsenkirchen-Scholven und Herten, den Netzdruck, die Fördermenge, im Normalbetrieb etwa 8.000 m3/Stunde. Zum Start der Übung fahren sie kontrolliert die Fördermenge herunter. Nach einigen Minuten sind Wassergewinnung und -förderung bei Null. Das geht mit wenigen Klicks im Leitstand.

2. Die Verbindung zum Stromnetz wird unterbrochen

Darum kümmert sich Michael Schorr, Betriebsingenieur im Wasserwerk Haltern. Er kündigt diesen Schritt bei der Leitstelle des Netzbetreiber an und holt via Telefon einen Schaltauftrag ein. Vier Kabel führen von außen ins Wasserwerk, alle werden nacheinander von Michael Schorr auf Knopfdruck „gekappt“.

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Einige Sekunden laufen die Maschinen noch. Dann ist es schlagartig still und dunkel in der Pumpenhalle. Das Wasserwerk ist spannungsfrei. Innerhalb von Sekunden sichert ein kleines Notstrom-Aggregat automatisch den Niederspannungs-Notbetrieb – Beleuchtung und Rechner im Leitstand laufen daher weiter. Michael Schorr meldet dem Netzbetreiber, dass alle Schalter in Trennstellung sind. In weniger als vier Minuten ist das Wasserwerk vom Stromnetz abgeschnitten.

3. Dieselgeneratoren werden gestartet

Jetzt muss die eigene Stromversorgung gestartet werden. Mit einem Klick wird vom Leitstand aus der erste Dieselgenerator angeschmissen. Sein Betrieb ist nichts für empfindliche Ohren: Der Motor ist im ganzen Wasserwerk hör- und spürbar. Wer die Generatoren-Halle betritt, braucht speziellen Gehörschutz.

Mit dem Strom, den der erste Generator produziert, lässt Michael Schorr zunächst eine kleine Pumpe in Betrieb nehmen. Nach einigen Minuten Betrieb wird eine zweite, große Pumpe angefahren. Mit dieser kleinen „Inselversorgung“ lässt sich aber kein normaler Betrieb fahren.

Deshalb wird jetzt der zweite Dieselgenerator gestartet und das komplette Wasserwerk auf Eigenversorgung umgestellt. Schrittweise schalten Michael Schorr und seine Kollegen mehr Pumpen dazu.

4. Wassergewinnung wird wieder aufgenommen

Läuft die Wasserförderung im Eigenstrombetrieb, kann auch die Wassergewinnung wieder aufgenommen werden. Nach und nach werden die Pumpen in den Brunnenreihen wieder hochgefahren.

5. Zurück ans Stromnetz - rote Lampen gehen an

Zirka 10 Minuten nach dem Kappen der Stromnetz-Verbindung läuft das Wasserwerk Haltern komplett mit Eigenstrom. Dieselgeneratoren und Kreiselpumpen wummern, es ist lauter als im Normalbetrieb. Aber die Fördermenge steigt wieder auf Normalwerte an. Fast alles ist im grünen Bereich, verraten die Kontrollmonitore im Leitstand.

Nur an einigen Stellen blinkt es rot. Kleinere Störungen sind bei einem so komplexen System normal. Einige Geräte müssen manuell angeschaltet werden; hier und da fliegt eine Sicherung raus, eine Kappe geht in einem Brunnen durch die Druckveränderung fliegen. Die Kollegen schwärmen aus, beheben die Störungen. Alles wird dokumentiert.

Eine halbe Stunde läuft der gesamte Betrieb im Wasserwerk Haltern mit dem Strom der Dieselgeneratoren. Dann folgt der ganze Prozess umgekehrt.

Als die Pumpen wieder gleichmäßig wummern, atmet das Team auf. Zwar müssen die Kollegen noch mal ausrücken um einige kleine Störungen zu beseitigen, aber der „Probelauf Eigenstromversorgung“ hat bestens funktioniert.

Großflächige Stromausfälle von über drei Minuten sind selten in Deutschland. 2018 fiel insgesamt 13,91 Minuten der Strom aus, in NRW waren es sogar nur 10,03 Minuten. Deutschland nimmt im EU-Vergleich einen Spitzenplatz bei der Versorgungssicherheit ein.
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