Als die Kumpel im März 1997 das Rathaus besetzten, sahen sie bezüglich ihrer Zukunft schwarz. Denn geplante Subventions-Kürzungen gefährdeten ihre Arbeitsplätze. Ausnahmezustand in Haltern!

Haltern

, 05.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Vier Tage und Nächte war das Halterner Rathaus an der Dr. Conrads-Straße in der Hand von Bergleuten. Im März 1997 besetzten die Kumpel den Sitzungssaal im obersten Stockwerk, weil sie wegen angekündigter Subventionskürzungen um ihre Arbeitsplätze Untertage fürchteten. Sie wollten das Ansinnen der Politik nicht widerspruchslos hinnehmen. So vereinten sich im Tagungsraum der kommunalen Volksvertreter viele Facetten eines friedlichen, aber bestimmten Protestes: Wut und Enttäuschung, Hoffnung und Entschlossenheit, Heiterkeit und Niedergeschlagenheit.

Erwin Kirschenbaum, von 1996 bis 1999 Bürgermeister Halterns, spricht noch heute von einem „besonders prägnanten Ereignis“, das außergewöhnliches Handeln erfordert habe. „Meine Solidarität galt ganz klar den Bergleuten. Ich bin in einer Kolonie in Datteln aufgewachsen, mein Großvater und auch mein Vater arbeiteten auf dem Pütt.“ Mit Beginn der Kohlekrise erlebte er hautnah mit, was Zukunftssorgen und das Delegieren von einem Schacht zum nächsten für einen Bergmann bedeuteten. „So war ich immer ganz nah bei den Demonstranten.“

Hintergrund war, dass die Zuweisungen des Bundes, schneller und entschiedener als ursprünglich vorgesehen, von neun auf 3,8 Milliarden Mark schrumpfen sollten Die Folge: Bis zum Jahre 2000 sollten nicht nur vier, sondern sieben Zechen geschlossen werden. Mahnwachen an den Halterner Schächten AV 8 und Haltern 1/2, ein mehr als zehn Kilometer langer Auto- und Motorradkorso von Bergleuten durch Lippramsdorf und die friedliche Besetzung des neuen Rathauses: So stellte sich die lokale Streik-Situation vom 10. bis 13. März dar.

„Die Situation ist tiefernst“

Bergleute aus ganz Deutschland – Teilnehmer eines Lehrgangs in der Gewerkschaftsschule am See – nahmen das Rathaus ein. Bürgermeister Erwin Kirschenbaum, der Erste Beigeordnete Josef Schmergal, der Technische Beigeordnete Hans-Werner Schneller sowie Vertreter von SPD und Grüne öffneten ihnen in Verbundenheit die Türen. Erwin Kirschenbaum sprach zu den Besetzern: „Die Situation ist tiefernst, sie geht unter die Haut. Ich kann nur mit euch hoffen, dass es doch noch gut geht.“ Der Leiter der Gewerkschaftsschule Mikail Zopi versicherte, dass die symbolische Rathausbesetzung natürlich nicht gegen die Stadt oder gegen die Bürger gerichtet sei. Vielmehr sei sie ein Signal an Bonn, eine vernünftige Entscheidung zu treffen.

Dann kam mächtig Stimmung auf, wie die Halterner Zeitung schrieb. Bergleute tauchten mit Plakaten auf: „Arbeitsloser Bergmann sucht Frau mit Kohle“. Beifall begleitete die spontane Showeinlage „Marmor, Stein und Eisen bricht, nur der Bergbau nicht.“

Die erste Nacht war lang. Bis 2 Uhr früh harrte Bürgermeister Erwin Kirschenbaum bei einer spontan inszenierten Kulturnacht mit Liedern, Sketchen und Videos im Rathaus aus. Die Bergleute schliefen auf dem Teppichboden, in der letzten Nacht dann auf Liegen des Roten Kreuzes Haltern.

