Das Bahnhofsgelände und die Gleisanlagen waren im Zweiten Weltkrieg häufiger das Ziel von Bombenangriffen. © Archiv Halterner Zeitung
Kriegsende

Tagebuch des Schreckens (2) – Halterner Schüler heben Schutzlöcher aus

Wir erleben eine Krisenzeit, die Vergleiche zur Vergangenheit provoziert. Aus diesem Anlass blicken wir zurück ins Jahr 1945 und schlagen das Tagebuch des Schreckens (Teil 2 - Februar) auf.

Die Lage in Haltern spitzt sich zu. Fast täglich ist das Stadtgebiet Ziel von alliierten Bomber- und Tieffliegerangriffen. Die Versorgungslage ist katastrophal.

1. Februar: Der Kirchenbesuch ist nie so rege gewesen wie augenblicklich.

2. Februar: Nach wie vor rege Tieffliegertätigkeit am Tage. Die Hoffnungslosigkeit hat auch die Parteidienststellen ergriffen. Dem Zusammenbruch der Front folgt der Zusammenbruch der Heimat. Alle Maßnahmen sehen nach Improvisation aus. Niemand nimmt Befehle noch ernst.

4. Februar: Heute erhielt Haltern nachwirkend für die 72. und für die 71. Zuteilungsperiode für je Periode und Person 200 Gramm Fleischzulage. Die Bevölkerung nennt die entsprechenden Marken Zittermarken. Die Sonderzulage wird für jene Gemeinde gewährt, die durch Angriffe und Alarme oft gestört werden.

5. Februar: Die Lebensmittelrationen werden wie folgt gekürzt: Die Zuteilungen haben für neun Wochen Gültigkeit, also eine Woche über die normale Zeit hinaus; Zucker muss für 13 statt für acht Wochen reichen, Stärkemehlerzeugnisse und Kartoffeln werden nicht mehr ausgegeben.

6. Februar: Es findet kaum noch Unterricht statt. Für je eine Person müssen 25 Pfund der eingekellerten Kartoffeln abgegeben werden. Am Tag ruht der gesamte Eisenbahnverkehr.

Der Overrather Hof war ein Kurhotel in der Steverbucht und ein Treffpunkt der vornehmen Gesellschaft in Haltern.
Der Overrather Hof war ein Kurhotel in der Steverbucht und ein Treffpunkt der vornehmen Gesellschaft in Haltern. Nach seinem Umbau 1930 erlebte er bis Anfang des Zweiten Weltkriegs seine Blütezeit, nach Kriegsende beherbergte er britische Soldaten und wurde schließlich 1958 abgerissen. © Archiv Stadt Haltern © Archiv Stadt Haltern

7. Februar: Heute fielen Bomben zwischen Görtz und der Stadtmühle, am Overather Hof und in den See. Das Warnzeichen beim Absprung von Luftlandetruppen wird bekannt gegeben: Fünf Minuten Sirene oder Glockengeläut.

8. Februar: Schulkinder legen unter Führung ihrer Lehrer Erdbefestigungen, Gräben und Schutzlöcher in den Wäldern und an den Straßen an.

9. Februar: Sämtliche Schulen sind jetzt geschlossen.

Blick zurück

Der Krieg und seine Schrecken waren noch lange präsent

Die ersten Monate des Jahres 1945 waren für die meisten Halterner ein Kampf ums nackte Überleben. Heinrich Albers, Redakteur der Halterner Zeitung, erinnerte in einer Serie 1950/51 an die Tage des Schreckens. Der Krieg war lange vorbei, aber immer noch präsent. Das lag zum Beispiel daran, dass man in Haltern fünf Jahre nach der Stunde Null noch immer auf sieben Kriegsgefangene wartete und das Schicksal von 290 vermissten Soldaten und zwölf Zivilpersonen aus der Stadt weiterhin ungeklärt war.

11. Februar: Heute schwerer Bombenangriff auf Dülmen. Das dortige Lazarett erhielt drei Volltreffer, viele Menschen tot, darunter 14 Schwestern, auch die Oberin und DRK-Schwester Waltraud Langenkemper aus Haltern.

20. Februar: Die Halterner Lehrerinnen übernehmen mit anderen Frauen am Bahnhof die Betreuung der vielen durchreisenden Soldaten und Flüchtlinge.

21. Februar: In der vergangenen Nacht wurde die Kirche in Lippramsdorf durch Bombenangriff zerstört. Heute Nachmittag folgte ein schwerer Angriff auf das Bahnhofsgelände. Es wurden an Toten elf Deutsche und zwölf Ausländer gezählt. Drei Häuser wurden total zerstört, sieben schwer, 25 mittelschwer und etwa 400

leicht beschädigt. 61 Personen wurden teils schwer, teils leicht verletzt. Dieser Angriff lässt deutlich erkennen, dass Haltern zum Kriegsgebiet geworden ist.

25. Februar: In Haltern sind vor allem die Eisenbahnstrecke Haltern-Dülmen und der Sythener Güterbahnhof Ziel von alliierten Tieffliegern.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen und hinter jeder Zahl steckt eine ganze Welt. Das macht den Journalismus für mich so spannend. Mein Alltag im Lokalen ist voller Begegnungen und manchmal Überraschungen. Gibt es etwas Schöneres?
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Silvia Wiethoff
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