Wenn das Kind internetsüchtig ist - LWL-Haardklinik bietet Hilfe an

hzInternetsucht-Sprechstunde

Computersucht ist als Krankheit bei Kindern und Jugendlichen längst anerkannt. In Corona-Zeiten steigt ihr Medienkonsum noch. Ein neues Therapieangebot der Haardklinik soll nun gegensteuern.

von Ina Fischer

Haltern

, 29.07.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im virtuellen Raum ist es einfach, Freundschaften zu schließen, Anerkennung zu finden, Krisen heldenhaft zu bewältigen, Langeweile zu kompensieren oder einfach zu zocken, um Anspannung abzubauen. Jemand anders, beliebt, zu sein. Jemand, der Konflikte nicht mit eigenen Strategien lösen muss, sondern dank vorgegebener Spielregeln weiß, wo es langgeht. Der unglaubliches Inselwissen ansammeln kann - über Gott und die Welt.

Internetnutzung - Fluch oder Segen? Manchmal finden Kinder und Jugendliche den Weg aus der virtuellen Welt nur mit Mühe zurück. Wenn ihr Medienkonsum den Alltag bestimmt, sind sie gefährdet, an einer medienbezogenen Störung zu leiden, sagen Mathura Vigneswaran, Ambulanzärztin an der Haardklinik, sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Katrin Vogel, die seit März neu im Boot in Marl-Sinsen ist.

Ambulanzärztin Mathura Vigneswaran (l.) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Katrin Vogel haben an der Haardklinik ein neues Therapieangebot für Kinder und Jugendliche mit problematischem Medienkonsum aufgebaut.

Ambulanzärztin Mathura Vigneswaran (l.) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Katrin Vogel haben an der Haardklinik ein neues Therapieangebot für Kinder und Jugendliche mit problematischem Medienkonsum aufgebaut. © Ina Fischer

Die beiden Expertinnen bieten ab sofort eine neue Spezialsprechstunde gegen die medienbezogene Störung an. Geplant war die eigentlich schon Anfang 2019, doch der Weggang von Dr. Katerina Stetina-Popitz und der Corona-Lockdown haben den Starttermin immer wieder verzögert. Nun ist es endlich soweit. Das neue Therapieangebot behandelt mehr als Computerspielsucht.

„Die medienbezogene Störung geht weit über die als Krankheit anerkannte Gaming Disorder hinaus“, sagt Vigneswaran. Jungen seien oft klassische Zocker, Mädchen aber nutzten eher übermäßig social media-Kanäle. Selbst den exzessiven Konsum von Onlinepornographie, etwa das Verschicken von Nacktfotos, stellen Experten bereits bei Kindern und Jugendlichen fest.

Nutzung von Medien in Zahlen

Ein Blick auf die Statistik: Aktuell werde laut Vigneswaran bei drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen eine medienbezogene Störung diagnostiziert. Das klingt noch nicht überwältigend. Die Alarmglocken sollten aber schrillen angesichts der Zahlen, die Vogel liefert. Laut Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest nutzen Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren diverse Medien im Durchschnitt täglich 177 Minuten, darunter TV, Internet, Konsole und Smartphone. Jugendliche zwischen 14 und 19 halten sich pro Tag allein 205 Minuten im Netz auf.

Das löse bei Eltern und Lehrkräften auch Ängste aus. „Ängste, die nachvollziehbar sind, weil die Generation nicht mit diesen Medien aufgewachsen und deshalb verunsichert ist. Ängste, die aber nicht sein müssen“, so Vigneswaran. „In der Pubertät befindet sich das Gehirn im Umbau. Das ist wie eine Großbaustelle. Da passiert viel.“ Jugendliche täten da vieles exzessiv. Oft sei das für die Identitätsfindung sogar notwendig und kein Grund zur Sorge. Man sollte aber aufhorchen, wenn nur noch der Medienkonsum den Alltag bestimme.

Eltern sollen auf Alarmzeichen achten

Wenn Freunde und Hobbys links liegen gelassen werden, Dinge, die sonst wichtig waren, plötzlich wegbrechen, Schulprobleme, Entzugserscheinungen, Begleiterkrankungen wie Rückenprobleme, Übergewicht, Schlafstörungen oder Depressionen auftreten. Dann sei der Betroffene schon im pathologischen Bereich, also behandlungsbedürftig.

Ob es soweit ist, können Betroffene bei Vorlage ihrer Gesundheitskarte und einer Überweisung vom Kinder- oder Hausarzt in der neuen Spezialsprechstunde „LogIn“ der Haardklinik abklären - und auch, wie individuell therapiert wird, „sofern der Jugendliche uns in seine Welt einlädt“, so Vogel. Basis sei eine ambulante Therapie mit Einzel- und Familiengesprächen sowie halboffene Gruppentreffen.

Der totale Verzicht ist nicht machbar

Manchmal sei eine tagesklinische oder stationäre Behandlung ratsam, bei der die medienbezogene Störung wie jede andere Sucht auch therapiert werde - mit einem Unterschied: Der totale Verzicht ist nicht machbar, weil nicht realistisch. „Die virtuelle Welt ist attraktiv, da müssen wir Gegenvorschläge anbieten, bei denen man Erfolge auch außerhalb spürt.“ Ein erster Erfolg ist da das neue Angebot.

Gesprächstermine können über die Institutsambulanz unter Tel. (02365) 802 2402 vereinbart werden.

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