Solidarität mit den streikenden Bergleuten zeigte neben der Politik die Belegschaft der WASAG Chemie in Sythen. Sie blockierte am 11. März eine halbe Stunde lang mit einer Lok die Bundesstraße in Sythen. Das war allerdings nicht ganz uneigennützig, denn die WASAG war als Sprengstoff-Lieferantin der Ruhrkohle auf einen aktiven Bergbau angewiesen. Mit einem Zug durch die Innenstadt, mit Flugblättern und Fähnchen machten die Bergleute am selben Tag auf ihren Kampf gegen den drohenden Arbeitsplatzverlust aufmerksam.

Am 12. März geleitete die Polizei einen von den Gewerkschaften ÖTV und IGBE organisierten Autokorso durch den Kreis Recklinghausen bis nach Haltern. 100 Fahrzeuge bewegten sich hupend von Zeche zu Zeche durch die Straßen. Am Ziel erklärte ÖTV-Kreissekretär Arno Breitwiese: „Das war ein Konvoi der Solidarität. Der uns aufgezwungene Kampf ist noch lange nicht zu Ende.“

Vier Tage und Nächte haben Bergleute das Halterner Rathaus besetzt gehalten

Dechant Bruno Pottebaum (r.) von der katholischen und Pfarrer Karl Henschel von der evangelischen Gemeinde versammelten sich mit den Bergleuten zu einer Andacht in der Sixtus-Kirche. Die Solidarität der Seelsorger galt den Bergleuten. © Foto:Elisabeth Schrief

Die Kirche stand den Bergleuten ebenfalls bei. Am 13. März fand um 11.45 Uhr eine ungewöhnliche Andacht in der Sixtuskirche statt. Nachdem Fahnen und Spruchbänder am Rathaus eingerollt waren, zogen Bergleute in einer Prozession durch den Galen-Park und über die Merschstraße in die Sixtuskirche ein. Allen voran Dechant Bruno Pottebaum, Pfarrer Hermann-Josef Kamphaus und Pfarrer Karl Henschel. In der Kirche fand Bruno Pottebaum tröstende Worte für die Kumpel: „Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos.“

Er mahnte, man dürfe nicht auf Kosten der Schwachen einem neuen Wirtschafts-Kapitalismus verfallen. „Wir haben die nötigen Potenziale, damit alle am Wohlstand teilhaben können.“ Pfarrer Karl Henschel stellte dennoch fest: „Die Sorgen und die Angst bleiben.“ Wolfgang Jäger von der IGBE-Schule bedankte sich bei den Geistlichen für die Solidarität und betonte: „Wir wollen ein soziales Land. Amen und Glück Auf!“

Am Nachmittag des vierten Tages kam Mikail Zopi, Leiter der IGBE-Schule, mit beruhigenden Nachrichten von der Kohlerunde in Bonn zurück. Der Absturz und Kahlschlag des Kohlebergbaus sei verhindert worden, Massenentlassungen werde es nicht geben. Das Rathaus wurde geräumt und sauber hinterlassen. Mikail Zopi dankte den Bürgern, der Halterner Zeitung, Bürgermeister Erwin Kirschenbaum, allen Ratsmitgliedern und der Polizei für den erwiesenen Beistand und die Gastfreundschaft.

Bundesregierung, Bergbau und Gewerkschaft hatten sich beim Kohle-Gipfel auf ein Konzept für den Subventionsabbau verständigt, mit dem Massenentlassungen vermieden werden sollten. Der Kompromiss sah vor, dass die Steinkohle-Beihilfen bis zum Jahr 2005 auf 5,5 Milliarden DM – und damit langsamer als zunächst geplant – abgebaut werden sollten. Bonn und Nordrhein-Westfalen verpflichteten sich, zusätzliches Geld bereitzustellen. Nach tagelangen Demonstrationen kehrten die Kumpel an Ruhr und Saar in ihre Zechen, die Seminarteilnehmer in ihren Unterrichtsraum zurück. Sie hatten gewarnt: „Wenn es an der Ruhr brennt, hat der Rhein nicht genügend Wasser, um dieses Feuer zu löschen.“

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