Vor 25 Jahren - Peiken-Heinz holt für immer den Fahnentod vom Tresen

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Die Gaststätte Peikenkamp ist in den Köpfen vieler Halterner noch immer lebendig. Dabei wurde dort schon vor 25 Jahren das letzte Bier ausgeschenkt - vom Wirt mit Kultstatus: Peiken-Heinz.

Haltern

, 25.09.2020, 17:00 Uhr

Der halbe Liter Bier kostete 1,90 Mark. Zigaretten konnte man einzeln kaufen, die Kippe West für 10 Pfennige. Zu später Stunde saß der Wirt auf einem Schemel an der Theke und schlief schon einmal vor, bis der nächste Gast in seine Richtung rief: „Heinz, mach´se mal noch´n Pils?“ Dieser Auftrag wurde dann mit stoischer Miene erledigt.

Das sind die harten Fakten, um die eine Geschichte über die Gaststätte Peikenkamp an der Rekumer Straße in Haltern nicht herum kommt. Vor 25 Jahren wurde dort das letzte Mal der Zapfhahn geöffnet. Danach zog sich Wirt Heinz Peikenkamp in den Ruhestand zurück.

Bis heute ist der Wirt Heinz Peikenkamp unvergessen

Bis heute ist der Mann „mit dem lockigen Haar“ (wegen einiger verbliebener Kringel im Haarkranz) unvergessen. Das liegt unter anderem daran, dass einige Generationen junger Halterner in seiner Kneipe erwachsen geworden sind und die Erinnerungen an eine Jugend mit Heinz Peikenkamp als Anker immer schöner werden.

So sah die Gaststätte kurz vor ihrer Schließung 1995 aus. Auch die Imbissbude nebenan war Kult.

So sah die Gaststätte kurz vor ihrer Schließung 1995 aus. Auch die Imbissbude nebenan war Kult. © Archiv

„Heinz war im Prinzip die Vor- und Nachbereitungsstätte für das Abi - also ein Lehrinstitut“, schrieb ein Facebook-Nutzer vor einiger Zeit. Gerne wurden Freistunden in der Kneipe mit den verblichenen Tapeten, dem dunklen Thekenholz und den beeindruckend riechenden Toiletten im Keller verbracht. Manchmal wurde hier auch einfach blau gemacht.

Es gab noch keine Handys, kein WhatsApp und keine Datingplattform im Internet. Peikenkamp war urige Kneipe, aber auch Jugendtreff, Sozialstation und Singlebörse.

Bild mit Seltensheitswert: Heinz Peikenkamp (hinten) konnte auch Karneval.

Bild mit Seltensheitswert: Heinz Peikenkamp (hinten) konnte auch Karneval. © Archiv U. Backmann

Um keine ehemalige Kneipe in Haltern ranken sich so viele Geschichten, ja Legenden, wie um die Gaststätte von Peiken-Heinz. Zum Markenzeichen der Gastwirtschaft gehörten die tönernen Halbliterkrüge. „Wo kommt der zu stehen?“, fragte Heinz seine Gäste, wenn er das Bier zum Tisch brachte. Anschließend folgte meistens ein „Wohlsein!“

Ob alt oder jung - Heinz machte bei seinen Gästen keinen Unterschied. Wegen der günstigen Preise „konnte man sich als armer Pennäler das Bier leisten“, erinnerte sich einer seiner Gäste von damals auf Facebook. Die Preisstruktur war so sensationell, dass die Zeitschrift „Stern“ das Halterner Lokal in den 1980er-Jahren zur drittbilligsten Kneipe in Deutschland erkor.

Kneipenszene in der Gaststätte Peikenkamp

Kneipenszene in der Gaststätte Peikenkamp © Archiv U. Backmann

Das ist in dem Beitrag „Halterner Originale: Peiken-Heinz“ von Bernd Marwitz im Halterner Jahrbuch 2019 nachzulesen. Er hat darin seine Erinnerungen an die Kultgaststätte zusammengefasst. „Auf der Zapfanlage stand immer eine rot-weiße Papppyramide mit einem Werbeschriftzug für `Fahnentod´.“

Auch in 1-Liter-Krügen wurde Bier ausgeschenkt

Weil es in der Kneipe oft gerammelt voll war und man dann länger auf sein Bier warten musste, sorgte ein Halterner Freundeskreis für eine individuelle Lösung. Von einem Ausflug zum Kreuzberg in der Rhön, wo Mönche eigenes Bier brauten, brachten die jungen Leute 1-Liter-Krüge mit und deponierten sie bei Heinz.

So musste in Stoßzeiten nicht so oft eine Bestellung aufgegeben werden.

