Nachbarn fühlen sich betrogen: Aus Einzelhäusern wurde eine 52-Meter-“Großstadtfassade“

hzBetreutes Wohnen in Sythen

Im Elterbreischlag entstehen 35 Wohnungen für das Betreute Wohnen. Schon vor dem Abschluss der Bauarbeiten sorgt das Projekt für Ärger. Nachbarn fühlen sich von der Stadt hintergangen.

Sythen

, 06.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ganz bewusst hat sich das Ehepaar Büren-Kolk 2012 für ein Grundstück in direkter Nachbarschaft des Betreuten Wohnens in Sythen entschieden. „Ich finde es eine schöne Vorstellung, dass alte Menschen inmitten von jungen Familien leben“, begründet Marlit Büren-Kolk ihre Wahl. Beim Blick aus ihrem Küchenfenster am Eltritt sagt sie heute allerdings: „Ich kann mich so gar nicht an den Anblick gewöhnen.“

Sie schaut auf eine 52 Meter lange Häuserfront, für Marlit Büren-Kolk ist das „eine Großstadtfassade“, die so gar nicht in das Neubaugebiet Elterbreischlag mit ansonsten überwiegend Einfamilienhäusern passt.

Nachbarn fühlen sich betrogen: Aus Einzelhäusern wurde eine 52-Meter-“Großstadtfassade“

Dieses Foto vom Betreuten Wohnen im Elterbreischlag stammt von August... © Archiv Silvia Wiethoff

Nachbarn fühlen sich betrogen: Aus Einzelhäusern wurde eine 52-Meter-“Großstadtfassade“

... und so sieht eine ähnliche Perspektive vier Monate später aus. Der blickdichte Lückenschluss zwischen den Häusern ist vollzogen. © Silvia Wiethoff

Als Familie Büren-Kolk dem Grundstück am Eltritt den Zuschlag gab, sollten auf der gegenüberliegenden Fläche maximal fünf Einzelhäuser für das Betreute Wohnen entstehen. Schöne Stadtvillen seien auf den Plänen präsentiert worden, erinnern sich die Sythener.

Tatsächlich zeigt eine Entwurfsplanung aus dem Jahr 2014, als über die Vergabe des Altenhilfeprojekts in Sythen (Altenheim und Betreutes Wohnen) im Rat entschieden wurde und noch das Halterner Architekturbüro Rotthäuser verantwortlich war, fünf Einzelhäuser auf dem 4350 Quadratmeter großen Grundstück für das Betreute Wohnen mit 35 Wohnungen.

Nachbarn fühlen sich betrogen: Aus Einzelhäusern wurde eine 52-Meter-“Großstadtfassade“

So sah die Planung 2014 aus, als die Politik über die Vergabe entschied: Das Altenheim sollte als Quadrat entstehen, um einen Umlauf für Demenzpatienten zu ermöglichen. Gebaut wurde eine U-Form. Fünf Einzelhäuser sollten für das Betreute Wohnen entstehen. © Grafik: Architekturbüro Rotthäuser

Viel Grün war außerdem geplant. Das überzeugte auch die Familie von Anke Hartmann, die auf der anderen Seite des Großprojekts am Dietrich-Bonhoeffer-Weg wohnt. „Wir haben unseren Töchtern gesagt, dass sie nur durch den Park vom Betreuten Wohnen gehen müssen, schon können sie sich gegenseitig besuchen“, blicken Marlit Büren-Kolk und Anke Hartmann zurück.

Von den ehrgeizigen Konzepten für das Altenheim und das Betreute Wohnen, die 2014 so überzeugend wirkten und dafür sorgten, dass die CDU-Fraktion und Stimmen der Grünen das Bauvorhaben an den Bewerber Alloheim Seniorenresidenzen mit Sitz in Düsseldorf vergaben, ist nach Investoren- beziehungsweise Trägerwechseln nicht viel geblieben.

„Eine unverhältnismäßige Lückenbebauung“

Nicht nur die Familien Büren-Kolk und Hartmann finden das als betroffene Anwohner bedauerlich. Rafael Schemmer spricht in einer Nachricht an die Halterner Zeitung von einer „unverhältnismäßigen Lückenbebauung“. Er kann nicht nachvollziehen, wie die aktuell ausgeführte Bebauung mit dem Bebauungsplan Elterbreischlag vereinbar sein soll.

Schließlich sei in dem Bereich „nur eine offene Bebauung erlaubt“. Die Stadt als genehmigende Behörde darf sich seiner Ansicht nach nicht auf das Argument zurückziehen, dass eine ortsübliche Bebauung vorgenommen werde.

