Anne F. und Klaus K. haben einen monatelangen Streit mit ihrem Vermieter hinter sich. Grund war eine feuchte Wand im Schlafzimmer. Für die Verbraucherzentrale ist das zurzeit häufig Thema.

Lippramsdorf

, 05.04.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Im Frühjahr und Herbst mehren sich in der Verbraucherzentrale Dorsten erfahrungsgemäß die Beschwerden von Mietern, die über feuchte Wände und Schimmel in ihren Wohnungen klagen. „Auch in diesem Frühjahr ist das wieder der Fall“, sagt Ruth Pettenpohl. Dabei ist nach Auffassung der Leiterin der Verbraucherzentrale völlig klar: Bei baulichen Mängeln muss der Vermieter den Schaden beheben.

Das dachten sich auch die Halterner Anne F. (52) und Klaus K. (59/Namen von der Redaktion geändert). Die Wand im Schlafzimmer ihrer Mietwohnung war monatelang pitschnass. Und damit begann ein Mietrechtsstreit, der die beiden eine Menge Kraft, Nerven und am Ende Geld gekostet hat.

Im Gespräch mit der Halterner Zeitung blickte das Mieterpaar jetzt noch einmal zurück. Alles begann in der Nacht zum 15. Dezember 2017. „Plötzlich tropfte es mir auf den Kopf. Ich dachte, ich träume“, erinnert sich Anne F. Geträumt hatte sie ganz offensichtlich nicht. Draußen stürmte es, dazu regnete es in Strömen. Dachpfannen hatten sich im Bereich der Dachgaube ihres Schlafzimmers gelöst, die Regenmassen die Rigipswand im Innern durchtränkt.

„Beobachten, wie es die Wand hinunter tropft“

Den Schaden meldet das Paar seinem Vermieter, der auch in Haltern wohnt, noch am 15. Dezember. Der schaut sich vier Tage später alles an. „Wir sollten das beobachten, meinte er“, sagt Anne F. „Dabei tropfte es die Wand hinunter.“ Zum Glück dokumentiert ihr Lebensgefährte den Schaden mit Handy-Videos. Etwa 14 Tage später wird das Dach notdürftig repariert. Bis dahin hatte es mehrfach stark geregnet und auch geschneit. Anne F. erinnert sich an die Worte des Dachdeckers: „Mit dieser Reparatur allein sei es nicht getan, hat er gesagt.“ Und: „Da muss ganz schnell etwas gemacht werden.“ Die Nässe sei ja schließlich auch noch unter den Dachpfannen gewesen, erklärt die 52-Jährige.

Anwältin: „Mietmängel kommen häufiger vor“

In diesen Fällen hat der Mieter ein Recht auf Mietminderung

  • Nach § 536 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) hat der Mieter ein Recht auf Mietminderung, wenn ein Mangel an der Mietsache – Haus oder Wohnung – besteht und deren „vertragsgemäßen Gebrauch“ erheblich einschränkt, und zwar solange, wie diese Einschränkung besteht. Es spielt keine Rolle, ob der Vermieter für den Mangel verantwortlich ist oder nicht.
  • Typische Fälle für Mietminderungen sind Feuchte- und Schimmelschäden, Lärmbelästigung, eine nicht funktionierende Heizung im Winter, Geruchsbelästigung.
  • Der Mietrückbehalt ist ein Druckmittel gegenüber dem Vermieter, einen Schaden zu beseitigen. Ist dies geschehen, muss der einbehaltene Mietanteil nachgezahlt werden.
  • „Mietmängel kommen häufiger vor“, sagt die Halterner Rechtsanwältin Katrin Auer. Sie rät Mietern daher, die Schäden ausführlich und dauerhaft zu dokumentieren. Empfehlenswert sei zudem eine Rechtsschutzversicherung.

Das Wasser tropft unterdessen weiter aufs Bett im Schlafzimmer. Es läuft sogar in kleinen Rinnsalen die Wand hinunter. Mit Orkantief Friederike löst sich am 18. Januar 2018 erneut mindestens eine Dachpfanne. Eine gründliche Reparatur ist indes nicht in Sicht.

Ruth Pettenpohl verweist für den Fall von Mietstreitigkeiten auf die Möglichkeit einer mietrechtlichen Beratung in der Verbraucherzentrale. Bei baulichen Mängeln könne dem Vermieter eine Frist zur Behebung des Schadens gesetzt werden. Nach Ablauf dieser Frist sei eine Mietminderung möglich.

Anne F. und Klaus K. wissen nicht mehr weiter. Sie suchen Rat bei der Halterner Rechtsanwältin Katrin Auer. Dem Vermieter wird tatsächlich eine Frist für die Dachreparatur gesetzt. Als sich bis Ende Februar noch immer nichts tut, mindern die beiden Mieter ihre Mietzahlung. Von den üblichen 650 Euro ziehen sie 20 Prozent ab - „in der Hoffnung, dass nun endlich etwas unternommen wird“, sagt Klaus K. Im März 2018 wird das Dach ordnungsgemäß repariert. „Aber nur das Dach“, betont Anne F. Die Nässe darunter bleibt unangetastet.

Ins Wohnzimmer ausgewichen

Die beiden Mieter übernachten längst auf der Couch im Wohnzimmer. „Im Schlafzimmer stank es und alles war klamm“, sagt Klaus K. Die Luftfeuchtigkeit habe bei 80 bis 90 Prozent gelegen. Auch im Folgemonat kürzen Klaus K. und Anne F. die Miete. Danach machen sie auf Anraten der Anwältin von ihrem Zurückbehaltungsrecht Gebrauch und stellen die Mietzahlungen für einige Monate komplett ein - „die Wand blieb ja schließlich feucht“, so Klaus K.

