Der Kinderspielplatz wurde aufgelöst, jetzt soll hier der Bau eines Minihauses möglich werden. Der Bodenrichtwert liegt bei 180 Euro pro Quadratmeter, die Stadt verkauft gegen Höchstgebot. Gerade gibt es viel Aufregung um dieses Thema. © Elisabeth Schrief
Verkauf von Grundstücken

Tiny-Houses in Haltern: Anwohner fühlen sich von Stadt überfahren

Die Stadt bietet erstmals zwei Grundstücke für Tiny-Houses an. Aber es braut sich eine Menge Ärger in Lippramsdorf-Mersch zusammen. Die Stadt hat etwas Wichtiges nicht bedacht.

Die Stadt will mit dem Verkauf von zwei kleinen Grundstücken die Fangemeinde von Tiny-Houses glücklich machen. Es ist ein erster Aufschlag. Entsprechend einem mehrheitlichen Beschluss des Hauptausschusses veräußert sie zwei rund 220 Quadratmeter große Flächen in Lippramsdorf-Mersch nahe der Römer-Lippe-Route gegen Höchstgebot. Doch in der Siedlung nahe der Lippe ist die Entscheidung gar nicht gut angekommen.

Denn das eine Grundstück ist seit 40 Jahren als Gartenland an eine Familie verpachtet. Erst im vergangenen Jahr wurde der Vertrag noch aktualisiert. Es sei kein Wort darüber gefallen, dass die Stadt andere Pläne mit dem Garten habe, sagt Andrea Berse, die Tochter der Hausbesitzerin. Den Garten nutzt der Mieter Peter Fuhrmann seit 13 Jahren. Er sei nicht bereit, ihn aufzugeben, sagt er gegenüber der Halterner Zeitung. Wie alle Bewohner von Falken- und Finkenstraße ärgert er sich vor allem darüber, dass diese die Nachricht vom Verkauf aus der Halterner Zeitung erfahren haben. „Niemand hat vorher mit uns darüber gesprochen“, sagt er.

Stadt kann Pachtvertrag jährlich kündigen

Das bestätigt die Stadt. Ein Gespräch habe vorab nicht stattgefunden, weil zunächst der politische Beschluss eingeholt werden sollte, ob die Flächen überhaupt zum Verkauf angeboten werden sollen. Die Überlegung, diese beiden Grundstücke für Tiny-Häuser anzubieten, ist laut Stadtsprecherin Sophie Hoffmeier erst in den letzten Monaten entstanden. Sie hätten bei der Aktualisierung des Pachtvertrages noch keine Rolle gespielt. Im Übrigen sei der Pachtvertrag jährlich kündbar.

Peter Fuhrmann ist gar nicht sicher, ob Bauen hier ohne Weiteres möglich ist. Denn die Ferngasleitung von Evonik, die aus Ochtrup kommt, tangiert das Gartengrundstück. Für die Stadt ist das kein Handicap. Die Gasleitung führe in Lippramsdorf unter mehreren bebauten Grundstücken hindurch und streife das angepachtete Grundstück nur am Rande. Die Parzelle sei ohne Weiteres mit einem Tiny-House bebaubar. „Die Gasleitung wird aber natürlich bei der Ausschreibung und den konkreten Kaufpreisverhandlungen eine Rolle spielen“, sagt Sophie Hoffmeier.

Verwaltung hält an Beschluss der Politik fest

Trotz der Proteste will die Verwaltung an der Entscheidung festhalten. Im Moment liege ein Beschluss des Hauptausschusses vor, an den die Verwaltung gebunden sei und „daher auch gewillt ist, diesen umzusetzen.“

Das andere freie Grundstück war einst ein Spielplatz. Damit die Stadt nicht noch weiter in die Schulden rutschte, schloss sie bis zum Jahr 2020 insgesamt 28 Kinderspielplätze, sieben Bolzplätze und die Skater-Anlage am Lippspieker, einige Plätze verkleinerte sie. Der Spielplatz in der Mersch zählte zu denen, die aufgelöst wurden. Heute ist er eine schlichte Rasenfläche.

Mitte der 1980er-Jahre wurde die Stichstraße Feldmarkstraße ausgebaut, die Stadt erhob dafür 1985 Erschließungsbeiträge. Ein Spielplatz zählt aber seit jeher nicht zu den Erschließungsanlagen. Deshalb habe ihn die Stadt bezahlt, und nicht die Anwohner.

Spielplatz einebnen, dann bauen: „Ein starkes Stück“

Laut Andrea Berse hat die Stadt nun im Nachhinein ein Gespräch angeboten. „Wir waren schon sehr schockiert, dass sie vollendete Tatsachen schaffen wollte“, gibt sie die Meinung aller Anlieger wieder.

Einige empörten sich nach der Veröffentlichung in der Halterner Zeitung im sozialen Netzwerk. „In einer 500-Seelen-Siedlung, die zum großen Teil aus jungen Familien besteht, erst den Spielplatz einebnen und dann ein Tinyhouse drauf bauen wollen, ist schon ein starkes Stück“, heißt es beispielsweise. Oder: „Der Spielplatz war zu meiner Kindheit ein Abenteuerspielplatz aus Holzhütte mit Steg zum Holzboot. Als ich aus dem „Alter“ heraus war, waren viele direkte Anwohner schon gegen den Spielplatz. Weil fremde Kinder, die nicht direkt dort wohnten, zuletzt da waren und immer den Dreck liegen ließen.“

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Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief
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