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Warum der böse Wolf kein Grund ist, das Märchenbuch zur Seite zu legen

hzMärchen

Die Hexe, die böse Stiefmutter oder der Wolf: Märchen laden Kinder oft zum Gruseln ein. Warum man sie trotzdem noch lesen sollte, haben uns Halterner Kinder und Experten erklärt.

Haltern

, 23.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Der Wolf ging geradewegs nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die Türe. „Wer ist draußen?" - „Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf!" - „Drück nur auf die Klinke", rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen." Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang auf und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Die gruselige Szene aus Grimms Märchen „Rotkäppchen“ hat fast jeder schon mal gelesen oder vorgelesen bekommen. Auch in vielen anderen Märchen stecken Gewaltmotive. Warum also sollte man sie Kindern überhaupt noch vorlesen?

Zwei dicke Märchenbücher stehen im Anne-Frank-Kindergarten

„Ich mag Geschichten", erzählt die sechsjährige Alma. Gerne lässt sie sich im Kindergarten oder von Mama und Papa vorlesen. Auch Nevia, Merle, Kian und Alex hören gerne den Erwachsenen beim Geschichten lesen zu. Gemeinsam mit Alma besuchen sie den Anne-Frank-Kindergarten. Hier gibt es zwei dicke Märchenbücher, eins mit den bekannten Klassikern wie „Aschenputtel“ oder „Hänsel und Gretel“ und eins extra für Weihnachten.

„Da wird immer wieder draus vorgelesen. Zweimal im Jahr kommt außerdem ein Märchentheater zu uns", berichtet Kindergarten-Leiterin Anja Hardes. „Da ist schnell erkennbar, wie sehr alle mitgerissen sind." Ähnlich sieht es auch an der Katharina-von-Bora-Schule aus. In der dritten Klasse nehmen die Kinder das Thema Märchen durch und sind sowohl von den bekannten Klassikern, als auch von neuen Geschichten hellauf begeistert, berichtet Schulleiterin Vivi Klapheck.

Augen zu beim bösen Wolf

Doch sowohl die Kindergartenkinder als auch die Grundschüler gruseln sich vor dem einen oder anderen Märchen manchmal doch ein bisschen. „Als der Wolf kam und ich Angst hatte, hat Mama gesagt, ich soll mir die Augen zu halten", berichtet Alma von einem Theaterbesuch bei „Rotkäppchen“. Die Kinder der Katharina-von-Bora-Schule können auf Anhieb gleich mehrere Märchen-Bösewichte aufzählen, vor denen sie sich ein wenig fürchten.

„Ich weiß, dass einige klassische Märchen grausam wirken können", sagt die Halterner Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Petra Nollenberg. „Aber es kommt darauf an, welches Märchen ich für das entsprechende Alter des Kindes auswähle." Den „Froschkönig“ könne man zum Beispiel ohne Bedenken einem vierjährigen Kind vorlesen, während „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ erst ab ca. acht Jahren vorgelesen werden solle, so Nollenberg.

Eine besondere Heimeligkeit

Einer, der es wissen muss, ist Ludger Pötter. Der Hullerner ist nebenberuflich als Märchenerzähler tätig. Zum Gruselfaktor sagt er: „Natürlich können die Geschichten auch gruselig sein. Aber am Ende geht ja immer alles gut aus." Die Gewaltmotive mildern seine Begeisterung nicht: „Die Märchen bringen eine besondere Heimeligkeit rüber. Sie regen die Fantasie an und beinhalten oft Botschaften fürs Leben."

Im Leben von Sabine Lutkat spielen Märchen ebenfalls eine große Rolle. Sie ist die Vorsitzende der Europäischen Märchengesellschaft und arbeitet auch in ihrem Beruf in der Erwachsenenbildung viel damit. Sie sieht die Gewaltmotive nicht unbedingt als negativ: „Es hilft, sich mit dem auseinanderzusetzen, was einem Angst macht." Außerdem bleibe ein Märchen ja nicht bis zum Schluss gruselig: „Am Ende muss das Böse immer besiegt werden, es geht alles gut aus."

Am Schluss gibt es ein Happy End

Das positive Ende der Märchen hebt auch Petra Nollenberg besonders hervor: „Man soll Kinder ermutigen, dass sie Schwierigkeiten schaffen können. Das Ausklammern von Ängsten ist falsch. Und Märchen sind Mut machend. Es gibt immer eine Heldin oder einen Helden, der gegen das Böse kämpft, aber am Ende geht jedes Märchen gut aus." Und wenn es trotzdem gruselig ist, kennen Merle und Nevia einen guten Grund, warum man eigentlich gar keine Angst haben braucht: „Das ist ja alles nicht echt. Das passiert nur in der Geschichte."

Nun wollte der Jäger seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten, schoss nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief: „Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so dunkel in dem Wolf seinem Leib!" Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus.

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