Im Mai werden die beiden vom Vermieter verklagt. Ein von ihm georderter Gutachter stellt fest, dass im Schlafzimmer nicht ordnungsgemäß gelüftet worden sei.


Verbraucherberaterin Ruth Pettenpohl kennt dieses Argument, das von Vermietern häufig genutzt werde. Die Ursache von Feuchtigkeit und Schimmel läge in 25 Prozent aller Fälle in Gebäudeschäden, in weiteren 25 Prozent im Nutzerverhalten (mangelhaftes Lüften) und in 50 Prozent der Fälle in einem Mix aus beidem.

Anne F. ist nierenkrank. Auch ihr Knie setzt ihr dermaßen zu, dass sie nicht mehr auf der provisorischen Schlafstätte übernachten kann. Seit April 2018 haben sie und ihr Lebensgefährte die 79-Quadratmeter-Wohnung verlassen. „Wir haben es in dieser Feuchtigkeit nicht mehr ausgehalten.“ Die beiden Mieter flüchten in ihr Wohnmobilheim auf einen Campingplatz in Reken.

Noch immer 70 Prozent Luftfeuchtigkeit im Raum

Die Nässe indes bleibt im Schlafzimmer der Lippramsdorfer Wohnung. Noch Ende Februar 2019 ist die Feuchtigkeit an der Dachschräge mit der Hand zu spüren. „Wie es wohl dahinter aussehen mag“, fragen sich Anne F. und Klaus K. Ein Hygrometer an der Wand zeigt 70 Prozent Luftfeuchtigkeit an. Das ist kein Raum zum Wohnen.

Einigung auf einen Vergleich

Vor dem Amtsgericht in Marl hat sich das Mieterpaar mit dem Vermieter unlängst auf einen Vergleich geeinigt. Klaus K. und Anne F. sollen 4400 Euro zahlen. Dabei gesteht ihnen der Richter die 20-prozentige Mietminderung für die ersten beiden Monate zu, aus denen auch das Video-Beweismaterial stammt. Weil es vom Zustand danach kein Beweismaterial gibt und dieser im Nachhinein auch nicht mehr zu klären ist, werden in dem Vergleich für die Folgemonate jeweils zehn Prozent Mietminderung berücksichtigt. Da der Vermieter die Einbauküche des Paares übernimmt, müssen unterm Strich 3400 Euro zurückgezahlt werden. Man einigt sich zudem auf den Auszug zum 28. Februar 2019.

Sachverständigengutachten hätte Rechtsstreit wohl entschieden

Rechtsanwältin und Notarin Katrin Auer, die die Anne F. und Klaus K. vor Gericht vertreten hat, bedauert den Ausgang dieses Mietstreits zutiefst. Zwar kann sie gut nachvollziehen, dass das Paar ein Verfahrensende herbeisehnte, weil die Nerven schlichtweg blank lagen. Zugleich aber hätte die Fachanwältin für Miet- und Wohnungseigentumsrecht es gerne auf ein Urteil ankommen lassen. „So ein Rechtsstreit entscheidet sich in der Regel durch ein gerichtlich bestelltes Sachverständigengutachten“, betont sie. Gerade vor dem Hintergrund der richterlich anerkannten Mietminderung in den ersten beiden Monaten aufgrund des Beweismaterials hätte die Rechtsexpertin sich große Erfolgsaussichten davon versprochen. Die Gutachter-Kosten aber hätten Anne F. und Klaus K. vorstrecken müssen. Das Risiko konnten und wollten beide nicht eingehen.

Miete trotz Schadens kassiert

Rechtsanwältin Katrin Auer ist enttäuscht: „Obwohl die Miete zu Recht gemindert wurde, müssen die Mandanten das einbehaltene Geld jetzt zum Großteil nachzahlen.“ Ihre Bilanz: „Der Vermieter lacht sich doch ins Fäustchen.“ Der Schaden sei nicht behoben, die Miete dagegen kassiert worden.

Wenn Mieter im Streit um feuchte Wände unterliegen

70 Prozent Luftfeuchtigkeit zeigt das Hygrometer im Schlafzimmer von Anne F. und Klaus K. an. © Ingrid Wielens

Anne F. und Klaus K. haben ihrem Vermieter die Wohnungsschlüssel zurückgegeben. Noch immer wohnen sie auf dem Campingplatz. Ein neues Zuhause suchen sie jetzt im Kreis Borken. Vom Vermieter übrigens war in dieser Sache auf Anfrage keine Aussage zu bekommen. Die Begründung: Es handele sich um eine private Auseinandersetzung.

Wenn es zum Streit mit dem Vermieter kommt

Verbraucherzentralen können bei der Erstberatung helfen

Bei einem Streit mit dem Vermieter, zum Beispiel bei Schäden in der Wohnung, bei Mieterhöhungen, Heizkostenabrechnungen oder Modernisierungen, gibt ein Mietrechtsexperte in der Verbraucherzentrale gegen ein Entgelt von 20 Euro ersten Rat. Wie Ruth Pettenpohl erklärt, schließe eine solche Erstberatung in der Verbraucherzentrale aber keine umfassende Rechtsvertretung ein. Für solche Fälle empfiehlt die Leiterin der Beratungsstelle einen örtlichen Mieterverein oder einen Rechtsanwalt. Darüber hinaus ist auch eine Energieberatung vor Ort möglich. Ein Experte analysiert die Situation, beispielsweise bei Schimmel oder Feuchtigkeit, führt Messungen durch und erforscht die Ursachen. Zudem schlägt er geeignete Gegenmaßnahmen vor. Dieses Angebot kostet 60 Euro. Nicht nur in Dorsten, auch in anderen Kommunen bieten die Verbraucherzentralen Mietrechts- und Energieberatung an.
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