Der Bierkonsum war natürlich beträchtlich. Wenn es über Tische und Bänke ging, sorgte Thea Droste, die Schwester von Heinz Peikenkamp, für Ordnung.

Perfekt wurde der Kneipenbesuch übrigens erst, wenn man in der Pommesbude Huch nebenan geordert hatte und die entsprechende Schale rübergebracht wurde. „Ansonsten gab es bei Heinz Nüsse und Salzstangen“, schreibt Bernd Marwitz in seinen Erinnerungen.

Jeder ehemalige Besucher kann eine Geschichte erzählen

Zu den Anekdoten, die sich bei Peiken-Heinz zugetragen haben, gehört sicher folgende, die ebenfalls von einem Facebook-Nutzer geteilt wurde: „Erlebte doch einmal, wie ein Gast seine Stiefel auszog und bei Heinz 2 Liter im Stiefel bestellte.

Die Szene wurde von Heinz mit durchgezogen. Der Gast (Studi) leerte den Stiefel tatsächlich und mit dem letzten Schluck sammelten sich vor seinem Mund die Strumpfflusen. Grinsen in der Wirtschaft. Skat wurde weiter gespielt. Stiefel war ja noch nass. Weiß nicht, wie lange er sich zum Trocknen bei Heinz in der Kneipe aufgehalten hat....“

Die alte Kneipentür der Gaststätte Peikenkamp wird in einem Schuppen in Haltern aufbewahrt.

Die alte Kneipentür der Gaststätte Peikenkamp wird in einem Schuppen in Haltern aufbewahrt. © Silvia Wiethoff

Der Kult um Heinz und seine Schankwirtschaft lebt fort. In einem Gartenschuppen in der Stadtmitte wird die alte Kneipentür aufbewahrt. Außen ist das Eichenholz natürlich hell, innen haben die Nikotinschwaden der Besucher für eine dunkle Patina gesorgt.

Eine Hand zur Klinke, die andere auf die Türmitte, um den Druck zu verstärken. Die Innenansicht der Kneipentür zeigt noch ihre Gebrauchsspuren.

Eine Hand zur Klinke, die andere auf die Türmitte, um den Druck zu verstärken. Die Innenansicht der Kneipentür zeigt noch ihre Gebrauchsspuren. © Silvia Wiethoff

In Höhe der Türgriffs befindet sich auf der Innenseite rechts eine helle Stelle. Hier haben die Besucher nach dem Auftanken Halt und den Weg nach draußen gesucht, ist sich der heutige Besitzer der Tür sicher.

Es gibt Halterner, die Autorin dieses Textes inbegriffen, die ihre Einladungskarte zum 50. Geburtstag ihres Stammwirtes bis heute aufbewahrt haben. Wer im August 1986 zur Party im Hof von Peikenkamp eingeladen war, gehörte zu den Auserwählten und ist immer noch ein bisschen stolz darauf.

Einladung an die Autorin des Artikels zum 50. Geburtstag von Heinz Peikenkamp

Einladung an die Autorin des Artikels zum 50. Geburtstag von Heinz Peikenkamp © Silvia Wiethoff

Es soll sogar einen Halterner geben, der sich einen der Klosteine aus der Rinne auf der Männertoilette gesichert hat. Dieser stehe noch heute in seinem Regal, berichtete ein Halterner im Gespräch mit der Redaktion, ohne Namen zu nennen.

Auf Heinz wurden sogar Lebensweisheiten gereimt. Als Dichter versuchte sich 1979 ein junger Halterner, der viel zu früh bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. „Manchmal wenn ich traurig bin,/ ganz elend ist mir dann,/ Geh ´ ich zum Peikenkämper hin,/ weil der mich heilen kann.“

Dieser Text über Heinz Peikenkamp wurde von einem Schüler und Stammgast in das Poesiealbum einer Halternerin geschrieben.

Dieser Text über Heinz Peikenkamp wurde von einem Schüler und Stammgast in das Poesiealbum einer Halternerin geschrieben. © privat

In der Schule habe sich der Schüler mit Shakespeares Sonetten befassen müssen und sei so inspiriert worden, ein eigenes Werk zu schaffen. Daran erinnert sich die Halternerin, der diese Zeilen über das Halterner Original Peiken-Heinz ins Poesiealbum geschrieben wurden.

Im Juni 1995 war dann Schluss für die alte Kneipe in Haltern, die schon die Eltern von Heinz Peikenkamp an gleicher Stelle betrieben hatten. Sein Bruder Gustav führte übrigens das Hotel Peikenkamp mit gutbürgerlicher Küche in der Merschstraße (heute Friseur Westhoff).

Zum Abschied wurde bei Peiken-Heinz nochmal gemeinsam gesungen und der alten Zeiten gedacht. „Oh Heinz, wir danken dir für eine schöne Zeit!“

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