Der Angeklagte neben Verteidigerin Anja Bleck-Kentgens. © Jörn Hartwicih
Musik zu laut

Urteil im Nachbarschaftsstreit: Richter schicken Halterner ins Gefängnis

Ein Mann aus Haltern sticht fünf Mal auf einen früheren Nachbarn ein. Vor Gericht spricht er von Notwehr. Das sehen die Richter beim Urteil allerdings anders.

So ganz geheuer war den Richtern die Situation offenbar nicht. Im Prozess um einen blutigen Nachbarschaftsstreit war kurz vor der Urteilsverkündung extra noch ein Wachtmeister in den Gerichtssaal gerufen worden. Zum Glück blieb jedoch alles ruhig.

Viereinhalb Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung: So lautete am Dienstag das Urteil am Essener Landgericht. Für den in Haltern lebenden Angeklagten muss es ein Schock gewesen sein. Er hatte bis zuletzt von Notwehr gesprochen.

Wortkarg und undurchschaubar

Introvertiert, hatte ihn seine Verteidigerin Anja Bleck-Kentgens im Prozess genannt. Und genau so hatte sich der 22-Jährige vor Gericht auch präsentiert: wortkarg, in sich gekehrt, undurchschaubar.

Ein Waffensammler war er, allerdings wohl nur zu Dekozwecken. In seiner früheren Marler Wohnung, in der er zwischenzeitlich gewohnt hat, hatte er Samurai-Schwerter, eine Machete und auch ein Jagdmesser, das selbst seine Anwältin einen „Brummer“ nannte.

Damit hatte der 22-Jährige am Morgen des 29. Februar 2020 fünf Mal zugestochen – ins Bein und in die Hüfte seines Nachbarn. Einige der Stiche waren so wuchtig, dass die Klinge bis auf den Knochen traf.

„Eine absolute Nichtigkeit“

Das Opfer war ein 40-jähriger Mann, der erst einen Tag vorher eingezogen war. Die beiden Männer hatten kurz gestritten, dann war jeder wieder in seiner Wohnung verschwunden. Es ging um angeblich zu laute Musik. „Eine absolute Nichtigkeit“, so Richterin Annette Rabe bei der Urteilsbegründung.

Unglücklicherweise habe es der Angeklagte jedoch nicht dabei belassen. Er sei noch einmal zurückgekehrt, habe bei seinem Nachbarn geklopft und dann sofort zugestochen.

„Von einer Notwehr-Situation kann überhaupt keine Rede sein“, hieß es im Urteil. Der Angeklagte sei ja nicht mal angegriffen worden.

Die Folgen für das Opfer sind schwer. Der 40-Jährige habe bis heute Probleme beim Laufen. Dazu kommen Albträume und Angstgefühle. So hatte es der Marler vor Gericht geschildert.

Zurück nach Haltern

Drei Monate hatte der Angeklagte nach der Tat in Untersuchungshaft gesessen. Dann war er entlassen worden. Keine Flucht- oder Verdunklungsgefahr. Direkt danach war er zurück zu seinem Vater nach Haltern gezogen.

Seit rund einer Woche hat er offenbar seit langer Zeit mal wieder einen Job. Seine Waffen will er verkauft haben.

„Es war sch…, was ich gemacht habe“, hatte er den Richtern kurz vor der Urteilsverkündung gesagt. „Es tut mir sehr leid.“

Mit ihrer Strafe blieben die Richter unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die fünf Jahre Haft gefordert hatte. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, muss der 22-jährige natürlich wieder zurück ins Gefängnis.

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