Was Hasskommentare im Internet mit dem Holocaust-Gedenktag zu tun haben

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Konkrete Mahnungen für die Zukunft statt trockener Geschichte: Die Alexander-Lebenstein-Realschule hat zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung beeindruckende Parallelen ins Jahr 2019 gezogen.

Haltern

, 25.01.2019, 15:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gejagte Menschen, gefangen in dem Land, in dem sie aufgewachsen sind. Gefährliche Fluchtwege, auf denen viele Menschen sterben. Und andere Menschen, die in Hassreden Stimmung machen und die Bevölkerung anstacheln wollen. Früher nur auf Parteibühnen, heute auch offen in sozialen Netzwerken. Die Zehntklässler der Alexander-Lebenstein-Realschule haben beeindruckend geschildert, welche Lehren man im Jahr 2019 aus dem Holocaust ziehen kann.

„Was einmal geschehen ist, kann wieder geschehen.“ Mit diesen Worten des KZ-Überlebenden Imre Kertesz eröffnete Realschulleiter Frank Cremer seine Rede zum Holocaust-Gedenktag am Freitag. „Solche Früchte des unfassbar Bösen können immer wieder über unseren Köpfen heranwachsen“, sagte der Schulleiter: „Bis sie überreif wie eine faule Frucht uns wieder auf den Kopf fallen.“

Was Hasskommentare im Internet mit dem Holocaust-Gedenktag zu tun haben

Am Gedenk-Waggon auf dem Schulhof haben die Jugendlichen beklemmende Bilder aus der NS-Zeit abgestellt. © Kevin Kindel

Dabei wüchsen solche Früchte in letzter Zeit nicht einmal unbemerkt. Menschenverachtende Äußerungen von AfD-Politikern seien dabei nur die Spitze des Eisbergs. „Es schockiert mich, wie viele sogenannte Wutbürger es gibt, die jegliche Beherrschung verlieren und Andersdenkende beleidigen, anpöbeln und persönlich diffamieren.“ Cremer drehe es den Magen um, wenn er viele Kommentare unter Online-Artikeln liest.

Ganz gefährlich sei vor allem der Gewöhnungseffekt, der sich einzuschleichen drohe. „Wann ist der Punkt gekommen, an dem wir all diese unsäglichen Tiraden nur noch resignierend mit einem Achselzucken hilflos zur Kenntnis nehmen?“, fragte der Schulleiter. Im Erinnern an das Grauen der Zeit des Nationalsozialismus werde überdeutlich, wozu Hass, Intoleranz und Respektlosigkeit führen.

„Es ist herzzerreißend“

Alle Realschüler haben sich in dieser Woche zwei Tage lang mit Themen wie religiösen Unterschieden und Fluchtursachen beschäftigt. Die Zehntklässler haben zum Gedenktag ihre Klassenräume für Präsentationen geöffnet. Auf dem Schulhof haben sie Tagebucheinträge von Deportierten vorgelesen und Bilder niedergelegt.

„Es ist herzzerreißend, wenn man sich mit dem Holocaust beschäftigt“, sagt etwa die 15-jährige Verena Meintrup. Zusammen mit Catarina Wilms, Lisa Meinhardt, Kim Heisterkamp und Emely Hansen hat sie einen Radiobeitrag erstellt, in dem die Geschichte des jüdischen Mädchens Anne Frank mit der von syrischen Flüchtlingen heutzutage verglichen wird. „Es ist erschreckend“, sagt die Schülerin: „Die Erfahrungsberichte nehmen einen richtig mit.“

Hören Sie hier den Radiobeitrag der Schülerinnen:

Andere Gruppen beschäftigten sich zum Beispiel mit der Rhetorik der AfD-Politiker und zogen Parallelen zum Vokabular von Adolf Hitler und Hermann Göring. Die deutsche Geschichte sei für die Schüler viel greifbarer geworden, sagte Schulleiter Frank Cremer: „Ich hätte vor zehn Jahren nie gedacht, welche Aktualität diese Gedenktage bekommen.“

Umso wichtiger sei es, deutlich zu sagen: „Wir sind die Mehrheit. Respekt und Toleranz haben hier immer noch eine Mehrheit. Nicht der vor Hass geifernde Wutbürger.“ Alexander Lebenstein, Holocaust-Überlebender und Namenspate der Realschule, sei ein sehr gutes Vorbild: „Er hätte allen Grund gehabt zu hassen, stattdessen wurde er zum Botschafter für Toleranz und gegenseitigen Respekt.“

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