Die Halterner Verwaltung teilte auf Anfrage mit, dass sie die Baupläne des Investors - es handelt sich seit 2017 um das Immobilienunternehmen TSC Real Estate Germany GmbH aus Berlin - genehmigt habe. Dazu zähle auch ein Nachtragsantrag, der sich unter anderem auf die Treppenhäuser bezogen habe und am 10. September bewilligt worden sei. Ursprünglich waren diese komplett verglast vorgesehen gewesen.

Die Stadt sah keine Notwendigkeit, die Nachbarn zu informieren

„Aus städtischer Sicht musste der Antrag genehmigt werden, weil er bauplanungsrechtlich und auch bauordnungsrechtlich allen Vorgaben entspricht. Im Übrigen hat der Bauherr für die genannten Änderungen auch ein verändertes / angepasstes Brandschutzkonzept erstellt und uns vorgelegt, das auch von uns genehmigt worden ist“, erklärte das städtische Bauamt.

„Diese oder ähnliche Änderungen kommen während eines laufenden Verfahrens bei größeren Bauprojekten regelmäßig vor. Wir haben in der Verwaltung uns auch hier konkret die Frage gestellt, ob dadurch die Nachbarn möglicherweise beeinträchtigt werden würden. Das konnte klar verneint werden, sodass keine Notwendigkeit bestand, Politik oder Nachbarn zu informieren“, teilte die Stadt Haltern mit.

Die Anwohner im Elterbreischlag sehen ihre Interessen mit Füßen getreten. Sie kritisieren, dass die mögliche Änderung der Baupläne für sie nie transparent gewesen sei. „Wir konnten so gar nicht wissen, worauf wir uns einlassen“, argumentiert Marlit Büren-Kolk.

Marlit Büren-Kolk: „Es wirkt wie eine Senioreneinrichtung“

Traurig findet sie die Entwicklung auch für die künftigen Bewohner des Betreuten Wohnens. Der ursprüngliche einladende Charakter der Anlage, die zu einer Begegnung im Quartier beitragen sollte, geht aus ihrer Sicht verloren. Die alten Menschen würden abgeschottet, die Anlage wirke nun wie eine große Senioreneinrichtung mit einfallsloser Architektur.

Die Treppenhäuser, die jetzt für so viel Ärger sorgen, seien als Übergänge für die Häuser notwendig, erklärte Berthold Becker Geschäftsführer der TSC Real Estate in einem Gespräch mit der Redaktion. Die Häuser mit ihren barrierefreien Wohnungen müssten schnell und effizient zugänglich sein. Für die fünf Gebäude würden drei Aufzüge eingerichtet. Dies sei in erster Linie eine Frage der vorhandenen Fläche, ließ der Manager wissen. Verglaste Treppenhäuser seien aus brandschutztechnischen Gründen nicht machbar.

Nachbarn fühlen sich betrogen: Aus Einzelhäusern wurde eine 52-Meter-“Großstadtfassade“

Auf dem Bauschild ist noch zu sehen, dass der Investor zunächst mit verglasten Treppenhäusern geplant hat. Bei der Vergabe des Projektes 2014 waren überhaupt keine Übergänge zwischen den Häusern vorgesehen. © Silvia Wiethoff

Für die Kritik der Nachbarn zeigte er Verständnis. Er ist sich aber sicher, dass sich die Akzeptanz für das Betreute Wohnen mit der Fertigstellung verbessern wird. Dafür habe die TSC Real Estate die richtigen Maßnahmen ergriffen:

1. Die Hauseingänge befinden sich nicht in einer Flucht mit den Gebäuden. Dadurch bliebe der Einzelhauscharakter erhalten und die Bebauung werde aufgelockert.
2. Die Hauseingänge werden farblich abgesetzt.
3. Im Außenbereich wird noch die Bepflanzung erfolgen.

Der Investor bittet um Geduld

Zum jetzigen Zeitpunkt könne noch nicht abschließend bewertet werden, ob und wie sich das Betreute Wohnen in die vorhandene Bebauung des Elterbreischlags einpassen wird, teilte Berthold Becker mit.

Die Familien Büren-Kolk und Hartmann stellt diese Argumentation nicht zufrieden. Sie haben viel Geld in ihre Grundstücke und Häuser investiert und fühlen sich hinters Licht geführt.

Die unendliche Geschichte des Altenhilfestandorts Sythen: 2014 erfolgt die Vergabe des Großprojektes an den Investor Alloheim Seniorenresidenzen mit Sitz in Düsseldorf. Im Rat sorgen die CDU-Fraktion und Stimmen der Grünen unter anderem mit der Begründung, Alloheim biete das bessere architektonische Konzept, für die Mehrheit. SPD, WGH und FDP favorisieren die lokalen Bewerber Ursula Esken und Wilfried Kesting. 2017 wird das Unternehmen Alloheim an den schwedischen Investmentfonds Nordic Capital verkauft. Im gleichen Jahr übernimmt die TSC Real Estate in Berlin als Investor den Standort für das Betreute Wohnen.
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