Bei Kindergartenkindern können sexuelle Übergriffe vorkommen. Entscheidend für die präventive Wirkung ist, dass von Anfang an darauf reagiert wird, sagen Experten. © picture alliance/dpa
Sexuelle Übergriffe

Übergriffe in Halterner Kita: „Das Leben wurde zum Spießrutenlauf“

Sexuelle Übergriffe unter Kindern in der Kita Hullern und ihr Bekanntwerden lösten 2018 einen scharfen Konflikt aus. Klar ist jetzt: Die Vorfälle wurden nicht durch „Hysterie“ hochgekocht.

Kurz vor Weihnachten 2018 wurden im katholischen St.-Andreas-Kindergarten in Hullern sexuelle Übergriffe unter Kindern bekannt. Zwei Vorfälle wurden vom Träger, der katholischen Kirchengemeinde, unter Vorbehalt eingeräumt, Eltern sprachen von mindestens drei weiteren. Der erste Vorfall lag zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Monate zurück.

Ein Kind soll ein anderes psychisch und physisch misshandelt haben. Erst, als Letzteres zu Hause auffällig wurde, erfuhren die Eltern davon. Die Betroffenen hätten daraufhin eine gute Beratung erfahren, betonten damals sowohl Verbund- als auch Kindergartenleitung. Doch die Eltern widersprachen: Man habe alles versucht, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren. Weil weitere Eltern sich mit dem Problem allein gelassen fühlten, gingen sie dann bei erneuten Übergriffen an die Öffentlichkeit.

Es gab böses Blut, jetzt herrscht wieder Einvernehmen

Es gab viel böses Blut im Dorf, Familien spalteten sich in Lager, Freundschaften gingen in die Brüche, betroffenen Eltern wurde über soziale Netzwerke Schaden zugefügt. Mittlerweile herrscht wieder Frieden und so viel Einvernehmen wie möglich – so nehmen es jedenfalls die Beteiligten wahr. Auch wenn die Wunden nicht alle verheilt sind. Aber möglicherweise haben die Vorfälle für die Zukunft Achtsamkeit gelehrt.

Eine der betroffenen Familien ist aus Hullern fortgezogen, weitere Eltern meldeten ihre Kinder in anderen Einrichtungen an, die Kita-Leitung und eine Erzieherin wechselten ihre Stellen. In der Kita werde heute wieder vorbildlich gute Arbeit geleistet, sagen die Eltern. Und sie dürfen von einer kleinen Genugtuung sprechen: Auch wenn ein gerichtliches Verfahren nicht zugelassen wurde, weil die Kinder vor dem Gesetz als nicht einsichtsfähige Personen gelten, so ist betroffenen Kindern trotzdem von der Unfallkasse NRW (nach Verständigung mit der jeweiligen Krankenkasse – ohne Zutun der Eltern) eine Unfallrente zugesprochen worden.

„Das Leben wurde zu einem Spießrutenlauf“

Nach drei Jahren sagen die Eltern: „Das Leben hat sich für uns verändert, es war ein Spießrutenlauf.“ Vielleicht sind allen Seiten Fehler unterlaufen. Aber welche Eltern kämpfen nicht für das Wohl ihrer Kinder? Mit der Unfallrente sei versucht worden, ein bisschen Gerechtigkeit einkehren zu lassen, finden die Väter und Mütter.

Denn unter der damaligen Situation litten vor allem die Familien der beteiligten Kinder. In einem der Halterner Zeitung vorgelegten Brief wurde den betroffenen Eltern durch einen Rechtsanwalt des Trägers eine direkte Konfrontation der Beschäftigten mit den Vorfällen bei der nicht-öffentlichen Gemeindeversammlung in der Kirche untersagt, obwohl von Seiten der Kirche während der Versammlung deutlich betont wurde, dass alle Beschäftigten jederzeit für die Betroffenen zu sprechen seien. Um dem ganzen Konflikt aus dem Weg zu gehen, wurde ihnen sogar angeboten, die Betreuungsverträge im gegenseitigen Einvernehmen aufzuheben.

Es wurde niemals ein Verantwortlicher benannt

Die Kinder mussten therapeutisch behandelt werden, zum Teil sind sie noch heute in Therapie, weil sie unter ausgeprägten Angstzuständen leiden. „Wir wurden als hysterische Eltern hingestellt, die die Ereignisse einfach nur hochgekocht hätten“, erzählt eine Mutter. Es sei vieles falsch gelaufen, Fehlinformationen und -interpretationen hätten zu zusätzlichen Belastungen geführt. „Niemals wurde ein Verantwortlicher benannt. Bis heute nicht“, bedauert ein Vater. „Wir haben immer versucht, im Miteinander den Konflikt zu lösen, wir wollten Gerechtigkeit und keineswegs die Schließung des Kindergartens, wie uns unterstellt wurde.“

Letztlich wurden die betroffenen Eltern für den Konflikt verantwortlich gemacht, obwohl sie nur für ihre Kinder kämpften. Die Opferrolle nahmen die ein, die eigentlich Hilfe durch intensive fachliche Begleitung hätten geben können: Der Träger und auch die Stadt. An die Staatsanwaltschaft ließ die Stadt nachweislich verlauten, sie könne bezüglich eines sexuellen Missbrauchs unter Kindern in Hullern keine akute Gefahr erkennen.

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Redaktion Haltern
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Elisabeth Schrief
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